Immer dieser Realismus ;)

In etlichen Kommentaren beim LLP jetzt wird immer wieder der Realismus erwähnt. Alles sollte so realistisch wie möglich beschrieben werden, meinen die Kommentatorinnen. Mit viel Recherche sollte die Autorin jedes Detail wie auf einem messerscharfen Foto abbilden, bloß nichts vergessen, was in einer Situation passieren könnte oder die Voraussetzung dafür ist.

Recherche ist wichtig, ganz ohne Zweifel, denn manchmal stehen einem wirklich die Haare zu Berge, wenn man merkt, dass die Autorin alle Grundlagen zu ihrem Roman nur aus dem Fernsehen oder aus Wikipedia kennt. Oder dass sie sogar überhaupt nicht recherchiert hat. Was besonders dann auffällt, wenn es um ein Szenario geht, das nun einmal Recherche erfordert.

Was aber auch wichtig ist, ist das Loslassen, dass Sich-trennen von der Realität, der Übergang in die Phantasie. Denn das ist es, was ein Roman ist: ein Phantasieprodukt. Ein Roman ist Fiktion, die Realität darf durchaus mit hineinspielen, ist sicherlich bei den meisten Romanen, die nicht gerade dem Fantasygenre angehören, auch die Grundlage des Handlungsablaufs, aber das Entscheidende ist die Phantasie der Autorin. Sie erfindet die Figuren, gestaltet sie und bestimmt den Aufbau der Geschichte, die Spannung, die Dramaturgie.

Und wie sie die mit ihrer Phantasie und ihrer Kreativität gestaltet, das bleibt ganz ihr überlassen. Es muss nicht jedes Detail stimmen, auch wenn die Autorin es kennt. Um Spannung zu erzeugen muss man oft über die Realität hinausgehen. Man sollte nicht zu sehr an der Realität kleben, sie eher wie eine Art Rahmen betrachten, den man durchaus auch einmal verlassen darf, wenn die Dramaturgie der Geschichte es erfordert.

Ich persönlich recherchiere nicht gern, das habe ich wohl auch schon das eine oder andere Mal erwähnt. Für Bauchschreiberinnen ist Recherche oft eine Qual. Kopfschreiberinnen können wiederum ohne Recherche oft gar nicht mit einer Geschichte beginnen. Beides ist erlaubt und absolut legitim, und beides führt, wenn die Autorin ihr Handwerk beherrscht, zum Schluss zu einer guten Geschichte.

Ich habe schon immer Geschichten erzählt, schon als Kind, und die Realität hat mich daran nie gehindert. Ich war von klein auf ein Star Trek-Fan und habe schon in frühester Jugend Geschichten geschrieben, die in einem Raumschiff spielten, obwohl da von Realität wohl keine Rede sein kann. Ich habe so eine Geschichte sogar einmal in der Schule als Aufsatz abgegeben, was meine Lehrerin sehr irritiert hat. Denn eigentlich war die Aufgabe gewesen, eine Schilderung zu schreiben.

Schilderungen fand ich damals nicht so spannend, weil sie keine Geschichte erzählen. Sie beschreiben nur das, was wirklich da ist. Man kann die Realität zwar ein bisschen biegen, indem man Atmosphäre erzeugt, aber man darf nicht davon abweichen, was wirklich zu sehen ist. Die einzige Möglichkeit, eine Schilderung etwas romanhafter zu gestalten, ist, Gefühle einzubringen, was ich dann auch bei der nächsten Schilderung, die ich in der Schule abgeben musste, getan habe. Das hat durchaus Spaß gemacht, denn dadurch kann eine Schilderung etwas Schwebendes, Mysteriöses erhalten. Dennoch ist sie immer noch der Realität verhaftet. Sie lässt weniger Raum für Phantasie als eine Romanhandlung.

Man muss also die richtige Balance finden, wo Realität angebracht ist und wo nicht so. Um auf mein Beispiel mit dem Raumschiff zurückzukommen: Wo sollte man das recherchieren, wenn man eine Geschichte wie in Star Trek schreiben will? Es gibt solche Raumschiffe nicht, bis jetzt sind bemannte Kapseln nicht weiter als bis zum Mond geflogen. Alle Geschichten, die darüber hinausgehen, entspringen rein der Phantasie. Wollte man sich an die Realität halten, dürfte man solche Geschichten überhaupt nicht schreiben.

Entscheidend ist nicht, ob etwas realistisch ist, sondern ob die Autorin uns glauben machen kann, dass das, was sie beschreibt, tatsächlich die Realität der Figuren ist, die sie erfunden hat. Dass so etwas in dieser Form passieren könnte, unter den Voraussetzungen, die in der erfundenen Welt gelten.

Jede Autorin erfindet ein Universum für sich, in das ihre Geschichten hineinpassen. Dieses Universum kann sich sehr von der Realität unterscheiden, und selbst wenn es Anleihen bei der Realität macht, habe ich als Autorin die Wahl, ob ich der Realität da immer den Vorrang einräumen will. Die Realität zu beschreiben kann sehr langweilig sein. Das wirkt dann oft so wie eine Dokumentation oder ein Tagebuch oder ein Zeitungsartikel. Ein Roman ist etwas anderes.

Ob eine Oberärztin tatsächlich in einer Ambulanz mitfährt, ist absolut unerheblich. Wenn die Autorin bestimmt, dass es so ist, ist es so. Es ist Grundlage ihrer Geschichte, ihres Universums. Die Leserinnen akzeptieren das normalerweise, ohne es überhaupt zu bemerken, wenn die Geschichte gut geschrieben ist.

Manchmal, wenn ich schreibe, denke ich: Das kann so überhaupt nicht funktionieren. Nehmen wir nur einmal die immer wieder gern beschriebene Situation, dass eine Frau die andere ins Schlafzimmer trägt. Welche Frau kann das? Wahrscheinlich gibt es Bodybuilderinnen, die das können, aber selbst gut trainierte Frauen hätten damit normalerweise Schwierigkeiten, es sei denn, eine der Frauen ist extrem groß und muskulös und die andere besonders klein und leicht.

Es ist aber offenbar eine romantische Vorstellung, die wir aus vielen Filmen und Büchern haben. Wir sind davon geprägt, auch wenn die Vorbilder ein Mann und eine Frau sind, wobei es dem Mann nicht schwerfällt, die Frau zu tragen.

Muss uns das nun davon abhalten, eine solche eigentlich unrealistische Situation zu beschreiben? Ich denke nicht. Wenn ich als Autorin denke, dass das nun einmal in dieser Szene passt und passieren muss, dann lasse ich es passieren. Es gibt keinen Grund, das nicht zu tun. Die Realität ist hier kein Maßstab, sondern die Romantik, das Kribbeln im Bauch, die Erotik.

Für eine Autorin ist es manchmal schwierig, den schmalen Grat zwischen Realität und Fiktion zu finden, aber wenn das Pendel in eine Richtung ausschlagen sollte, dann bitte lieber in Richtung Fiktion als in Richtung Realität. Das, was wir in unserem Kopf erschaffen können, sollte nie an dem gemessen werden, was die Realität uns vorgibt.

Wie hätte ich sonst je Taxi nach Paris schreiben können?

Und das war der erste von vielen Romanen, die bei el!es erschienen sind und die die Realität zugunsten einer schöneren, liebevolleren, romantischeren Welt vernachlässigen.

Denn das ist die Welt, die wir uns wünschen, auch wenn wir sie nicht jeden Tag haben.

Dennoch haben wir sie verdient. Deshalb gibt es die el!es-Bücher und deshalb freue ich mich über E-Mails von Leserinnen, die schreiben, dass ihnen diese Bücher ein Lächeln aufs Gesicht zaubern und sie den Alltag für eine Weile vergessen lassen.

Was kann man sich als Autorin und als Verlegerin mehr wünschen?

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People in this conversation

  • Claudia
  • Ruth Gogoll
  • Haidee S.
  • Haidee S.

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    Rated 5 out of 5 stars

    Liebe Ruth
    Vielen Dank für diesen aufschlussreichen Artikel!
    Erst kürzlich habe ich für meinen Roman 'Unter Kretas Sternen' folgende Rezension erhalten:

    Die Geschichte ist ziemlich weit hergeholt. Ich verstehe nicht, warum man der Geschichte immerzu unrealistische Wendungen geben muss? Ein bisschen mehr Realität wäre für mich wünschenswert.


    Ehrlich gesagt weiss ich nicht, was ich damit anfangen soll bzw. was mir eine solche Aussage nützt, denn alles, was meiner Meinung nach wirklich realitätsnah erzählt werden musste, um eben der Leserin kein falsches Bild von wirklichen und wichtigen Gegebenheiten zu vermitteln, entspricht eben gerade der Realität. Und dann spielt natürlich die Phantasie mit in die Geschichte hinein, so, dass Frau bestenfalls mal in eine andere Welt eintauchen und geniessen kann.
    Und wenn man als Autorin dann nicht einmal erfährt, welche Wendungen denn unrealistisch sind ... tja, dann macht es das für mich auch nicht einfacher, denn dazu fehlen mir leider die hellseherischen Fähigkeiten.

    Sonntag, 20. August 2017 13:29
  • Bevor ich mir ein Buch kaufe, überlege ich mir genau was ich will. Will ich eine Dokumentation oder einen Tatsachenbericht, die ich wahrscheinlich nicht in einem durchlese, oder möchte ich einen Liebesroman, der mich fesselt, träumen lässt, auch mal weg von der Realität bringt. Gerade das ist es doch, warum ich lese. Raus aus dem Alltag, hineintauchen in Phantasien.

    Wie Ruth schon sagt, man kann es nicht jedem recht machen und das ist auch gut so, in gewissem Maße.
    Die Rezensionen auf Amazon sind bei weitem nicht immer ehrlich, ich glaube das haben wir alle schon festgestellt.

    Und wie Ruth ebenfalls schon gesagt hat. Es ist ein schmaler Grad , den man entlang geht. Zwischen Realität und Langeweile.
    Was mir wichtig erscheint, kann für jemand anderen der Grund sein, das Buch aus der Hand zu legen.
    Der LLP bietet hier eine mega Chance. Nämlich viele verschiedene Meinungen einzuholen, subjektive Empfindungen.

    Montag, 21. August 2017 4:53
  • Ruth Gogoll

    Claudia Permalink

    Das ist ein ganz entscheidender Punkt: Man kann es nicht jedem rechtmachen. Das ist bei Büchern nicht anders als bei anderen Dingen im Leben. Wenn man versucht, es jedem rechtzumachen, wird man verrückt. ;)

    Es ist ja auch ganz offensichtlich, dass solche Rezensentinnen nichts vom Handwerk des Schreibens verstehen. Müssen sie auch nicht. Nur ist es eben ein ganz wichtiger Bestandteil des Handwerks, Überraschungen, unwahrscheinliche Wendungen und vielleicht auch einmal etwas Unrealistisches einzubauen, um die Spannung zu erhöhen und zu halten.

    Ein ganz und gar realistischer Ablauf wäre immer vorhersehbar und langweilig. Möglicherweise gibt es Leute, die so sehr in Realismus verliebt sind, dass sie das nicht langweilig finden ;), aber ich gehöre nicht dazu, und die Romane, die bei el!es erscheinen, sind auch nicht so. Was jede Leserin, die schon einmal einen el!es-Roman gelesen hat, wissen sollte. Und wenn sie dann trotzdem el!es-Romane liest, obwohl sie lieber Realität hätte, kann ich ihr auch nicht helfen. ;)

    Es gibt aber eine Menge Leute, die einfach nur gern meckern. Da kommt es gar nicht auf das Produkt an, über das sie berichten oder das sie rezensieren. Es geht ihnen nur darum, ihren Frust abzulassen. Und deshalb muss man sich auch nicht darum kümmern.

    Montag, 21. August 2017 11:10
  • Haidee S.

    Claudia Permalink

    Liebe Claudia, liebe Ruth :)
    Vielen Dank!
    Ihr habt ja absolut recht ;)
    Dank dem LLP habe ich die Chance bekommen, aus meinem ersten Manuskript einen schönen Roman zu machen, der dann als mein erstes Buch erschienen ist. Der LLP ist also eine grossartige Möglichkeit, seinen Traum in die Realität umzusetzen :) ... und da haben wir es wieder das tolle Wort 'Realität' ;)
    Lieben Dank und viele Grüsse
    Haidee S.

    Montag, 21. August 2017 9:07
  • Ruth Gogoll

    Haidee S. Permalink

    Am Anfang habe ich mich auch über solche „Rezensionen“ aufgeregt, aber dann sagte mir jemand etwas, was mir die Augen geöffnet hat: „Wenn jemand so eine Rezension schreibt, dann ist er nicht dein Zielpublikum.“

    Die Frau, die diese Rezension geschrieben hat, wollte Dir nicht helfen, Dich als Autorin zu verbessern, wie wir es hier beim LLP tun. Sie wollte keine konstruktive Kritik abgeben. Und deshalb musst Du Dich auch nicht darum kümmern, was sie schreibt. Denn es hat keinen Wert für Dich, keine Bedeutung. Sie ist nicht Dein Zielpublikum.

    Wäre sie es, hätte sie anders geschrieben. Du schreibst nicht für sie, sondern für diejenigen, die Deine Bücher gut finden. Das können niemals alle sein, so etwas gibt es nicht, aber es sind viele. ;)

    Deshalb ist es wesentlich empfehlenswerter, hier am LLP teilzunehmen, als solche Rezenzionen zu lesen. :)

    Sonntag, 20. August 2017 17:44

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