Warum ein Happy End?

In der Ausschreibung unseres Schreibwettbewerbs steht eindeutig: Ein Happy End ist für den Roman zwingend vorgeschrieben.

Und schon prasseln die Anfragen auf uns hernieder: Warum Happy End?

Sollte eine Geschichte nicht realistisch sein? In der Realität kommen Happy Ends selten vor, sollte das nicht auch in einem Roman so dargestellt werden, wie es wirklich ist?

Die Antwort lautet eindeutig: Nein.

Nicht in einem Unterhaltungsroman.

Wenn eine Autorin etwas anderes schreibt als einen Unterhaltungsroman, kann sie frei wählen, welches Ende das Buch haben soll, aber ein Unterhaltungsroman und ganz besonders ein Liebesroman sollte immer ein Happy End haben. Das kann ich als Leserin erwarten.

Es gibt Bücher, die auch ohne Happy End große Erfolge geworden sind, aber dort steht dann etwas anderes als eine Liebesgeschichte im Mittelpunkt, es gibt andere wichtige Themen, die behandelt werden außer der Beziehung der beiden Hauptpersonen.

Es gibt auch Ausnahmen, Liebesgeschichten ohne Happy End wie »Vom Winde verweht«, einer der größten Erfolge aller Zeiten. Aber mal ehrlich: Eine Hauptfigur wie Scarlett O''Hara ist einfach faszinierend. Man liebt sie und man haßt sie. Und sie ist so facettenreich, daß ein Happy End geradezu unglaubwürdig erschienen wäre.

Rhett und sie, die dem Sonnenschein entgegenreiten? Nein, danke.

Alle Versuche, dieses Happy End nachzuliefern, zuerst in dem grauenhaften Roman »Scarlett« und jetzt in dem vielleicht nicht ganz so grauenhaften Roman »Rhett«, sind gescheitert. Sie konnten von vornherein als gescheitert betrachtet werden, denn das Ende von »Vom Winde verweht« ist einmalig. Einmalig gelungen und einmalig unveränderbar.

Dann kommt natürlich wieder das Gegenargument mit der Realität. Das Ende von »Vom Winde verweht« ist in gewisser Weise realistisch. Sie bekommt ihn nicht. Beziehungsweise sie verliert ihn, weil sie die ganze Zeit einem anderen Mann hinterhergelaufen ist, den sie nicht haben konnte und der auch nicht für sie geeignet war. Den Mann an ihrer Seite, ihr perfektes Pendant, hat sie dabei völlig übersehen.

Gut, das mag realistisch sein. Viele Heterofrauen sind so, sie jagen einem unerreichbaren Ideal hinterher, und der Mann, den sie bekommen könnten oder den sie schon haben, der sie liebt und der für sie da ist, den wollen sie nicht oder beklagen sich nur über ihn. Weil er natürlich nie dem Ideal entsprechen kann, das sie sich gebastelt haben – und das es in Wirklichkeit nicht gibt.

Eine gute Voraussetzung für eine Geschichte. Auch für eine lesbische Geschichte. Aber dennoch sollte die Geschichte den Boden der Realität bald nach dem Start verlassen und auf ein Happy End zusteuern.

Denn die Realität interessiert in Romanen nicht. Romane müssen unterhaltsam sein, mitreißend, spannend, im besten Fall hypnotisch, aber realistisch? Wofür soll das gut sein?

Auf der hochinteressanten Internetseite meines geschätzten Schriftstellerkollegen Andreas Eschbach, eines der erfolgreichsten deutschen Autoren überhaupt, fand ich dieses Zitat:

Die poetische Wahrheit zählt in Romanen, nicht die faktische. Warum? Weil sich das Leben Sachen erlauben kann, die man einem Schriftsteller nicht durchgehen läßt. (Andreas Eschbach)

Genau das ist es, und Andreas Eschbach hat es hier perfekt auf den Punkt gebracht: Das Leben ist unglaubwürdig.

Zwar realistisch, aber unglaubwürdig. Das stelle ich immer wieder fest, wenn ich realistische Szenen in meine Romane einbauen will, Situationen, die ich wirklich erlebt habe. Es funktioniert einfach nicht. Es ist langweilig, uninteressant, oder es klingt ungeheuer weit hergeholt.

In dem Moment, in dem man selbst diese Geschichte erlebt, findet man sie spannend. Und in dem Moment ist sie das auch. Aber zu Papier gebracht ist sie es eben nicht mehr. Sie hält der Verschriftlichung nicht stand, könnte man sagen. Das Leben wehrt sich dagegen, zu Papier gebracht zu werden, es will gelebt werden, nichts weiter.

Die faktische Wahrheit ist: kein Happy End.

Die poetische Wahrheit ist: Happy End für immer und ewig.

Das Leben kann es sich erlauben, kein Happy End zu liefern, Sie als Schriftstellerin können das nicht.

Denn Sie als Leserin wollen ein Happy End, geben Sie es doch zu. Geben Sie es zu? Nein? Doch. Sie nicken. Natürlich nicken Sie, denn in dem Moment, in dem Sie von der Schriftstellerin zur Leserin werden, sehen Sie die Dinge plötzlich ganz anders.

Da sind zwei sympathische Figuren, zwei Frauen, die sich kennenlernen und ineinander verlieben, einiges an Schwierigkeiten zu bestehen und an Problemen zu überwinden haben, und dann – trennen sie sich?

Nein! schreit doch da jedes empfindsame Leserinnenherz. Nein, bloß nicht!

Und dieses Nein ist absolut berechtigt. Ein Liebesroman hat ein Happy End zu haben, Vom Winde verweht hin oder her.

Allerdings: Wenn Sie ein so gutes Buch schreiben würden wie Vom Winde verweht, würde ich das auch ohne Happy End veröffentlichen.

Das wäre aber die einzige Ausnahme.

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