Der lesbische Liebesbrief

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Durch das überragende Engagement einer lesbischen Studentin, die Lesbischer Liebesbrief als Hauptfach gewählt hat, sind wir in der Lage, Ihnen diesen interessanten Vortrag von Frau Professor Dr. Senta Bluschinski-Eigenheim, einer Ikone der deutschen lesbischen Liebesbriefforschung, der kürzlich an einer deutschen Universität gehalten wurde, als Mitschrift zu präsentieren und ihn dadurch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Viel Spaß!

* * *

Meine lieben Damen – Herren gibt’s hier ja wohl keine –, ich bin von der Universität zu dem Thema Der lesbische Liebesbrief – Eine historische Entwicklung und ihre Folgen geladen worden, um einige Mißverständnisse auszuräumen, die sich bezüglich des lesbischen Liebesbriefes seit Jahrhunderten fortpflanzen.

Was ist ein lesbischer Liebesbrief? werden einige wohl fragen, denn daß auch Briefe eine lesbische Identität, eine eindeutige sexuelle Orientierung haben können, ist vielen unbekannt. Viele lesbische Liebesbriefe verkümmern in Schubladen und Kleiderschränken, in Hand- oder Hosentaschen, sterben an den unvermeidlichen Depressionen, die aus dieser Behandlung erwachsen, der Ignoranz gegenüber ihrer sexuellen Identität, ihrer Außergewöhnlichkeit, dem Besonderen an ihrem Dasein.

Für diese Briefe will ich kämpfen, meine Damen und Herren! . . . Äh, Damen.

Haben diese unschuldigen Briefe ein solches Schicksal verdient?

Nein! rufe ich Ihnen voller Enthusiasmus und Überzeugung zu. Nein, nein, und wieder nein!

Wir dürfen uns nicht von diesen, unseren Schwestern im Geiste, abwenden, wir dürfen sie nicht dem Vergessen anheimfallen lassen, der Nichtbeachtung, dem Tod.

Ja, dem Tod, meine Damen und He- . . . Damen! Wo sind sie, die Kämpferinnen für die geistige Freiheit, für die Fortführung des freien Lesbentums in der Schrift?

Sie sind fast verschwunden. Ich flüstere, ja, ich flüstere es Ihnen zu, denn es ist grausam, diese Feststellung treffen zu müssen. Sie ergreift mich im tiefsten Inneren, sie erschüttert mein Herz – meine Tropfen bitte, Anna! – (Anna kommt angetrippelt und bringt die Tropfen), und ich sage Ihnen, als Wissenschaftlerin, die sich seit Jahrzehnten mit der lesbischen Liebesbriefforschung beschäftigt – Danke, Anna – (nimmt die Tropfen – Anna ab), bin ich überzeugt, daß dieses immer noch vernachlässigte Gebiet die wissenschaftliche Zukunft vieler Universitäten ist, die sich heute noch dagegen sperren.

Denn er ist unvermeidlich, der lesbische Liebesbrief, wir brauchen ihn alle, wir sind abhängig von ihm. Ein kleiner Exkurs (lacht): Es ist natürlich nicht sehr schön, daß es der lesbische Liebesbrief heißt und ich mich also grammatikalisch mit er auf ihn beziehen muß, um korrekt zu sein. Ich habe überlegt, ob ich den Vorschlägen meiner geschätzten Kollegin und Freundin Frau Professor Doktor Luise F. Pusch – auch von hier, aus diesem Saal einer Aula der freiesten aller Universitäten rufe ich dir einen Gruß zu, Luise, ich liebe dich! . . . – entsprechend eine Briefin aus dem Brief machen soll, wenn er denn lesbisch ist, denn logischerweise kann ein lesbischer Liebesbrief nur weiblichen Geschlechts sein, männliche Lesben gibt es nicht – o Verzeihung, meine Damen da in der ersten Reihe, ich wollte Sie natürlich nicht beleidigen –, aber da ich, anders als Luise, mich doch mehr der Literatur als der Sprachwissenschaft verpflichtet fühle, bleibe ich bei der – ich weiß, Luise, patriarchalischen (zwinkert schelmisch) – gängigen Bezeichnung.

Doch zurück zum Thema. Was macht einen lesbischen Liebesbrief aus? Zuerst einmal das ihm eigene Geschlecht, das dem grammatikalischen widerspricht, schon das ein Widerspruch, dem ich mich als lesbische Liebesbriefschreiberin stellen muß, den ich überwinden muß, bevor ich überhaupt das erste Wort zu Papier bringe.

Nun denn, da ist es also, das weiße Blatt, die Herausforderung der lesbischen Liebe, die ich für meine Altra Ega empfinde.

Ja, der lesbische Liebesbrief war, ist (und er wird es immer bleiben) eine Herausforderung an das lesbische Liebesleben.

Denn Worte sind – das wissen wir alle, liebe Geschlechtsgenossinnen und -genossen . . . ähm, ja – endgültig. Sie lassen sich nicht mehr zurücknehmen, sie stehen da auf dem Papier, das sie bewahrt, bewahrt, bewahrt . . . bis in alle Ewigkeit.

Deshalb sollten diese Worte wohlgewählt sein, und ich muß es leider den Jüngeren unter Ihnen ganz deutlich sagen: »He, Olle, ich lieb’ dich!« ist nicht der richtige Inhalt für einen lesbischen Liebesbrief, das ist weit entfernt von der korrekten Form.

Was ist denn nun aber die korrekte Form für einen lesbischen Liebesbrief?

Zuerst einmal natürlich das richtige Briefpapier, es sollte lesbisches sein, das ist wohl selbstverständlich. Sie haben da mittlerweile eine große Auswahl, miteinander verschlungene Frauenzeichen als Hintergrund, Anne Will und Miriam Meckel als Wasserzeichen, auch lesbische Tiere wie zwei miteinander schmusende Löwinnen sind durchaus akzeptabel.

Gehen Sie ganz nach Ihrem Gefühl vor, auch verschlungene Herzen – obwohl sich diese schwer eindeutig als lesbisch identifizieren lassen – sind möglich, jedoch sollten Sie sich überlegen, ob ein so von heterosexuellen Liebesgewohnheiten banalisiertes Symbol der Besonderheit einer lesbischen Liebe angemessen ist.

Haben Sie das richtige Briefpapier gefunden, kommen Sie zum Inhalt, und da macht sich das Forschungsdefizit der letzten Jahrhunderte bemerkbar. Denn wo sind die Vorlagen, die bis ins Mittelalter zurückreichen, wo Die Leiden der jungen Wertherin, aus denen Sie schöpfen könnten?

Diese großartigen Werke sind nicht überliefert oder wurden – wie bei Goethes Leiden des jungen Werther – in männliche Sichtweisen umgeformt, so daß der ursprünglich lesbische Ansatz kaum mehr erkennbar ist.

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