Ideenklau

In »Schriftstellerforen« oder »Autorenforen«, von denen es viele auf dem Internet gibt, wird in regelmäßigen Abständen die Frage gestellt: »Was ist, wenn ich jetzt hier im Forum über meine Idee für eine Geschichte, für ein Buch rede, vielleicht sogar Teile des Textes einstelle, und dann klaut mir jemand meine Idee? Bin ich dagegen geschützt?«

Witzig daran ist, daß die meisten, die diese Fragen stellen, gar keine Ideen haben, die man ihnen klauen könnte, aber das ist ein anderes Thema.

Tatsächlich ist Ideenklau durchaus ein Thema, und manchmal ein sehr trauriges. Eine spezielle Art des Ideenklaus oder besser gesagt der Aneignung geistigen Eigentums eines anderen betrifft die seit 60 Jahren berühmte »(Deutsche) Stilkunst« von Ludwig Reiners. Oder richtiger: angeblich von Ludwig Reiners.

Das Buch ist ein absoluter Klassiker, wird überall empfohlen, wo es um Sprache geht, ob es sich nun um Germanisten oder Autoren handelt. Will man einen wirklich guten Stil entwickeln, sollte man dieses Buch unbedingt gelesen haben, so lautete bis vor gar nicht langer Zeit die allgemeine Ansicht.

Das schlimme ist nur: Ludwig Reiners hat dieses Buch gar nicht geschrieben. Er war weder Schriftsteller noch Germanist, sondern ein kleiner Fabrikant, der in seiner Freizeit hobbymäßig Bücher herausgab, ohne viel davon zu verstehen.

Auch vom Inhalt, für den er seit Jahrzehnten so hoch gelobt wird und zum »Stilpapst« avancierte, verstand er wenig bis gar nichts. Er hat nämlich alles, was in »seinem« Buch steht, von einem anderen Autor abgeschrieben, einem jüdischen Autor, der im Dritten Reich seines Werkes beraubt werden konnte, ohne daß er das Recht oder eine Möglichkeit hatte, dagegen einzuschreiten.

Dieser Autor, also der tatsächliche deutsche Stilpapst, hieß Eduard Engel (1851–1938). Er war Deutscher durch und durch, kannte die deutsche Sprache wie kein anderer und zog Erkenntnisse aus seinen Studien und all dem vielen, das er als hochgebildeter Mensch gelesen hatte, die vor allem für die damalige Zeit erstaunlich modern waren. Er nahm vieles, was heute in Amerika als neue Erkenntnis gefeiert wird, bereits 1911, als die erste Ausgabe seiner »Deutschen Stilkunst« erschien, vorweg. Das Ganze verpackte er in einen ansprechend zu lesenden Stil, nicht in trockene Wissenschaftlichkeit.

Das alles interessierte die Nazis jedoch nicht. Er war Jude, und damit war er minderwertig und schutzlos. Alles, was er sich ausgedacht hatte, alle Erkenntnisse, die er in langen Jahren gewonnen hatte, waren somit auch minderwertig, sie durften nicht mehr veröffentlicht werden.

So minderwertig können seine Erkenntnisse aber nicht gewesen sein, denn Ludwig Reiners machte sie sich zunutze, um sie abzuschreiben und sie als seine eigene »Stilkunst« auszugeben. Und statt dem wahren Urheber Eduard Engel wurde dem Dieb Ludwig Reiners die Ehre zuteil, zum Stilpapst erhoben zu werden. Heute noch schämt sich der Verlag C.H. Beck nicht, das Buch unter Reiners Namen zu vertreiben, obwohl längst bekannt ist, daß er es gestohlen hat. Eduard Engel ist lange tot und kann sich nicht mehr wehren.

So kann es gehen bei Ideenklau, aber nur, wenn die Ideen wirklich gut sind.

Wir hatten hier im Blog schon einmal die Diskussion über die moralische Verantwortung der Verlage, aufgrund des Buches von O.J. Simpson über den Mord an seiner Frau, und bei Reiners erhebt sich die Frage wieder. Reiners ist 1957 gestorben, ihn kann man also nicht mehr erreichen, aber der Verlag, der das Buch verkauft, hätte die moralische Verantwortung, es aus dem Programm zu nehmen und statt dessen das Original, die »Stilkunst« von Eduard Engel zu veröffentlichen.

Juristisch kann den Verlag wahrscheinlich niemand dazu zwingen, denn das Urheberrecht scheint in diesem Fall nicht zu gelten. Aber es ist ja keine juristische Frage, sondern eine moralische, eine ethische. Bei solchen Fragen versagt unser Rechtssystem.

Auf der Webseite der Sprachforscher um Professor Ickler wurde nun überlegt, das Originalwerk von Eduard Engel bei Projekt Gutenberg einzustellen, damit es wenigstens von denen, die sich dafür interessieren, der gestohlenen Version von Reiners vorgezogen werden kann.

Diese Art von Ideenklau ist allerdings wohl eher dem schlimmen Kapitel unserer Geschichte zuzurechnen, dem es entstammt. Heute wäre so etwas wohl schwer möglich, aufgrund der Verbreitung über das Internet, der vielen Möglichkeiten zu recherchieren und herauszufinden, wer der Dieb ist.

Natürlich versuchen es einige immer wieder, sich mit fremden Federn zu schmücken, sogar eine Bestsellerautorin klaut bei der anderen. So geschehen in Amerika zwischen Nora Roberts und Janet Dailey.

1997 gestand die Bestseller-Autorin Janet Dailey wiederholtes Kopieren der Werke von Nora Roberts. Dies kam beim Vergleich des Roberts-Werkes Sweet Revenge und Daileys Notorious durch einen Leser heraus. Die beiden Autorinnen einigten sich, und Dailey zahlte eine unbekannte Summe, welche von Nora Roberts gespendet wurde. (Quelle: Wikipedia)

Allerdings ist Nora Roberts eine so berühmte Autorin, daß sich bei ihr das Klauen natürlich richtig lohnt. Ich weiß nicht, ob Janet Dailey nur deshalb zur Bestsellerautorin wurde, weil sie bei Roberts geklaut hat, oder ob sie auch eigene Ideen hatte, auf jeden Fall ist es sehr unwahrscheinlich, daß ein Text, der in einem Forum eingestellt wird, so gut ist wie ein Buch von Nora Roberts und deshalb geklaut werden könnte.

Somit braucht man sich wohl keine Gedanken darüber zu machen, wenn man unfertige Texte in einem Forum einstellt.

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