Autobiographisches

»Schreib doch mal was Autobiographisches«, wurde ich vor einigen Tagen aufgefordert.

Ich wurde gefragt, ob ich nicht einen Beitrag für eine Anthologie liefern könnte, in der es um die erste Begegnung, das Entstehen der Liebe, oder mehrerer Lieben, gehen soll.

Leider mußte ich das ablehnen, denn ich schreibe nichts Autobiographisches. Wie ich meine erste Freundin kennengelernt habe . . . oder alle meine Freundinnen . . . oder meine Frau . . . wen interessiert das?

Ich schreibe Unterhaltungsromane, die nichts mit meinem Leben zu tun haben. Sie sollen unterhalten, die Liebe beschreiben, aber sie sollen nicht die Liebesgeschichten erzählen, die ich selbst erlebt habe. Das war vielleicht für mich interessant, romantisch, erotisch, aber für die Leserin muß es das nicht unbedingt sein.

Deshalb plädiere ich für erfundene Geschichten. Eine Geschichte, die der eigenen Phantasie entspringt, enthält immer auch einiges von dem, was man selbst erlebt hat, das ist unvermeidlich, aber sie sollte vor allen Dingen gut erfunden sein.

Gut erfunden heißt: Nicht die Realität spielt die größte Rolle, nicht das, was wirklich passiert ist, sondern das, was vom dramaturgischen Aufbau her am spannendsten ist. In der Realität wird die Spannung manchmal untergraben, sie richtet sich nicht nach dramaturgischen Vorgaben.

Ein Buch muß das aber. Ein Buch ist mehr den LeserInnen verpflichtet als der Autorin. Sobald die Autorin das, was sie beschreibt, jedoch selbst erlebt hat, kann sie nicht mehr frei damit hantieren.

Angenommen, mir ist eine Geschichte passiert, bei der ich auf der Straße beinahe ein Tier überfahren hätte, ihm ausweichen mußte und dabei im Straßengraben landete. Vielleicht habe ich mich dabei sogar noch überschlagen und wurde verletzt.

Alles sehr aufregend und dramatisch. Nun versuche ich diese Geschichte aufzuschreiben, und nun ja, da steht sie, hier oben in dem Absatz. Mehr ist es nicht. Es war für mich in dem Moment bedrohlich, das könnte ich beschreiben, aber danach ging es weiter mit ADAC anrufen, abgeschleppt werden, eventuell die Polizei, die den Unfallhergang aufnimmt, stundenlanges Warten im Krankenhaus und, und, und.

Wenn ich als Autorin diese Geschichte schreiben würde, wäre sie jedoch ganz anders. Sagen wir einmal, der Unfall geschieht genauso wie gehabt.

Ich versuche aus dem Auto, das auf dem Dach liegt, herauszukommen. Ich blute. Das Blut läuft mir in die Augen, ich sehe nichts.

Plötzlich höre ich eine erotische Stimme: »Ist Ihnen etwas passiert? Kann ich Ihnen helfen?«

Das Blut rinnt mir immer noch über die Augen, aber irgendwie interessiert mich das nicht mehr. Die Stimme der Frau interessiert mich viel mehr.

»Ich weiß nicht«, stöhne ich. »Ich komme hier allein nicht raus.«

Jemand rüttelt an der Tür, versucht sie zu öffnen, es gelingt. Ich werde herausgezogen, und während das Blut auf ihre Bluse tropft, sehe ich der Frau meiner Träume zum ersten Mal in die faszinierenden Augen.

Vergiß den ADAC.

Ja, so ist das nicht abgelaufen, aber so muß es in einem Buch eben sein. Aber würde ich, wenn ich autobiographisch schreiben würde, das so schreiben können?

Nein, wahrscheinlich nicht. Eine Autorin, die uns ein solches Manuskript schicken würde und der wir vorschlagen würden, da doch diese Frau einzubauen und dann die folgende Liebesgeschichte, sagt vermutlich: »Aber so war es doch nicht. Ich kann das doch nicht einfach ändern«.

Tja, und dabei bleibt es dann. Ade, Buch. Der autobiographische Teil ist einfach zu uninteressant und unflexibel.

Ich mußte der Anthologie absagen. So gern ich Geschichten schreibe, aber autobiographisch? Nein, danke.

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