Alte Rechtschreibung für AutorInnen

Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat nichts gegen Autoren einzuwenden, die die Rechtschreibreform verweigern.

Ach, sag an, auf einmal?

Herr Professor Ickler und ich sind gleichermaßen erstaunt. Ich fand den Eintrag in seinem »Rechtschreibtagebuch«, in dem er darüber berichtet, daß der Rechtschreibrat mal wieder tagt (Wieso? Ich denke, die Rechtschreibreform ist »abgeschlossen«?) und sich die nächsten Gemeinheiten für das arme Volk ausdenkt, das nicht mehr weiß, wie es schreiben soll.

Der Rechtschreibrat tagte zum ersten Mal in Wien, denn die österreichischen AutorInnen haben eine Initiative gestartet, um zu verhindern, daß ihre Texte, die in Schulbüchern abgedruckt werden, durch die neue Rechtschreibung verunstaltet werden. Aber nächstem Jahr (Österreich hatte da noch eine Schonfrist) gilt die auch in Österreich, und eigentlich müßten dann alle Texte in Schulbüchern angepaßt werden. Das wollen die österreichischen AutorInnen durch eine Gesetzesänderung aufhalten. Die österreichische Zeitung »Der Standard« berichtet darüber.

Es ist doch wirklich eine Frechheit. Da wird wer weiß was für ein Brimborium veranstaltet wegen Urheberrecht und wer was drucken oder auch nur Teile daraus zitieren darf, aber ein Schulbuchverlag darf meine Texte einfach in neue Rechtschreibung umwandeln und sie dadurch verstümmeln? Dagegen würde ich mich auch wehren.

700 Unterschriften hat die IG Autorinnen Autoren zusammengetragen, um den österreichischen Gesetzgeber zur Änderung des österreichischen Urhebergesetzes aufzufordern. Beachtet werden sollen auch mit der neuen Rechtschreibung die Originalschreibweisen, wie sie zwischen den Autoren und Verlagen vertraglich geregelt sind.
(Quelle: Der Standard)

Eigentlich dachte ich, das wäre selbstverständlich. Ein Autor oder eine Autorin hat sich Gedanken darüber gemacht, wie sie etwas schreibt, eventuell weicht sie sogar von der korrekten Schreibweise ab, um etwas auszusagen, der Text ist ihrem Hirn entsprungen, und sie hat ihn auf die Weise zu Papier gebracht, die ihr angemessen erschien. Und dann kommt irgendein Gesetzgeber, ein Beamter, der vermutlich noch nicht einmal halb so viel über Sprache (geschweige denn über die Gedanken, die dahinterstecken) weiß wie sie, und ändert das einfach? Das ist wie ein Schnitt ins Herz, daran kann man verbluten.

Es ist unglaublich, wie hier mit dem geistigen Eigentum anderer umgegangen wird. Anscheinend denken viele, wenn etwas veröffentlicht wird, kann man es einfach benutzen, wie man will, für eigene Zwecke oder für fremde. Daher gibt es das Urheberrecht, denn vielen Leuten ist anscheinend nicht bewußt, daß es Diebstahl ist, wenn sie etwas aus einem Buch abschreiben und verwenden, ohne Autor oder Autorin zu nennen. Wenn sie etwas, das sie auf einer Webseite finden, einfach an andere weiterschicken und dabei Titel und Autorin weglassen. In dem Moment, wo sie so etwas tun, werden sie kriminell.

Das Urheberrecht soll solchen Kriminellen das Handwerk legen. Das tut es natürlich nicht immer, aber schlimm ist, daß es da, wo es wirklich nötig wäre, nicht greift, nämlich bei der Verstümmelung der Texte durch die neue Rechtschreibung. Der Text wird zwar verstümmelt, aber nicht gestohlen, ist wohl die Ansicht.

Warum dann nicht einfach ein paar Hobbymaler vor die Mona Lisa setzen und sie auch ein bißchen das Original »erneuern« lassen? Ist doch irgendwie schon sehr alt, die Mona Lisa, nicht mehr zeitgemäß, da gehört eine Reform her! Überhaupt, diese ganzen alten Bilder, die in Museen rumhängen, die hätten alle mal ein bißchen »Rechtschreibreform« verdient. Die Jugend kann sie dann einfacher verstehen.

Würde irgend jemand so etwas tun? Wohl kaum. Aber mit Texten und AutorInnen kann man es ja machen. Sind ja nur Worte, was bedeuten die schon? Was ist der Unterschied, ob da »daß« oder »dass« steht?

Das ist ein großer Unterschied, ein Riesenunterschied. Ich möchte niemals, nie in meinem ganzen Leben, einen Text von mir sehen, in dem »dass« steht. Das entspricht nicht meiner Vorstellung von korrektem und gutem Deutsch. Und da ich die Urheberin des Textes bin, möchte ich, daß das beachtet wird, daß mein Text so erscheint, wie ich ihn geschrieben habe, und nicht anders. Genausowenig wie ich jemandem erlauben würde, einem Kind einen Finger abzuhacken, nur damit es »stromlinienförmiger« aussieht, genausowenig würde ich erlauben, meinen Texten, die meine Kinder sind, eine solche Verstümmelung anzutun.

Dafür kämpfen die österreichischen AutorInnen, und es sind große Namen darunter (klar, wer erscheint schon in Schulbüchern? Nur Leute, die alle kennen): Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, Gert Jonke, Anna Mitgutsch, Alfred Komarek, Friederike Mayröcker und viele andere.

Da kann man nur hoffen, daß die österreichischen AutorInnen damit Erfolg haben und somit endlich einmal ein Zeichen gesetzt wird für den Respekt vor der Sprache.

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