Der unselige Perfektionismus

Perfektionismus wird meistenteils – zumindest in Deutschland – als etwas durchaus Positives betrachtet. Zuverlässigkeit und Genauigkeit bei der Arbeit sind einige der am meisten geschätzten deutschen Tugenden. Sogar bei unseren Hobbys kommt das oft zum Tragen, ich denke da nur an so etwas wie Briefmarkensammeln.

Auch beim Schreiben, beim guten Schreiben, ist ein gewisser Perfektionismus nicht ganz unnütz. Doch das Wort „perfekt“ trägt es schon in sich: Es kann nie genug sein. Perfekt bedeutet absolut fehlerlos, und das ist ehrlich gesagt unmenschlich. Einen perfekten Menschen gibt es nicht, und es ist auch gut, dass es so ist, denn jemand, der sich für absolut perfekt hält und vielleicht sogar daran arbeitet, das tatsächlich zu sein, ist sicherlich so ungefähr einer der unangenehmsten Menschentypen, die man sich vorstellen kann.

Auch ein perfektes Buch gibt es nicht. Es gibt sehr gute Bücher und weniger gute Bücher, aber selbst in den besten, in den hervorragendsten Büchern sind meistens noch Fehler enthalten, der eine oder andere Tippfehler, der beim Lektorat übersehen wurde, oder auch Fehler im Aufbau der Geschichte, im Spannungsbogen, im Anfang, in der Mitte oder am Ende. Jede Autorin hat ihre Schwächen, die sich dann in den Büchern mehr oder weniger ausgeprägt zeigen, genauso wie ihre Stärken.

Normalerweise lesen wir über solche Dinge hinweg, wenn die Geschichte spannend ist, wenn sie uns dazu bringt, schnell eine Seite nach der anderen umblättern zu wollen, um zu wissen, wie es weitergeht, wie die Geschichte ausgeht.

Wenn man jedoch perfektionistisch veranlagt ist oder es unbedingt sein will, kann man das kaum. Man bleibt an jedem auch nur leicht falsch geschriebenen Wort hängen, an jeder grammatikalischen Konstruktion, die nicht den eigenen Ansprüchen entspricht, und kann dann die Geschichte, so gut sie auch sein mag, vielleicht gar nicht richtig genießen.

Als Leserin oder Leser ist das schon schlimm genug, aber was ist, wenn man auch beim Schreiben auf jeden kleinsten Fehler achtet, so dass man kaum weiterschreiben kann, ohne dass der Fehler behoben ist? Das kann ein Tippfehler sein oder aber auch ein Fehler in der Geschichte, eine Szene, mit der man unzufrieden ist.

Ich habe ja kürzlich in einem Kommentar zum NaNoWriMo schon meine Methode des Schreibens erklärt. Ich schreibe aus dem Bauch heraus, durchaus mit einem Ziel vor Augen, wo die Szene enden soll, aber nie mit einer ganz genauen Vorstellung, wie sie abläuft. Manchmal endet sie dadurch auch nicht da, wie ich es mir im Voraus gedacht habe. Mittlerweile kann ich aber recht gut auf ein Ziel in einer Szene hinarbeiten.

Die Szene entwickelt sich aus dem Augenblick heraus, läuft quasi wie ein Film vor mir ab, ich sehe meine Figuren gewisse Bewegungen machen, ich höre sie auf gewisse Art sprechen, ich fühle zum größten Teil, was sie fühlen. Logischerweise hängt das auch von meiner eigenen Tagesform ab, so dass ich an einem Tag eine Szene schreibe, die ich so an einem anderen Tag vielleicht nicht schreiben würde. Manchmal warte ich auch tagelang darauf, in der richtigen Stimmung für eine bestimmte Szene zu sein.

Wenn ich die Szene dann geschrieben habe, lese ich sie meistens noch einmal durch, korrigiere vielleicht noch Kleinigkeiten, schreibe dann aber weiter, wenn sich die Geschichte in meinem Kopf weiterentwickelt. Am nächsten Tag, nachdem ich morgens aufgestanden bin, lese ich das, was ich am Vortag geschrieben habe, noch einmal durch, korrigiere weitere Fehler, oder vielleicht fühle ich mich an diesem Tag etwas anders, sehe die Szene etwas anders, ändere noch etwas. Meistens sind das aber nur Kleinigkeiten.

Wenn ich mich nun perfektionistisch an so eine Überarbeitung begeben würde, könnte es sein, dass ich damit nie fertig werde, denn man findet immer noch etwas, wenn man sucht, auch beim zehnten Durchlesen noch. Das würde also extrem aufhalten, deshalb mache ich normalerweise weiter, wenn ich die Szene einmal durchgelesen und ein paar kleine Änderungen vorgenommen habe. Die Szene bleibt ja in meinem Kopf, da sie noch frisch ist. Wenn mir im Nachhinein noch etwas einfällt, kann ich das immer noch ändern. Das muss nicht alles beim ersten Durchlesen am Morgen sein.

Ich ärgere mich zwar oft, wenn ich eine Szene vielleicht sogar mehr als einmal durchgelesen und immer noch Fehler übersehen habe, aber das ist nun einmal menschlich, damit muss man sich abfinden. Dass ich mich überhaupt darüber ärgere, zeigt, dass ich durchaus perfektionistische Züge habe. Ich versuche dem aber entgegenzuwirken.

Kürzlich habe ich einmal wieder gemerkt, was passiert, wenn man das nicht tut. Dabei ging es um etwas anderes, nämlich um Musik, um das Üben eines Stückes, aber das ist sehr vergleichbar. Auch Musik, wenn man sie selber macht, fällt einem nicht einfach so in den Schoß. Um ein Instrument zu erlernen, muss man jahrelang üben. Je nach Instrument kann das sehr, sehr viele Stunden erfordern. Und auch hier gilt wieder: Übung macht zwar die Meisterin, aber zu viel Übung ist manchmal auch nicht gut.

Wenn man nämlich keinen so guten Tag hat, sich nicht so gut fühlt, dann viele Fehler macht und mit aller Gewalt diese Fehler ausmerzen will, tut man genau das Falsche. Man übt nämlich eigentlich diese Fehler ein, da man ja immer wieder falsch spielt.

Bei einem Instrument gibt es da das sogenannte Muskelgedächtnis, das zum Beispiel die Fingerbewegungen koordiniert, wenn man Klavier, Geige oder Saxophon spielt. Mit der Zeit darf man nicht mehr darüber nachdenken, wie man die Finger setzen muss, um den richtigen Ton zu treffen oder den richtigen Akkord zu erzeugen, das geht alles ganz automatisch, unsere Muskeln haben sich den Ablauf und die richtige Position gemerkt.

Logischerweise beurteilen unsere Muskeln aber nicht, ob das, was wir da üben, tatsächlich der richtige Ablauf und die richtige Position ist. Üben wir also falsche Abläufe und falsche Positionen, werden auch die gehorsam abgespeichert, so dass wir sie jederzeit schnell wieder abrufen können. Üben wir die falschen Abläufe mehr als die richtigen, kommen uns die falschen Abläufe zuerst in den Sinn, und wir müssen sie uns mühsam wieder abtrainieren, wenn uns das bewusst wird. Wir brauchen  also zum Schluss mehr Zeit, um uns diese Dinge abzutrainieren, als wenn wir sie uns gar nicht erst antrainiert hätten. Sprich: wenn wir weniger geübt hätten zu dem Zeitpunkt, als es uns nicht so gut ging und wir dadurch viele Fehler gemacht haben. Immer und immer wieder, weil wir es unbedingt richtigmachen wollten.

Das hält also sehr auf, kostet zusätzliche Zeit, die wir uns hätten sparen können und die wir für das richtige Spielen, das uns dann ja auch Freude macht, hätten verwenden können.

Analog kann man das auch beim Schreiben sehen. Vielleicht üben wir durch zu viel Perfektionismus nicht unbedingt das Falsche ein, aber wir verlieren Zeit, die wir für das Weiterschreiben der Geschichte verwenden könnten. Wir treten auf der Stelle, nur um vielleicht noch einen Fehler zu finden, den die Leserinnen beim Lesen der Geschichte eventuell völlig übersehen, weil die Geschichte so spannend ist.

Deshalb würde ich immer den guten Rat geben – der auch gar nicht teuer ist 😉 –, sich nicht zu perfektionistisch zu verhalten, zwar durchaus auf Qualität zu achten, auch auf korrekte Rechtschreibung und Grammatik, aber zu allererst auf die Geschichte, darauf, dass die Geschichte spannend und fesselnd ist und somit für die Leserinnen zum Vergnügen wird. 😎

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