Schreiben und Sex

Wenn Sie im Leben etwas anderes tun können als zu schreiben, dann rate ich Ihnen: Tun Sie das. (Georges Simenon)

Ja, Georges Simenon war offensichtlich ein weiser Mann. Und genauso offensichtlich konnte er seinen eigenen Rat nicht befolgen, sonst wäre er wohl kaum so ein berühmter Schriftsteller geworden. Er konnte einfach nichts anderes tun als schreiben, er mußte es tun.

So geht es wohl allen großen Schriftstellerinnen und Schriftstellern: Wenn sie etwas anderes tun könnten, würden sie es vielleicht tun, aber sie können nichts anderes tun. Schreiben ist ihr Leben. Meins auch.

Schon von frühester Kindheit an, im zarten Alter von acht Jahren, habe ich geschrieben. Niemand hat mich dazu aufgefordert und niemand hat mich dazu angehalten, im Gegenteil, die meisten Kinder in meinem Alter fanden das eher komisch. Sie spielten auf der Straße Fangen, und ich saß drin und schrieb. Meine Familie fand auch, daß ich lieber mit den anderen Fangen spielen sollte. Habe ich natürlich auch manchmal getan, aber wenn ich etwas zu schreiben fand, konnte mich niemand mehr zum Fangenspielen überreden.

Körperliche Bewegung ist eine schöne Sache und auch wichtig, aber wenn man statt dessen seine Gedanken bewegen kann, erscheint sie doch immer als zweite Wahl. Welten im eigenen Kopf entstehen zu lassen – was hat die Welt da draußen, die reale Welt, dagegen zu bieten? Gar nichts.

Als Kind hat man oftmals eine Vorliebe für gewisse Dinge, die nicht lange anhält. Ein paar Wochen macht man dies, dann ein paar Tage das. Man probiert vieles aus und läßt es wieder fallen. Das habe ich auch getan, aber das Schreiben hat alles überdauert, es wurde nie fallengelassen.

Später im Leben habe ich dann einige Zeit ganz mit dem Schreiben – und Lesen – aufgehört. Das war während meines Germanistikstudiums. Niemand, der schreibt, sollte Literaturwissenschaft studieren. Das verleidet einem die Literatur wirklich.

Mein Kollege Andreas Eschbach beschreibt ähnliche Erfahrungen:

Hast du selbst an Schreibseminaren oder Schreibgruppen teilgenommen, bevor du deinen ersten Roman veröffentlicht hast?

Als ich angefangen habe zu schreiben, gab es so etwas wie Schreibseminare hierzulande nicht nur nicht, man hatte noch nicht einmal die Vorstellung, dass es so etwas überhaupt geben könnte oder sollte. Trotzdem habe ich während meiner Studienzeit eine Schreibgruppe besucht – allerdings eine von der Sorte, die einem eher nicht gut tun. Das war, wie sollte es im universitären Umfeld anders sein, der Literaturkreis des Studium Generale an der Universität Stuttgart. In so einer Umgebung kann man mit Science-Fiction-Geschichten natürlich überhaupt keine Punkte machen, und so was wie Spannung ist absolut suspekt. Da muss man elitär sein, schwierig, anspruchsvoll, dunkelsinnig und so weiter – alle waren sie versammelt, die Krankheiten der typisch deutschen Art, mit Schreiben umzugehen, hochkonzentriert in einem Raum und höchst virulent.

Die ersten Monate war ich völlig konfus, zweifelte an allem und jedem, vor allem aber an meiner Fähigkeit zu schreiben, und fing an zu glauben, nur Sonette, alexandrinische Versmaße und dunkle Metaphorik sei wahre Literatur. Ich war, kurz gesagt, in akuter Gefahr, völlig zu versuhrkampen. Aber irgendetwas – ein Überlebensinstinkt vermutlich – bewahrte mich davor, indem es mich zunächst aufhören ließ, überhaupt etwas zu schreiben. Die Genesung dauerte ein paar Jahre, aber schließlich kam ich so weit zu sagen: Scheiß drauf, das, was Ihr für Literatur haltet, ist alles gequirlte Kacke, und ich zeig Euch jetzt mal, wie es wirklich geht.

Wie das eben so ist im Leben: nichts ist nur schwarz oder nur weiß. Vielleicht war es ein Trainingscamp, in das mich das Schicksal schickte, zur Abhärtung gegen schwafelige Kritik und zur Stählung meiner Entschlusskraft, wer weiß? Jedenfalls, eines Tages stellte ich der Runde eine Kurzgeschichte vor, die ich ziemlich gut fand, und danach kam einer der anderen Teilnehmer auf mich zu, outete sich als Redakteur einer Stuttgarter Literaturzeitschrift und zuständig für Science Fiction und fragte, ob ich nicht etwas für seine Rubrik hätte. Ich sagte »Ja«, und weil das gelogen war, ging ich heim und schrieb an einem Tag die Story, die heute in unveränderter Form das erste Kapitel der Haarteppichknüpfer ist.

Das ist ein Auszug aus einem Interview, das man vollständig bei Montsegur nachlesen kann.

Mir ist es genauso gegangen. Solche Literaturgruppen oder Schreibgruppen an der Uni sind tödlich für jeden kreativen Geist. Im Gegensatz zu den »Creative-Writing-Gruppen« in den USA, die es dort an jeder Schule und an jeder Uni gibt, sind diese Gruppen in Deutschland bevölkert von Möchtegern-Dichtern und Denkern, die nichts weniger können als dichten und denken, aber meinen, daß es nur eine Art gibt, wie man das tun kann.

Man hat dabei aber nicht das Gefühl, daß ihnen diese Art Vergnügen bereitet. Die verbissenen Gesichter und heruntergezogenen Mundwinkel sprechen dagegen. Jeder, der Spaß am Schreiben hat, erscheint ihnen höchst verdächtig. Schreiben muß wehtun, muß so viel inneren Schmerz verursachen, daß man schreit, erst dann ist es richtig. Was dabei herauskommt . . . nun ja, darüber kann man nicht einmal mehr streiten, weil man von all der Qual zu erschöpft ist.

Meine Vorstellung vom Schriftstellerdasein war immer eine andere. Man sollte Spaß haben am Schreiben, man sollte es tun, weil es nichts gibt, was man lieber täte. Wenn man lieber schwimmen gehen will, sollte man das tun, nicht schreiben.

Schreiben muß einem mindestens ebensoviel (wenn nicht mehr) Vergnügen bereiten wie Sex, sonst sollte man es lassen.

Das Kommentieren ist nicht mehr möglich

  • Keine Kommentare vorhanden

Weitere Artikel, zufällig ausgewählt

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
  • 11
  • 12
  • 13
  • 14
  • 15
  • 16
  • 17
  • 18
  • 19
  • 20
  • 21
  • 22

Suche

Kontaktformular
Diese Webseite verwendet Cookies, um vollständig zu funktionieren.
Datenschutzerklärung Einverstanden