Wieso bekomme ich nie etwas fertig?

... fragen sich eine ganze Menge Leute immer wieder. Für die meisten ist Schreiben ja nicht ihre Hauptbeschäftigung, sondern allenfalls ein Hobby neben Schule, Studium oder Beruf. Das heißt, die Zeit fürs Schreiben ist nicht einfach so da, die muss man sich nehmen, man muss sie von anderen Aktivitäten abzweigen. Und das ist nicht immer so einfach, je nachdem, wie viel man zu tun hat.

Da ist die Pomodoro-Technik, die ich vor ein paar Tagen schon einmal in einem Kommentar zum NaNoWriMo erwähnt hatte, eventuell eine Hilfe. Obwohl behauptet wird, dass die ein Italiener in den 80er Jahren „erfunden“ hätte, kann man das so eigentlich nicht sagen. Er hat der ganzen Sache nur einen marketingträchtigen Namen gegeben – in der Tat hat er sie nach seiner eigenen Eieruhr in Tomatenform benannt – und war anscheinend schon damals so gut vernetzt, dass sich diese seine Methode schnell herumgesprochen hat.

Die Tomateneieruhr zum Schreiben

Wenn ich das richtig verstanden habe, war der junge Mann damals wohl Student und auch einer dieser Leute, die schwer unter „Prokrastinationsanfällen“ leiden, sprich immer alles auf die lange Bank schieben und dann in Stress geraten, weil sie es auf die letzte Minute noch fertigbekommen wollen, eine Hausarbeit für die Schule oder für die Uni zum Beispiel oder eventuell auch Aufgaben, die man im Beruf zu erledigen hat.

Unter Studenten ist Prokrastination so extrem verbreitet, dass es eine ganze Menge YouTube-Videos speziell für diese Bevölkerungsgruppe gibt, die dem Abhilfe schaffen sollen. Irgendwie gibt es gar kein deutsches Wort, das die Bedeutung von Prokrastination so richtig widerspiegelt. Man könnte es vielleicht mit „Verzögerungstaktik“ übersetzen, aber eine Taktik ist es ja eigentlich nicht. Es ist mehr eine Organisationsschwäche, könnte man sagen. Eine Schwäche, sich seine Zeit richtig einzuteilen und die richtigen Prioritäten zu setzen.

Wenn man einen Chef hat, der einem sagt: „Du machst das jetzt sofort, und in einer Stunde will ich das auf dem Tisch haben“, hat man das Problem normalerweise nicht. Außer vielleicht, dass der Chef sich da verschätzt hat und es länger dauert. Aber wenn man eher selbständig arbeitet, sich seine Arbeit also selbst einteilen muss, kommt es sehr schnell zu diesem Problem ⏳, wenn man das selbständige Arbeiten noch nicht gelernt hat.

Und davon sind Studenten und Studentinnen natürlich wirklich fast am meisten betroffen, denn wenn sie gerade erst von der Schule kommen, sind sie noch halbe Kinder und müssen dann im Studium zum ersten Mal selbst entscheiden, was sie wann erledigen wollen und müssen, zum ersten Mal beurteilen, wie lange man für eine Arbeit braucht und wann man spätestens damit anfangen muss, damit man rechtzeitig fertig wird. Wenn man noch sehr jung ist, neigt man dann eher dazu, die Sachen liegenzulassen und lieber etwas anderes zu tun.

Dann kommt aber der Abgabetag für die Hausarbeit oder was immer es ist bedrohlich näher, und schon kommt man ins Schwitzen, fängt in der Nacht vor dem Abgabetermin erst an, arbeitet die Nacht durch (wobei man sich eventuell noch eine Koffeinvergiftung holt, weil man sich ständig mit Kaffee wachhält 😴☕😒), wird vielleicht tatsächlich auf die letzte Minute fertig, aber zu welchem Preis? Die Arbeit durfte unter solchen Bedingungen nicht besonders gut ausfallen, weil man ja gar nicht genügend Zeit hatte, sie ordentlich anzufertigen, das Recherchematerial zu sichten oder sonst etwas. Man muss also früher anfangen.

Manche bekommen ihre Arbeiten auch gar nicht erst fertig, das ist dann natürlich noch viel schlimmer. Es sei denn, man hat das Geld, sich einen Ghostwriter zu leisten. Diese Branche boomt in den letzten beiden Jahrzehnten gewaltig. Dort kann man sich ganz bequem seine Hausarbeiten, Examensarbeiten wie Bachelor oder Master und sogar seine Doktorarbeit von einem Fremden schreiben lassen, dessen Name nirgendwo auftaucht. Man reicht die Arbeit unter seinem eigenen Namen ein und bekommt eine Note dafür, hat sich die ganze Recherche-📚 und Schreibarbeit 📝 gespart und konnte die Zeit angenehmer beim Feiern 🎆🎉 mit seinen Freunden 💃 verbringen.

Manche Leute möchten ihre Sachen aber doch lieber selbst schreiben, und anders als bei Arbeiten für die Uni hat es wohl wenig Sinn, wenn man einen Roman schreiben möchte und sich den dann von jemand anderem schreiben lässt. Es sei denn, man ist irgendeine Celebrity, deren völlig uninteressantes Leben zu einem Bestseller verwurstet wird.

Wir gehen jetzt aber einfach mal davon aus, wir sind (noch) nicht berühmt, möchten einen Roman schreiben – und zwar selbst – und müssen irgendwie die Zeit dafür finden und so effizient wie möglich nutzen. Da kommt die Pomodoro-Methode ins Spiel.

Wir haben also unsere Eieruhr in Tomatenform und stellen sie auf 25 Minuten ein – Start – Schreiben, bis der Arzt (oder die Ärztin) kommt oder eher: Schreiben, bis die Eieruhr klingelt. Dann machen wir 5 Minuten Pause, stellen die Tomatenuhr wieder auf 25 Minuten, und das Ganze geht von vorne los. Auf diese Art strengt man sich während der 25 Minuten weit mehr an, als man es ohne diese Beschränkung tun würde. Selbstverständlich gibt es dafür auch Apps. Einfach mal danach gucken, gibt es für Windows, Android und Mac. Die machen dann alles automatisch, klingeln nach 25 Minuten, machen 5 Minuten nichts, klingeln dann wieder für die nächsten 25 Minuten usw.

Die App hat alles im Griff ;)

Ich habe das selbst ausprobiert, und es ist erstaunlich, wie gut das funktioniert. Für den NaNoWriMo tippt man dann so schnell man kann ohne Punkt und Komma, auch Tippfehler werden nicht korrigiert, das macht man später. Man versucht einfach, so viele Wörter wie möglich in diesen 25 Minuten aufs Papier oder in den Computer oder auch ins Handy zu bekommen. Manche Leute tippen ja wirklich sehr schnell auf dem Handy, und so kann man auch die Zeit, die man im Bus sitzt oder beim Arzt oder sonst irgendwo für eine „Pomodoro“-Einheit, eine Tomatenscheibe, nutzen.

Wobei mir gerade auffällt, dass der NaNoWriMo diese „Scheibchentechnik“ ja ganz gut widerspiegelt, wenn man diese Grafik hier so anschaut 😉:

Scheibchenweise zum Ziel

 

Ursprünglich war es so gedacht, dass man 4 solche Einheiten hintereinander absolviert, immer mit einer Pause von 5 Minuten dazwischen, also 4x30 Minuten, somit zwei Stunden insgesamt. Danach macht man dann eine längere Pause, vielleicht 15 Minuten, vielleicht 30 Minuten oder vielleicht auch eine Mittagspause von einer ganzen Stunde und fängt danach mit der nächsten „Pomodoro-Session“ an. Das ist natürlich auf Studenten abgestimmt bzw. auf Leute, die sonst nichts anderes zu tun haben. Wenn man noch einen Beruf hat, wird man das so höchstens ganz früh am Morgen, bevor man zur Arbeit geht, oder abends, wenn man von der Arbeit zurückkommt, machen können.

Manche TeilnehmerInnen des NaNoWriMo empfehlen, man sollte während des NaNoWriMo jeden Tag schon um fünf Uhr aufstehen, damit man dann bis sieben Uhr so eine Pomodoro-Session absolvieren kann, bevor man zur Arbeit geht. Wer das schafft, schön. Aber für mich ist so frühes Aufstehen nichts. 😊 Die andere Alternative – nach der Arbeit – ist wahrscheinlich auch nicht so einfach, weil man dann unter Umständen schon vom Tag erschöpft ist. Aber eventuell ist das leichter zu bewerkstelligen als das frühe Aufstehen.

Es gibt ja die „Lerchen“, die morgens schon wach sind, und die „Nachteulen“, die eher abends wachwerden, also das muss man dann selbst wissen, zu welcher Gruppe man gehört und wie man das am besten macht.

Die Technik an sich ist aber empfehlenswert, wenn man möglichst schnell möglichst viele Wörter geschrieben haben möchte. Die im NaNoWriMo geforderten 1.667 Wörter kann man in so einer 2-Stunden-„Tomate“ jedenfalls bequem schaffen. Und so muss man dann auch nie wieder fragen: „Warum bekomme ich nie etwas fertig?“ 😎

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