Ist Fluchen erlaubt?

In praktisch jedem LLP kommt die Diskussion wieder auf, weil es immer wieder Autorinnen gibt, die genauso schreiben wie sie anscheinend im Alltag reden. Und so kommen auch Schimpfwörter, Flüche usw. im Text vor. (Das Umgekehrte, dass die Autorin sehr hochgestochen schreibt, weil sie im Alltag beispielsweise Dozentin an der Uni ist, kommt übrigens auch vor, und auch dort sollte man nicht so schreiben, wie man im Alltag spricht.)

Schimpfwörter und Flüche sind tatsächlich Teil unseres Alltags. Wer hat nicht schon mal geflucht, wenn etwas schiefgegangen ist? Aber was man sagt und was man schreibt, sind zwei verschiedene Dinge, das ist Anfängerinnen im Schreiben – insbesondere wenn sie sich noch nicht mit dem Handwerk des Schreibens beschäftigt haben – oft nicht klar.

Hinzu kommt, dass die Sprache in dieser Beziehung mittlerweile sehr verroht ist. Als ich ein Kind war, wurden solche Wörter in der Familie nie benutzt. Und es wurde uns auch beigebracht, sie nicht zu benutzen. Wenn jemand solche Wörter benutzte, war das ein Zeichen dafür, dass er aus einer sehr schlechten Familie stammte, dass er keine gute Erziehung hatte, keine Manieren, sich nicht benehmen konnte oder wollte oder in einem unterprivilegierten Umfeld aufgewachsen war. Deshalb habe ich diese Wörter in meiner Kindheit so gut wie nie gehört, ich kannte sie gar nicht, sie gehörten nicht zu meinem Wortschatz.

Diese Art Erziehung und ein anständiges Umfeld bewahrten uns damals davor, dass uns solche Wörter einfach so entschlüpften oder dass sie Teil jeder Unterhaltung waren. Es traf mich jedes Mal wie ein Schlag, als ich später dann solche Wörter hörte.

Aber auch wenn ich sie in der Schule oder auf der Straße ab und zu hörte, benutzte ich sie trotzdem nicht. Das wäre mir unanständig vorgekommen. Ich war schon sehr, sehr erwachsen, als mir das erste Mal eins dieser Wörter entschlüpfte, und das war in einem Zustand höchster ärgerlicher Erregung, als ich so wütend war, dass das mein Sprachzentrum beeinträchtigte. wink Sie gehören immer noch nicht zu meinem normalen Wortschatz, und hinschreiben würde ich sie schon mal gar nicht.

Wenn jemand in meinen Büchern flucht, dann sagt sie: „Mist!“ oder „Blödsinn!“ oder etwas in der Art, und nur, wenn ich eine Figur als besonders gossenmäßig darstellen will, kommt ganz, ganz selten mal ein schlimmeres Wort vor.

Das ist dann aber Teil der Charakterisierung der Figur. Das heißt, wenn eine Figur solche Wörter benutzt, gehört sie nicht zur normalen, bürgerlichen Welt. Sie stammt aus der Gosse oder lebt darin. Oder es ist jemand, die so erscheinen will, eine Rolle spielt.

Wenn jedoch praktisch jede Figur in einer Geschichte so redet, was für eine Charakterisierung ist das? Dass alle aus der Gosse stammen oder darin leben? Das ist meistens nicht so gemeint. Die Autorin hat sich nur einfach keine Gedanken darüber gemacht, dass die Art, wie ihre Figuren reden, sie charakterisiert. Was für Anfängerinnen normal und üblich ist.

Wenn ich als Autorin keine Anfängerin mehr sein will, muss ich anfangen, mir über solche Dinge Gedanken zu machen. Ich kann nicht einfach hinschreiben, was ich sagen würde. Oder eine Figur so reden lassen. Ich muss mir bei jeder Figur überlegen, was ihre Art zu reden über sie aussagt.

Dialog zu schreiben ist etwas anderes als einfach nur ein Gespräch zu transkribieren, wie es vielleicht jeden Tag auf der Straße oder in einem Büro oder in der Schule oder auf dem Fußballplatz stattfinden könnte. Dialog zu schreiben bedeutet, jedes Wort hat Gewicht. Jedes Wort muss gut überlegt sein.

Und ein Schimpfwort oder ein Fluch besonders. Denn möglicherweise trifft es die Leserin wie ein Schlag, wenn sie es liest. Also muss es einen Grund dafür geben, warum eine Figur ein Schimpfwort benutzt oder einen Fluch hervorstößt. In einem el!es-Buch geschieht das nur in einer außergewöhnlichen Situation, nicht im Alltag in einem normalen Gespräch.

Das hat auch etwas mit den anderen Grundlagen des Handwerks des Schreibens zu tun, nämlich mit Spannung und Dramaturgie. Ein Schimpfwort oder ein Fluch markiert einen Höhepunkt in der Geschichte, eine Spitze, die herausragt, einen Zustand höchster Erregung, besonderer Wut oder außerordentlicher Unbeherrschtheit. Das alles kann es nicht in jedem Satz, in jeder Minute geben, sondern nur sehr selten, wenn eine Situation sich so zugespitzt hat, dass ein solcher verbaler Ausbruch unvermeidlich ist.

Anfängerinnen haben oft Probleme mit Dialog. Denn Dialog ist wirklich etwas vom Schwierigsten, das es beim Schreiben gibt. Einen Dialog natürlich klingen zu lassen bedeutet, dass man sich von der Alltagssprache lösen muss. Wenn man einen Dialog so schreiben würde, wie er in der Realität tatsächlich abläuft, liest sich das nicht gut. Trotzdem muss er sich so lesen, als ob er so auch im Alltag stattfinden könnte. Er darf nicht künstlich klingen.

Gute Dialoge zu schreiben ist deshalb keine leichte Aufgabe, und es verlangt viel Übung und Überlegung. Deshalb sind Dialoge oft auch das, was eine Leserin in ein Buch hineinzieht, wenn sie gut geschrieben sind, und was sie abstößt, wenn sie schlecht geschrieben sind beziehungsweise so, wie man wirklich spricht.

Es ist oft ein steiniger Weg, bis man von der Anfängerin zur Autorin reift, das können sicherlich einige der el!es-Autorinnen bestätigen. wink Gerade, wenn ein Buch sich leicht wegzulesen scheint, steckt oft sehr viel Arbeit dahinter. In der Tat ist Leichtigkeit beim Schreiben eine große Kunst, die nicht viele beherrschen.

Deshalb habe ich das Schreibforum für diejenigen Autorinnen eröffnet, die an sich arbeiten wollen, die lernen wollen, die besser werden wollen. Und die sich mit anderen Autorinnen austauschen wollen, auf einer freundschaftlichen Basis.

Denn Autorinnen werden nicht einfach so geboren, sie werden gemacht. Ja, es gibt Naturtalente, die ziemlich viel von dem, was andere mühsam lernen müssen, von Anfang an können. Aber selbst solche Naturtalente können immer noch etwas dazulernen. Und die meisten Leute sind keine Naturtalente, sondern müssen sich das Handwerk des Schreibens erst einmal aneignen, denn in der Schule und einfach so auf der Straße lernt man das nicht. Es gibt auch keine richtige Ausbildung dafür.

Außer tatsächlich hier auf der el!es-Webseite in der Schreibwerkstatt und noch viel besser und intensiver im Forum.

Wenn ich überlege, was für Diskussionen wir schon im Forum geführt haben, wie wir uns gegenseitig weitergeholfen haben, wie wir aneinander und miteinander gewachsen sind, muss ich sagen, das zaubert mir wirklich ein Lächeln aufs Gesicht. laughing Ich freue mich jeden Tag darüber.

Dort können die Autorinnen ihre Anfänge einstellen, ihre Ideen, ganze Kapitel oder Geschichten, und sie erhalten dort das ganze Jahr über dasselbe Feedback, wie es hier auf der Webseite nur beim LLP stattfindet.

Ich glaube, unser Forum ist ziemlich einmalig, und darauf bin ich stolz. Deshalb gibt es da auch gar keinen Grund zu fluchen. laughing

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Wer hat hier bereits Kommentare abgegeben?

  • Ruth Gogoll
  • Anja
  • Pia
  • Anja

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    Danke für Ihre Erklärung. :)
    Bin jetzt etwas verunsichert. Darf ich mich da als Anfängerin im Forum einfach Anmelden und mitmachen?

    Dienstag, 22. August 2017 11:45
  • Ruth Gogoll

    Anja Permalink

    Nein, so einfach ist das nicht. ;) Man muss zum Forum eingeladen werden, um dort mitmachen zu können. Es ist ein ganz privates kleines Forum, in dem die Teilnehmerinnen sozusagen handverlesen sind. :) Deshalb funktioniert es auch so gut und deshalb sind alle so nett zueinander und helfen sich gegenseitig.

    Eine Teilnahme am LLP ist jedoch eine gute Voraussetzung, um zum Forum eingeladen zu werden, denn so sehen wir nicht nur, was für einen Text eine Autorin geschrieben hat, sondern auch, wie sie auf Kritik reagiert und wie sie andere kritisiert, hilft, unterstützt, wie interessiert sie am Handwerk des Schreibens ist.

    Und wenn das alles gut aussieht, steht einer Einladung ins Forum eigentlich nichts mehr im Wege. :)

    Dienstag, 22. August 2017 13:08
  • Pia

    Permalink

    Dem kann ich nur zustimmen. Mich stört es auch immer, wenn in einem Text ständig geflucht und geschimpft wird. Deshalb lese ich auch nicht Bukowski. ;) Das stört einfach mein Lesevergnügen.

    Wenn ein Autor oder eine Autorin einen Text nicht gestalten kann, ohne dabei Schimpfwörter und Flüche zu benutzen, ist das kein Buch für mich. Ich möchte mich beim Lesen entspannen und eine gut ausgedachte und gut geschriebene Geschichte genießen, nicht ständig wie in einem sozialen Brennpunkt angeblafft werden.

    Geschmäcker sind verschieden. Es gibt Leute, die Bukowski als genial betrachten und ihn sich beim Schreiben als Vorbild nehmen oder seine Bücher gern lesen. Ich gehöre nicht dazu. Und ich kann dem el!es-Verlag nur ein großes Lob aussprechen, dass in den Büchern so gut wie keine Schimpfwörter vorkommen. :) Ich hoffe, dass das so bleibt.

    Dienstag, 22. August 2017 11:32

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