Ich hasse Happy Ends

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Jetzt sind Sie verwundert, oder? Stimmt auch nicht. Das ist keine Aussage von mir, sondern von einer Autorin aus dem Autorenforum Montsegur.

Zitat:

Happy End ist etwas, das ich (in der Regel) sehr ungern lese.
Und das ich noch nie geschrieben habe.

Ich schreib'' aber gerade eines. Ich hatte es – da ich fand, es sei zwingend – von Anfang an geplant, nun rückt es näher, und mir wird ein bißchen mulmig.

Deshalb würde ich gern mal viele Stimmen dazu hören:

1.) Warum lest ihr/lest ihr nicht gerne Happy Ends?
2.) Warum schreibt ihr welche/warum schreibt ihr keine?
3.) Was macht für euch ein Happy End aus?
4.) Was tut ihr, um eure Happy Ends glaubwürdig zu gestalten und zu relativieren?

Obwohl ich es sehr merkwürdig finde, daß jemand – insbesondere eine Frau – keine Happy Ends mag, finde ich es doch interessant, sich über die Fragestellung Gedanken zu machen.

Wenn man selbst kein glückliches Leben führt, kann ich mir vorstellen, daß einem Happy Ends manchmal etwas weit hergeholt erscheinen. Daß man sie unrealistisch findet. Aber liest man sie nicht gerade deshalb gern? Damit man einmal aus der tristen Realität entfliehen kann oder damit man in einem Buch das erleben kann, was einem in der Realität verwehrt bleibt?

Nun behauptet diese Frau, diese Autorin, aber, glücklich verheiratet und glückliche Mutter zweier Kinder zu sein. Da verstehe ich die Ablehnung von Happy Ends noch weniger. Schämt sie sich für ihr Glück? Möchte sie dieses Schuldgefühl, das sie anderen, weniger glücklichen Menschen gegenüber vielleicht empfindet, dadurch etwas mindern, indem sie keine Happy Ends schreibt und keine Happy Ends mag?

Was für ein Gefühl ist das, wenn man keine Happy Ends mag? Wünscht man sich dann während des ganzen Buches: »Hoffentlich sterben die beiden am Ende? Hoffentlich sterben alle, damit ich glücklich mit meinem Nicht-Happy-End sein kann?« Was für ein Weltbild ist das? Vermittelt sie das auch ihren Kindern? Seid bloß nicht glücklich?

Ich verstehe das einfach nicht. Ein Happy End ist für mich das logische Ende jeder Geschichte. Gut, manchmal verträgt eine Geschichte kein Happy End, das ist wahr. Weil sie zu tragisch ist. Oder weil zu viele Probleme mit einem Schlag gelöst werden, ohne daß es einen Grund dafür gibt.

Ein Happy End ist auch nicht unbedingt ein Ende, bei dem alle Probleme gelöst sind oder Schreckliches, das geschehen ist, wieder ungeschehen gemacht werden kann, das wäre zu unglaubwürdig. Ein Happy End ist ein Ende, das die Leserin in positiver Stimmung entläßt. Ich klappe das Buch zu und habe ein Lächeln auf dem Gesicht, das ist ein Happy End. Vielleicht sind Leute gestorben, vielleicht gab es viel Kampf und Streit, Unglück und Tränen, vielleicht ist nicht alles davon zu Glück geworden, aber den beiden Frauen steht am Ende eine Zukunft bevor, in die sie optimistisch blicken.

Sie wissen noch nicht, was alles geschehen wird, ob sie immer zusammenbleiben werden, ob sie vielleicht Streit haben werden, ob eine von ihnen stirbt und die andere allein zurückbleibt – nein, das alles ist noch im Nebel der Zukunft verborgen, aber sie schauen nach vorn und erwarten etwas Schönes.

Ob das dann eintrifft, wissen wir als Leserinnen ebensowenig wie die Heldinnen der Geschichte, die Geschichte ist an dem Punkt zu Ende, wo die Aussicht darauf besteht, und das reicht.

Ich gebe zu, es gibt gerade in amerikanischen Romanen und Filmen wirklich unglaubwürdige Happy Ends, selbst wenn die Geschichte vorher gut und vielversprechend war. Eines dieser Beispiele zitiert die Autorin hier:

Ich gebe mal ein Beispiel für einen Roman, der mir sehr gefallen, den mir das Ende aber verdorben hat:
Wally Lamb: »Früh am Morgen beginnt die Nacht«

Darin geht es (sehr verkürzt) um die hochinteressante Auseinandersetzung eines Mannes mit seinem psychisch kranken Bruder – und darüber mit sich selbst.
Damit im Zusammenhang scheitert die Ehe des Protagonisten – im Nebenstrang geht es um Fehlgeburt und das Problem der Kinderlosigkeit. Alles sehr interessant und glaubwürdig gemacht.
Der Protagonist macht eine sehr überzeugende, starke Entwicklung durch, muß mit dem Tod des Bruders fertigwerden, und am Ende ist ein Weg in Sicht, wie er sein Leben ohne Fixierung an den Bruder, ohne Hader über dessen Krankheit und seine Verantwortung dafür weiterführen kann. Gefällt mir sehr.

Außerdem kommt aber auch noch die Ehefrau zu ihm zurück.
Und außerdem stirbt paßgerecht seine Geliebte und hinterläßt ihm ein baseballspielendes Superkind, damit auch das Problem der Kinderlosigkeit gefressen ist.
So ein Ende gibt mir das Gefühl: Alles ausgedacht. Alles irrelevant. Warum hab ich das gelesen?

Bis hierher stimme ich der Autorin zu. Das ist typisch amerikanisch und vor allem von Hollywood beeinflußt. Einerseits eine starke Story und glaubwürdige Charaktere, andererseits ein überzuckertes, kitschiges Ende, mit dem alle Probleme gelöst sind, damit bloß keine Fragen offenbleiben und am Ende eine glückliche Familie steht.

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