Was ist ein Klischee? Wo ist das Problem?

Im Autorenforum »Montsegur« fand ich einen Artikel mit dieser Fragestellung.

Wenn ein Kritiker das Wort »Klischee« verwendet, meint er damit nichts Wohlwollendes. Doch nicht alles, bei dem man Klischee ruft, ist wirklich eins.
So in etwa hat jeder von uns eine Vorstellung davon, was ein Klischee ist, aber die wenigsten haben eine wirklich saubere Definition. Ich möchte mal versuchen, eine Eingrenzung vorzunehmen.

Ein Klischee ist, kurz gesagt, eine oft kopierte Idee. Eine ZU oft kopierte Idee. Es löst im Leser den Gedanken aus: »Och nö, nicht schon wieder DAS! Da hätte dem Autor wirklich mal was anderes einfallen können.«

Typische Klischees:
*Der Böse erzählt dem Helden immer seinen ganzen Plan, wenn er ihn gefangen hat.
*Der Böse erschießt nie selbst den Helden, sondern überläßt ihn einer scheinbar ausweglosen Situation, aus der er sich immer befreit.
*Die Kreuzritter versahen ihre Frauen mit Keuschheitsgürteln, während sie auf Fahrt gingen.
*Wikingerhelme haben Hörner.
*Zauberer haben lange weiße Bärte.
*Der Polizeichef suspendiert ständig seinen besten Mitarbeiter – oder gibt ihm gerade noch 48 Stunden, um den Fall zu lösen.
*Jedes Auto, das einen Abhang herunterrutscht oder einen ähnlichen Unfall hat, explodiert. (Sitzt allerdings der Protagonist drin, wird es erst explodieren, wenn er herausgekrochen und in sicherer Entfernung ist.)
*Wenn jemandem ein Auge, Arm oder Bein fehlt oder er schwer entstellt ist, ist er der Böse.

Oft ist das Klischee mal eine brilliante, originelle oder lustige Idee gewesen, bevor alle Welt sie zu kopieren begann. Aber meistens eigentlich nicht. In der Regel ist das Klischee schon von Anfang an eine Verlegenheitslösung, ein Vorurteil oder Recherchefehler, hat sich aber »durchgesetzt«, weil diejenigen, die es kopierten, es toll fanden.

Man muß das Klischee abgrenzen von der Konvention und der Realität.

Konvention ist eine Art Normierung bzw. stille Übereinkunft. Zum Beispiel die spitzen Eckzähne eines Vampirs. Das ist ein allgemein akzeptiertes Motiv, dessen Verwendung (bislang) noch niemanden hat aufstöhnen lassen. Nicht, daß man das nicht auch anders machen könnte und es nicht auch vereinzelt anders gemacht würde (bei Nosferatu waren es spitze Schneidezähne, beim Vampirbaldachin ein Stachel in der Zunge, in Lifeforce nichts dergleichen).

Realität ist, wenn das, was man beschreibt, gängige Realität ist. Das ist natürlich ein ganz problematisches Feld, weil da oft Vorurteile und Weltanschauungen einfließen. Es kann sein, daß dem Autor Klischee und Ressentiments nachgesagt werden, obwohl er nur geschrieben hat, wie es tatsächlich ist (der machohafte, wenig gebildete und skrupellose Zuhälter), oder er hat tatsächlich ein Vorurteil bedient und behauptet nun, es sei aber wirklich so (alle Moslems sind potentielle Terroristen).

Was man nun diskutieren könnte, wäre
– warum man als Autor ein Klischee verwendet, auch wenn man weiß, daß es eins ist.
– ob es Klischees gibt, die man, obwohl man sie als Klischees erkennt, nicht als schlimm empfindet oder gar erwartet und nicht missen will. Und ob genau das dann eine Konvention ist.
– ob Klischees generell ein Buch schlechter machen oder den Autor zu einem ideenlosen faulen Sack stempeln.

Peter (Quelle:Montsegur Autorenforum: Was ist ein Klischee und was ist das Problem damit?)

Einige der Kommentare in jenem Forum sind ganz interessant. Man kann Klischees nämlich auch verwenden, um einen Überraschungseffekt zu erzeugen wie mit diesem zum Beispiel:

Schwarze Lederstiefel und Glatze = Neonazi = Klischee 
Schwarze Lederstiefel und Glatze = Sozialarbeiter = Überraschungseffekt

Was ich aber für einen Beweis für eine besondere schriftstellerische Begabung halte, ist, wenn man die LeserInnen über mehrere Bände auf die Erfüllung des Klischees hoffen läßt (die beiden Polizisten, die an dem Fall arbeiten, ein Mann und eine Frau, werden bestimmt ein Paar am Schluß. Wenn einer von ihnen im Privatleben Probleme mit irgend etwas hat, werden diese Probleme am Schluß gelöst, und es gibt ein Happy End . . .), also immer wieder so Andeutungen einfließen läßt, daß es am Ende von Band 100 dann doch zu einer befriedigenden Auflösung kommt, und das dann enttäuscht. Das ist die Spezialität von Elizabeth George:

Dazu kämen dann noch die wunderschönen klapperdürren Fotomodells, die kokainsüchtig sind.
Dann gibt es die häßlichen Entchen, die durch ein bißchen Styling zum stolzen Schwan mutieren.
Ansonsten denke ich, wer mit Klischees spielen kann, der hat keine Probleme damit.
Elizabeth George versteht sich auf ihr Geschäft. 
Es gibt kein Happy End für Inspektor Lynley. Seine schwangere Geliebte stirbt. Die kinderlosen Freunde bleiben kinderlos. Aschenputtel Barbara Havers bleibt das, was sie ist. Jahrelang hat man mit den Figuren gehofft, und das Ergebnis ist durchweg deprimierend.
Schon eine Kunst, die Leute durch nonchalant eingestreute Bonbons auf die Erfüllung des Klischees hoffen zu lassen und dann . . . (Quelle: s.o)

Aber weil viele Verlage und LektorInnen so politisch korrekt sein wollen, streichen sie sogar die Klischees, die stimmen, wie eine Autorin berichtet:

Zitat: Es kann sein, daß dem Autor Klischee und Ressentiments nachgesagt werden, obwohl er nur geschrieben hat, wie es tatsächlich ist.

Da fällt mir sofort der bärtige, ein wenig schmuddelige Sozialarbeiter ein, den mir die Lektorin gnadenlos gestrichen hat, obwohl ich wirklich nur beschrieben hatte, was ich aus eigener Anschauung kannte. (Quelle: s.o)

Ja, so kann’s gehen. Man darf die Realität nicht so beschreiben, wie sie ist, weil das angeblich ein Klischee ist.

Da fragt man sich: Wovor fürchten sich Leute, die ständig Klischees anprangern? Vielleicht vor der Realität?

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