Realistisch realisierbar?

Sprache ist mein Metier, und deshalb müssen sich alle, die hier das Blog lesen, damit langweilen.

Das Blog nenne ich diese neuartige Tagebuchform und nicht – wie wohl die meisten – der Blog.

Blog ist eine Abkürzung von Weblog, und Weblog ist eine Abkürzung von Weblogbuch. Es heißt das Logbuch, also muß es auch das Blog heißen.

Der Blog ist meines Erachtens eine Übernahme von der Block, was hier aber nicht gemeint ist.

Ob nun aber jemand der Blog oder das Blog sagt, fällt meistens nicht weiter auf. Was jedoch auffällt, sind falsche Übernahmen aus dem Englischen, die den Sprecherinnen und Sprechern anscheinend gar nicht bewußt sind. Möglicherweise heißt das, daß diese Menschen weder Deutsch noch Englisch können, was äußerst bedauerlich ist, aber es heißt zumindest, daß sie schlampig mit der Sprache umgehen.

Und da steht auf einem der ersten Plätze das Wort realisieren. Die Bedeutung dieses Wortes scheint für viele durch das englische »realise« (britische Schreibweise, die amerikanische Schreibweise ist realize) völlig verloren gegangen zu sein.

»Etwas realisieren« heißt »etwas in die Wirklichkeit (Realität) umsetzen, real (wirklich) werden lassen«. Was soll dann aber bitte »Ich realisiere das, was du gesagt hast« bedeuten? Oder »Sie hat gar nicht realisiert, daß ich auch im Raum war«?

Im ersten Fall müßte ich demzufolge das in die Wirklichkeit umsetzen, was ich von der anderen Person gehört habe. Angenommen, die andere Person hat gesagt: »Ich fliege morgen mit dem Gleitschirm über die Sahara«, müßte ich also auch mit dem Gleitschirm über die Sahara fliegen? Scheint so.

Und daß jemand nicht »realisiert« hat, daß ich im Raum war? Wie hätte sie das tun sollen? Mich an die Wand nageln?

Wie aus den Beispielen hervorgeht, ist hier die Bedeutung des englischen »realise/realize« übernommen worden, das »erkennen, wahrnehmen, verstehen« bedeutet. Im Deutschen bedeutet es das aber nicht, die Übernahme und Anwendung mit dieser Bedeutung ist falsch. Man sollte also möglichst schnell zu »erkennen, wahrnehmen, verstehen« zurückkehren – was ohnehin viel besser klingt . . . und eindeutiger.

Noch so eine Unart, die aus dem Englischen übernommen wurde, ist »Ich erinnere«. Iiih, wer sagt denn so was?

Das Verb »erinnern« gibt es im Deutschen nicht, das Verb ist im Deutschen reflexiv und heißt »sich erinnern«. Im Englischen heißt es »to remember«, nicht reflexiv. Somit ist in der englischen Sprache »I remember that« richtig, »Ich erinnere das« im Deutschen ist hingegen falsch. Es heißt »Ich erinnere mich« oder »Ich erinnere mich daran«.

Durch den großen Einfluß Amerikas auf die Welt haben sich viele solcher Unarten eingebürgert, man hört sie oft sogar von gebildeten Menschen, denen man eine ausreichende Beherrschung der deutschen Sprache durchaus zutraut. Anscheinend wird jedoch auch von ihnen immer weniger auf die Sprache geachtet.

Gut, in Zeiten der »Rechtschreibreform« nicht verwunderlich, aber dennoch wenig erfreulich. Wie man mit der Sprache umgeht ist meines Erachtens auch ein Zeichen dafür, wie man mit sich selbst umgeht. Vor allem ist es ein Zeichen dafür, wie man denkt. Wer schlampig spricht und schreibt, der denkt auch schlampig, das stelle ich bei Manuskripten immer wieder fest.

Jemand, dessen Gedanken klar und eindeutig auf einen bestimmten Punkt zulaufen, dessen Sprache ist auch eindeutig und genau. Die meisten Leute denken jedoch keineswegs eindeutig und klar, und genauso ist die Sprache, die sie sprechen und schreiben.

Vielleicht ist es für die meisten Leute kein Ziel, eindeutig und klar zu denken – manchmal scheint es so –, aber diese Einstellung führt dazu, daß ich mich immer weniger mit dem, was ich sage und schreibe, identifizieren kann – und andere, die das lesen, schon gar nicht.

Das Hingeschriebene – ein Manuskript oder »Buch«, wie es die meisten bezeichnen, wenn sie uns etwas schicken, kann man es wirklich nicht nennen – soll einfach nur meinen verwirrten Geisteszustand darstellen? Ist das so? Wenn das so ist, sind die meisten Manuskripte tatsächlich perfekt.

Ich denke, das Englische und die Übernahme so vieler Begriffe aus der englischen Sprache hat tatsächlich dazu beigetragen, unseren Geisteszustand zu verwirren. Deshalb bin ich sehr dafür und plädiere immer wieder dafür, die deutsche Sprache korrekt anzuwenden.

Sie sorgt für Klarheit in unserem Gehirn.

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Wer hat hier bereits Kommentare abgegeben?

  • Ruth Gogoll
  • Nicole T.
  • Kristin aus N. am T.
  • Nicole
  • Marischka
  • Es gibt eigentlich überhaupt kein »Hochdeutsch«, sprachwissenschaftlich betrachtet.
    Darum ging es in dem Beitrag aber auch nicht. Es geht darum, wie schlampig oder korrekt man mit seiner eigenen Muttersprache umgeht.
    Daß die englische Sprache nützlich ist, das bezweifelt wohl niemand, ich am allerwenigsten, denn ich habe neben Deutsch auch Englisch studiert. :)
    Ich glaube aber nicht, daß die englische Sprache manchen besser gefällt und sie sie deshalb verwenden, weil sie etwas Neues ist. Die englische Sprache gibt es ja nun auch schon seit ein paar Jahrhunderten, so neu ist die nicht.
    Nein, ich glaube, die Schlampigkeit bei der korrekten Verwendung der deutschen Sprache hat eine ganz andere Ursache: Die meisten Menschen sind einfach nur faul. Das gilt so ziemlich für alle Menschen, Faulheit ist etwas uns Menschen Angeborenes, ich habe das hier im Blog ja auch schon einmal in einem Artikel thematisiert.
    Wir sind faul, und wir wollen uns möglichst wenig anstrengen. Das »Pidgin-Deutsch«, das heute so verbreitet ist, ist sehr viel einfacher anzuwenden als korrektes Deutsch, also nimmt man die einfachere Variante. Da dort sowieso niemand auf Rechtschreibung und Grammatik achtet, fällt das leicht.
    Lustig finde ich das Beispiel mit den englischen Liedtexten. Ja, ich stimme zu: Auf Deutsch klingen sie furchtbar. Aber ist das nicht eher ein Beweis dafür, daß sie auch auf Englisch furchtbar sind? Man versteht sie nur nicht so gut. :)
    Ich denke, wenn man seine Muttersprache liebt, sollte man sie auch korrekt anwenden. Egal welche Muttersprache es ist. Daß das Deutschen anscheinend so schwer fällt, ist bedauerlich.
    Wir können stolz auf unsere Sprache sein, sie ist die Sprache Goethes und Schillers, die Sprache von Luise Rinser und Ricarda Huch.
    Großartige Werke sind in deutscher Sprache entstanden, und dessen sollte man sich bewußt sein, oder würde man den »Faust« auch auf Pidgin-Deutsch oder »Denglisch« gut finden – würde man so etwas überhaupt hören wollen?
    Wie wohlklingend dagegen ist dies:
    <blockquote>
    Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
    durch des Frühlings holden belebenden Blick,
    im Tale grünet Hoffnungsglück;
    der alte Winter, in seiner Schwäche,
    zog sich in rauhe Berge zurück.
    Von dort her sendet er, fliehend, nur
    ohnmächtige Schauer körnigen Eises
    in Streifen über die grünende Flur.
    (<em>Goethe, Faust I, Osterspaziergang</em>;)</blockquote>
    Und dies hier:
    <blockquote>
    Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
    so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
    Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
    und hinter tausend Stäben keine Welt.

    Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
    der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
    ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
    in der betäubt ein großer Wille steht.

    Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
    sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
    geht durch der Glieder angespannte Stille –
    und hört im Herzen auf zu sein.
    (<em>Rainer Maria Rilke, Der Panther</em>;)</blockquote>
    Ebenso gibt es wundervolle Texte auf Englisch, von <em>Shakespeare</em> zum Beispiel:
    <blockquote>
    <strong>Sonnet 18
    </strong>
    Shall I compare thee to a summer's day?
    Thou art more lovely and more temperate:
    Rough winds do shake the darling buds of May,
    And summer's lease hath all too short a date:
    Sometime too hot the eye of heaven shines,
    And often is his gold complexion dimm'd;
    And every fair from fair sometime declines,
    By chance or nature's changing course untrimm'd;
    But thy eternal summer shall not fade
    Nor lose possession of that fair thou owest;
    Nor shall Death brag thou wander'st in his shade,
    When in eternal lines to time thou growest:
    So long as men can breathe or eyes can see,
    So long lives this and this gives life to thee.
    </blockquote>
    Wundervoll, einfach wundervoll. Mein absolutes Lieblings(Liebes)gedicht.
    Wenn man dieses Englisch auf Deutsch übersetzen würde, würde es in keiner Weise furchtbar klingen. Weil das Original eben nicht furchtbar klingt, weil es so gut ist.
    Und wenn mich jemand mit diesem Englisch ansprechen würde, hätte ich nicht im entferntesten etwas dagegen. :)

    Samstag, 3. November 2007 22:25
  • Nicole T.

    Permalink

    Hallo,
    ich sehe das selbst ein Bisschen anders.
    Sicher sind Fehler wie realisieren im falschen Zusammenhang oder Ähnliches nicht schön. Aber die englische Sprache bringt uns auch näher. Ich spreche regelmäßig mit ausländischen Freunden oder schaue mir ausländische Filme an. Die englische Sprache als Basis ist dabei unerlässlich. Das häufige Verwenden der Sprache sorgt dann dafür, dass einige Wörter in die Sprache reinrutschen. Mir ist es sogar schon mehrmals passiert, dass ich einen englischen Film geschaut habe und beim Schreiben hatte ich dann richtige Schwierigkeiten deutsche Wörter zu finden. (Gewöhnungseffekt!)
    Ich finde auch nicht, dass der zunehmende Gebrauch der englischen Sprache bedeutet, dass man sich vor Gefühlen schützen will. Sorry bleibt ja tut mir leid und I love you ich liebe dich. Ich denke eher, dass vielen die englische Sprache besser gefällt, weil sie mal etwas neues ist. Zudem lassen sich viele Dinge im Englischen viel schöner sagen als im Deutschen. (das mekrt man zum Beispiel, wenn man sich mal die Mühe macht englische Liedtexte zu übersetzen. Die schönen Texte klingen im Deutschen nahezu furchterregend!)
    Abschließend möchte ich noch darauf hinweisen, dass die deutsche Sprache schon immer einem stetigen Wandel unterlag. Hochdeutsch gab es schließlich auch nicht von heute auf Morgen.

    Samstag, 3. November 2007 20:25
  • Kristin aus N. am T.

    Permalink

    Auch ich bin der Meinung, daß Sprache und Denken in einem engen Zusammenhang stehen. Eine klare Äußerung setzt klare Gedanken voraus. Mit Hilfe der vielen Anglizismen wird eine Flucht vor Präzision und Klarheit leicht gemacht. Aber warum flieht man? Was ist so schlimm an Klarheit? Ist es Angst? Das kann ich mir bei Gefühlsäußerungen gut vorstellen. Aus Angst wahre Gefühle zu zeigen, wird schnell „I miss you“ geflüstert und nicht „Ich vermisse Dich“ oder „sorry“ an Stelle von „Verzeih mir!“ oder „I love you“ und nicht „Ich liebe Dich!“.
    Mir gefällt nicht, daß unsere Muttersprache immer mehr ersetzt wird und sogar schon von „Denglisch“ geredet wird. Vielleicht denken viele aber auch, daß sie als altmodisch, provinziell oder gar nationalistisch gelten, wenn sie deutsch sprechen. Das finde ich traurig. Haben wir denn gar kein Selbstwertgefühl, daß wir uns zu so einer sklavischen Übernahme hergeben? Ich bemühe mich jedenfalls, die Anglizismen zu umgehen (genauso wie Fremdwörter), damit ich eines Tages nicht so rede:
    <blockquote>„Wir schlüpfen morgens easy in unseren Slip, T-Shirt oder unseren Body, breakfasten bei Mc Donald`s, lunchen im nächsten Fast-Food, holen unser Bier im Sixpack und zu unserer Verschönerung eine Moisture-Cream im Body-Shop, gehen zum Hair-Stylist, informieren uns am Service-Point, fahren mit unseren Kids im Inter-City, für den wir das Ticket am Service Point oder Counter erworben haben, zum Fußballspiel und sehen unser Team in den Away-Shirts, sitzen am Computer, am Scanner oder am Laptop, betätigen uns als Online-Sufer, bezahlen für unsere CityCalls ... und die Jüngeren finden das meist cool und die Älteren meist nicht o.k.!“
    vgl. Kurzmann, Gerhard; Sprachkultur oder Sprachverfall?; 2000</blockquote>
    Schön, daß auch solche Themen hier, in dem Tagebuchforum angesprochen werden. Das regt zum Nachdenken an.
    In diesem Sinne,
    Kristin!
    P.S.: Dem Anspruch, die deutsche Sprache korrekt anzuwenden, werde ich selbst nicht immer gerecht...nicht nur aber immer dann, wenn ich etwas schnell erledige!!! Darüber ärgere ich mich dann, weil ich meine eigene Muttersprache nicht beherrsche!

    Donnerstag, 1. November 2007 21:56
  • Nicole

    Permalink

    Oh ja! Ich rege mich da immer auf! Das ist doch die Misshandlung der deutschen Sprache.
    Und es schlägt überall zu ... selbst beim kleinen Metzger nebenan gibt es "Leberkäs' to go".
    Ja, ja, das Land der Dichter und Denker ...

    Donnerstag, 1. November 2007 14:17
  • Marischka

    Permalink

    Noch so eine Unart:
    <em>Ich würde das nicht gesagt haben.</em>
    Was ist aus dem guten, alten »hätte« geworden? Der Satz lautet im Deutschen korrekt:
    <em>Ich hätte das nicht gesagt.</em>
    »Würde« ist der Konjunktiv von »werden« und beschreibt demzufolge etwas Zukünftiges. Im Perfekt (oder Plusquamperfekt) hat dieses Wort nichts zu suchen.

    Donnerstag, 1. November 2007 12:45

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