Für eine bessere Welt: Klischees

Sind Klischees gut oder schlecht? Für viele, die sich mit Literatur beschäftigen, ist das überhaupt keine Frage. Klischees sind schlecht, abgeschmackt, ausgelutscht, überflüssig und ein Zeichen von schlechtem Stil oder des Unvermögens der Autorin, das, was sie in einer Geschichte, in einem Buch darstellen will, ohne Klischees darstellen zu können.

Meistens stammen diese Einschätzungen von Menschen, die selbst nicht schreiben (können), ausnahmsweise auch einmal von Schriftstellerinnen oder Schriftstellern, die meinen, sie wären so großartig und ständen so weit über allen anderen, die schreiben, dass sie von oben herab auf sie herunterschauen könnten aus ihrem göttlichen Olymp und sie wegen ihrer Klischees niedermachen dürften.

Zuerst einmal ist jemand, der jemand anderen niedermachen muss, um sich selbst zu erhöhen, in überhaupt keiner Weise gut, so sehr er das auch von sich behauptet. Wenn er das nämlich wäre, musste er andere nicht niedermachen, sondern würde einfach durch seine eigene Leistung glänzen und damit zufrieden sein.

Das beantwortet dann eigentlich auch schon die Eingangsfrage, ob Klischees gut oder schlecht sind, denn wenn ein solcher Mensch sagt, Klischees sind schlecht, können sie nur gut sein. 😎

Das ist aber im Grunde gar nicht die Frage. Klischees sind ein Stilmittel, wie es auch viele andere Stilmittel gibt. Sie sind nicht per se gut oder schlecht, sie werden höchstens gut oder schlecht eingesetzt. Das sagt dann vielleicht schon etwas über die Qualität des Geschriebenen aus, allerdings noch nicht unbedingt etwas über die Qualität des oder der Schreibenden, denn möglicherweise überfrachtet der- oder diejenige seinen oder ihren Text aus einem ganz bestimmten Grund mit Klischees, nämlich um etwas ganz Bestimmtes zu zeigen.

Wenn ich beispielsweise einen Liebesroman schreibe, sind Klischees so gut wie unverzichtbar, denn Liebesromane beruhen darauf. Ich will mit meinen Liebesromanen das Genre nicht neu definieren, das wäre auch schwierig und ein ziemlich großes Unterfangen, sondern ich will mit meinen Liebesromanen etwas ganz Bestimmtes erreichen, nämlich dass meine Leserinnen sich wohlfühlen.

Also komme ich den Erwartungen meiner Leserinnen entgegen, erfülle sie teilweise, überrasche sie aber auch manchmal mit etwas anderem als dem, was sie erwartet haben. Denn auch dazu sind Klischees gut: um dagegen zu verstoßen und damit Überraschungen und unerwartete Wendungen zu erzeugen.

In erster Linie sind Klischees aber dazu da, mit etwas Bekanntem zu arbeiten, das ich bei jeder Leserin voraussetzen kann und das sogleich eine Atmosphäre erzeugt. Eben weil jede und jeder diese Klischees kennt. Es spart auch ganz viele Wörter. 😉 Das ist nicht unbedingt die Absicht, die man mit einem Roman verfolgt, aber schon bekannte Dinge noch einmal zu beschreiben ist meistens langweilig und genauso oft überflüssig.

Also verwende ich ein Klischee, zum Beispiel das von der schönen und/oder attraktiven Frau, die dadurch zuerst einmal eine große Anziehungskraft auf die Protagonistin der Geschichte ausübt. Jede Leserin hat sofort ein Bild von einer solchen Frau im Kopf. Das Bild wird bei jeder Leserin ein anderes sein, bei der einen ist es vielleicht eine eher geschäftsmäßige Kostümträgerin, die sie attraktiv findet, bei der anderen ist es die gepiercte junge Frau mit den vielen Tattoos, bei einer dritten eventuell die Aussteigerin, die sich auf eine einsame Insel zurückgezogen hat.

Da gibt es noch tausendundeine andere Möglichkeiten, denn jede Leserin ist anders. Deshalb ist es auch niemals gut, eine Figur zu genau zu beschreiben, damit die Leserin sich die Figur so vorstellen kann, wie es für sie attraktiv ist. Dazu sind Klischees ein hervorragendes Mittel.

Ich habe ja erst kürzlich einen Artikel über die wahrscheinlich erfolgreichste deutsche Liebesromanautorin aller Zeiten Hedwig Courths-Mahler geschrieben. Selbstverständlich hat sie in allererster Linie mit Klischees gearbeitet, das bestreitet wohl niemand. Wenn das aber so furchtbar ist, warum waren ihre Geschichten dann ein solcher Erfolg, dass sie sich vom Dienstmädchen zur Millionärin hocharbeiten konnte? Weil niemand Klischees lesen will? Weil niemand etwas damit verbinden kann?

Nein. Das absolute Gegenteil ist der Fall. Klischees sind Geborgenheit. Wir fühlen uns in ihnen zu Hause, weil wir sie kennen, weil wir sie nicht erst mühsam entschlüsseln müssen, weil wir kein Studium der Literaturwissenschaft absolviert haben müssen, um sie zu verstehen. Das ist eine gute Sache, keine schlechte.

 

 

Die meisten von uns lesen wahrscheinlich nicht nur Liebesromane, sondern auch andere Literatur, Sachbücher, Zeitungsberichte, Wikipedia-Artikel und was es sonst noch alles gibt. Einiges davon lesen wir, um uns zu informieren, einiges davon, um ein Geheimnis zu lösen oder uns ein bisschen zu gruseln wie zum Beispiel Krimis oder Thriller oder Horrorromane, aber Liebesromane lesen wir, um uns zu freuen. Ein glückliches Ende, wie unwahrscheinlich es auch immer sein mag, zaubert uns ein Lächeln aufs Gesicht. Wir fühlen uns wohl damit. Es gibt nichts, was wir daran kritisieren oder in Frage stellen möchten, nichts, was wir da hineininterpretieren oder analysieren wollen. Wir wollen es einfach nur genießen wie ein gemütliches warmes Bad nach einem anstrengenden Tag.

Niemand wird und sollte mehr von einem Liebesroman erwarten. Ein Liebesroman löst die Probleme der Welt nicht, er löst einzig und allein das eine Problem zwischen den Liebenden, das sie davon abhält zusammenzukommen. Das ist kein großes Ereignis für die Welt, aber es ist ein großes Ereignis für die beiden Liebenden, für ihre Welt. Die Welt eines Liebesromans ist überschaubar, und deshalb sind die Probleme lösbar.

Das ist so ungefähr das Gegenteil davon, was wir täglich in unserer komplizierten Außenwelt erleben. Dort sind die Probleme mittlerweile unüberschaubar geworden, und wir haben auch keinerlei Einfluss auf ihre Lösung. Das heißt nicht, dass wir nicht darüber nachdenken sollten, dass wir nicht versuchen sollten, Einfluss darauf zu nehmen, indem wir uns politisch oder umweltschützerisch, zum Schutz von Kindern oder Tieren usw. engagieren. Wir alle sollten versuchen, die Welt ein bisschen besser zu machen, als sie ist.

Aber das ist ein langwieriges Unterfangen, oftmals auch mit sehr viel Enttäuschung und Frustration verbunden, mit sehr vielen schrecklichen Dingen, die uns auf dem Weg begegnen können, böse Menschen, böse Dinge, böse Ereignisse, normalerweise von diesen bösen Menschen verursacht.

Gegen diese bösen Klischees hat merkwürdigerweise niemand etwas, man nimmt sie einfach so hin. Gegen Klischees, die die Welt von ihrer guten Seite zeigen, wird aber immer gewettert.

Aber deshalb ist es umso wichtiger, dass wir uns diese guten Klischees, diese gute Welt erhalten, zumindest in unserer Phantasie, wenn wir es schon nicht in der Realität können. Denn diese guten Klischees, diese Vorstellung von einer guten, heilsamen und geheilten Welt, wie sie vielleicht sein könnte, wenn alle Menschen gut wären, baut uns immer wieder auf, gibt uns Hoffnung.

Und diese Hoffnung brauchen wir, um weiterleben zu können. Es heißt, die Hoffnung stirbt zuletzt, aber tut sie das wirklich? Was wäre, wenn es keine Liebesromane oder andere Romane und Geschichten gäbe, die uns einen Sinn für diese Hoffnung zeigen, ein Ziel dieser Hoffnung? Würde dann die Hoffnung nicht viel früher sterben?

Deshalb sind Klischees gut. Klischees, die uns die Hoffnung auf eine bessere Welt erhalten. Damit wir weiterleben und an dieser besseren Welt arbeiten können. 👍✍

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