Schreiben ist einfach. Öffne eine Vene und blute.

Harter Spruch, oder? Er stammt – obwohl er oft Ernest Hemingway zugeschrieben wird – von dem damals in Amerika sehr berühmten Sportjournalisten Red Smith, und es war seine Antwort auf die Frage eines Interviewers, wie er es schaffen würde, jeden Tag eine Sportkolumne zu schreiben, die die Leser mitreißt, ob das nicht sehr lästig und sehr schwierig wäre. Daraufhin meinte Smith: »Aber nein. Schreiben ist sehr einfach. Man setzt sich nur an seine Schreibmaschine, öffnet eine Vene und blutet.«

Obwohl Journalisten nicht unbedingt Schriftsteller sind (einige ja, die meisten nein), wird von ihnen oftmals eine ständige Produktion verlangt. Anders als Schriftstellerinnen haben sie keine Wochen, Monate oder gar Jahre Zeit, eine Geschichte zu schreiben, sie müssen es praktisch jeden Tag tun. Das erfordert eine andere Herangehensweise als die oft eher zögerliche Art, wie Romane geschrieben werden.

Einige professionelle Liebesromanschriftstellerinnen wie beispielsweise die berühmte Barbara Cartland setzten sich ebenfalls jeden Tag hin und »bluteten«, indem sie mehrere tausend Wörter pro Tag produzierten, einen Roman alle zwei Wochen. Auch Stephen King ist bekannt dafür, dass er sich für jeden Tag ein Ziel von 2.000 Wörtern setzt und das strikt einhält, und wenn man vom Schreiben leben will, kann man nicht lange zögern. Es sei denn, man schreibt den einen Millionenbestseller, von dem man dann sein Leben lang zehrt. Das gelingt jedoch nur den wenigsten.

Wir anderen professionellen Schriftstellerinnen und Schriftsteller müssen immer wieder neue Geschichten erfinden, und das jeden Tag. Das Zitat von Red Smith beschreibt den Vorgang sehr gut, denn man ist nicht jeden Tag in Stimmung und würde es vielleicht nicht freiwillig tun, sich trotzdem dazu zu zwingen, wenn es nicht der eigene Beruf wäre.

Normalerweise schreiben Schriftstellerinnen natürlich, weil sie es tun wollen, weil es ihre Passion ist. Damit fängt alles an. Und solange es ein Hobby bleibt, ändert sich daran auch nichts. Die große Änderung tritt ein, wenn man in die Profiliga übertreten will.

Was bedeutet das: Profiliga? Ist das wie bei den Fußballvereinen, wo ein guter Spieler von einem Amateurverein dann als Profi bei einem Verein mit einem großen Namen verpflichtet wird, der dem jungen Mann Millionen pro Jahr bezahlt, nur damit er einen Fußball kickt?

Leider ist es nicht so. Schriftsteller sind keine Fußballspieler, und Verlage sind keine Fußballvereine, die dringend nach Nachwuchs suchen, weil selbst der beste Spieler nicht bis ins übliche Rentenalter hinein auf dem Platz stehen kann. Sportler sind schnell verbraucht, haben ihren Leistungshöhepunkt in relativ jungen Jahren und befinden sich danach irgendwann dann unaufhaltsam auf dem absteigenden Ast.

Bei Schriftstellern und Schriftstellerinnen ist es fast umgekehrt. Wenn man noch sehr jung ist, hat man nicht sehr viel zu erzählen. Man hat noch nicht viel erlebt, noch nicht viel Lebenserfahrung, noch nicht viele falsche oder auch richtige Entscheidungen getroffen, die vielleicht schlimme oder auch überraschende Konsequenzen hatten, hat noch keine Weisheit, die man an andere weitergeben könnte. Deshalb wird so oft voller Hochachtung vom »Alterswerk« eines Schriftstellers oder einer Schriftstellerin gesprochen. Weil man aus den Erkenntnissen, die in diesem Werk enthalten sind, oftmals viel ziehen kann, das weit über ein bloßes Buch hinausreicht.

Es gibt durchaus sehr junge Leute, die es geschafft haben, schon im Teenageralter ein Buch bei einem großen Verlag zu veröffentlichen – ich denke da zum Beispiel an Charlotte Link – und dann eine sehr erfolgreiche Profikarriere darauf aufzubauen. Normal ist das jedoch nicht unbedingt. Die meisten Schriftsteller, die bei Verlagen veröffentlichen, insbesondere auch bei großen Verlagen, haben nicht so früh damit angefangen beziehungsweise es nicht geschafft, einen Verlag zu früh in ihrem Leben von sich zu überzeugen. Ende zwanzig, Anfang oder Mitte dreißig gilt da noch als »Jungautor«.

Wenn man es schafft, ein Buch bei einem großen Verlag unterzubringen, heißt das jedoch noch lange nicht, dass man vom Schreiben leben kann. Von den Millionen, die Fußballer verdienen, wollen wir mal gar nicht reden. Das verdienen nur sehr wenige Bestsellerautoren.

Profi sein heißt also nicht unbedingt, ich habe keinen anderen Beruf mehr als Bücher zu schreiben. Die meisten haben tatsächlich noch einen Brotberuf, wenn sie schon lange profimäßig schreiben. Denn Bücher bringen normalerweise nicht so viel ein, dass man davon leben kann. Bestseller natürlich wieder ausgenommen.

Professionell zu schreiben ist eher eine Beschreibung dafür, dass man sein Handwerk gelernt hat und dass man auch nicht nur dann schreibt, wenn einen – wie man so schön sagt – »die Muse küsst«. Wenn man darauf nämlich immer warten würde, wäre man bald verloren.

Nein, es ist genauso, wie Red Smith es damals ausgedrückt hat: Man muss sich jeden Tag hinsetzen, eine Vene öffnen und bluten.

Als Profi hat man das Ziel, jeden Tag eine gewisse Anzahl Wörter zu schreiben. Wie in jedem anderen Beruf auch kann man nicht einfach entscheiden, heute zur Arbeit zu gehen oder nicht. Man kann sich vielleicht einmal einen Krankentag nehmen oder einen Urlaubstag, aber normalerweise bedeutet professionelle Schriftstellerin zu sein, dass man jeden Tag schreibt, egal, ob man sich danach fühlt oder nicht.

Tja, denkt sich da jetzt vielleicht die eine oder andere. Das ist eben so. Nichts Besonderes. Ich muss auch jeden Tag ins Büro gehen und an meinem Schreibtisch sitzen.

Der Unterschied ist jedoch: Musst Du, wenn Du da jeden Tag an Deinem Schreibtisch sitzt, kreativ sein? Musst Du jeden Tag etwas Neues erfinden, neue Figuren, neue Situationen, neue Geschichten? Muss das, was Du tust, bei Deinem Chef – oder wem auch immer – Spannung erzeugen? Muss es Deine Chefin unterhalten, damit sie sich entspannen kann? Und nur, wenn Du dieses Ziel erreichst, wirst Du für Deine Arbeit bezahlt?

Ich würde sagen, eher nicht. 😉

Und darin liegt eben der große Unterschied. Das ist das, was Red Smith mit seinem Ausspruch gemeint hat. Schreiben ist nicht einfach ein Beruf, bei dem du das anwendest, was du gelernt hast. Wenn du Buchhalterin gelernt hast, machst du die Buchhaltung. Wenn du Versicherungskauffrau gelernt hast, bearbeitest du Versicherungsanträge oder verkaufst sie. Wenn du Kfz-Mechanikerin bist, nutzt du die Kenntnisse, die du während deiner Ausbildung und Arbeit erworben hast, um Autos zu reparieren.

Dabei muss man sich weder die Vene öffnen noch bluten. (Außer man verletzt sich selbst mit einem Schraubenzieher oder so. 😊) Man macht einfach seine Arbeit, ob sie einem gefällt oder nicht. Und am nächsten Tag macht man wieder dieselbe Arbeit. Daran ändert sich eigentlich nichts. Es entwickelt sich auch nichts weiter. Und man durchläuft auch keine Charakterverwandlung, durchlebt keine »Heldenreise«. Am Ende des Tages ist man dieselbe Person wie am Anfang des Tages. Und das eigene Leben wird sich wahrscheinlich auch kaum verändert haben.

Das ist aber genau das, was eine Geschichte von der Autorin verlangt. Was die Leserinnen von der Autorin verlangen. Deshalb müssen wir bluten. 😉

Wir können nicht einfach jeden Tag dasselbe schreiben, in jedem Roman dasselbe, in jeder Geschichte dasselbe. Mit denselben Figuren, denselben Schauplätzen, denselben Abläufen, denselben Ereignissen und denselben Resultaten. Wir müssen uns immer etwas Neues ausdenken.

Das ist sicherlich auch ein Grund dafür, warum so viele am Schreiben scheitern. Darüber täuschen auch die enormen Selfpublisher-Zahlen nicht hinweg. Denn nur weil etwas veröffentlicht wurde, ist es noch lange nicht gut. (Zumindest nicht dann, wenn man es einfach ohne jede Überarbeitung hochladen kann, woran einen niemand hindert.)

Das heißt nicht, dass es früher besser war. Dass Verlage nur gute Bücher veröffentlicht hätten. Auch damals gab es schon Schrott. Auf dem dann allerdings ein Verlagsstempel prangte. Heute ist der Schrott jedoch erheblich mehr geworden, wohingegen die Zahl der guten Autorinnen und Autoren und der guten Bücher relativ gleichgeblieben ist. Egal, ob sie bei einem Verlag veröffentlichen oder nicht.

Wenn es gut ist, werden das die Verkaufszahlen beweisen. Und wenn man dann über Jahre hinweg so große Verkaufszahlen hat, dass man davon leben kann, dann hat man auf jeden Fall etwas richtig gemacht.

Ich mache das jetzt seit über 25 Jahren, und ehrlich gesagt wundert es mich selbst, dass mir in den vielen Jahren immer wieder etwas Neues eingefallen ist und immer noch einfällt. 😊

Das Bluten aber bleibt. Wenn man eine Geschichte schreibt, saugt einen das manchmal aus wie ein Vampir, und danach muss man sich erst einmal erholen, seine Batterien wieder aufladen. Eine Bluttransfusion braucht man zwar nicht direkt 😉, aber das Gefühl der Erschöpfung, wenn man das letzte Wort geschrieben hat, kommt durchaus nah daran heran, sich zu wünschen, eine zu bekommen.

Aber bei aller Qual, nach der sich das anhört, ist und bleibt Schreiben mein Leben, mein Beruf und meine Passion. Wenn ich mich ein paar Tage lang ausgeruht habe, fange ich den nächsten Roman an. Ich kann gar nicht anders.

Und solange meine Leserinnen das lesen wollen, wird es wohl auch weiterhin immer Nachschub geben. 😉

Nun ja, solange ich lebe. Das ist die einzige Einschränkung. 😎

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