Muß man in einem Roman jedes Geheimnis enthüllen?

Fragte vorgestern ein Kommentar, und ich finde die Frage interessant.

Eine kurze Antwort dazu habe ich schon geschrieben, aber ich denke, es gibt noch weitaus mehr darüber zu sagen. Zuerst einmal müßte man defininieren, um welche Art von Geheimnis es sich handelt.

Auf Anhieb kommt mir da das berühmte »Familiengeheimnis« in den Sinn. Gibt es vor allem in Familiensagas, die sich über mehrere Bände und Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte erstrecken. Buhuhu . . . ein Geheimnis in der Familie . . . was könnte das wohl sein?

Die Autorinnen (meistens sind es ja Frauen) solcher Bücher verstehen es prächtig, ständig um die Auflösung des Geheimnisses herumzureden und die Leserinnen damit bei der Stange zu halten, bis auch der zehnte Band der Saga verkauft ist. Ein Verkaufstrick also. Aber wenn es den Leserinnen gefällt, warum nicht?

Leider ist das Geheimnis dann zum Schluß doch kein so großes Geheimnis, es ist irgend etwas, was man sich schon denken konnte, ein uneheliches Kind, eine Abtreibung, eine Vergewaltigung, die niemals geahndet wurde, oder ein Mensch, der tagsüber den braven Bürger spielt und nachts durch Bordelle schleicht.

Viele dieser »Geheimnisse« sind in unserer heutigen Gesellschaft so unspektakulär, daß man dann bei der Auflösung sehr enttäuscht ist. Somit wäre es wohl besser, das Geheimnis unaufgelöst zu lassen. Das gilt auch für viele Romane von Stephen King. Die Bücher selbst sind spannend, aber die Auflösung ist dann so banal, daß man besser darauf verzichtet hätte.

Aber – und das ist das Problem – im Unterhaltungsbereich verlangen die LeserInnen eine Auflösung. Man kann nicht einfach sagen: Denkt euch die Lösung doch selbst aus. Ihr habt doch Phantasie.

Nein, das kann man nicht. Durch ein solches Vorgehen verprellt man die LeserInnen, sie werden das nächste Buch dann vielleicht nicht mehr lesen, und also muß man eine Auflösung präsentieren. Den Eindruck habe ich jedenfalls bei Stephen King.

Somit muß man diese Geheimnisse tatsächlich enthüllen, auch wenn sie vielleicht gar nicht enthüllenswert sind. Es geht einfach nicht anders.

Eine Sonderstellung nehmen solche Geschichten wie die von »Akte X« ein. Obwohl das kein Roman ist, ist es doch eine Geschichte, somit trifft auch dort die Überlegung zu. Geheimnisse sind bei Akte X an der Tagesordnung, sie sind das A und O. Aufgelöst werden die Geheimnisse nie. Manchmal hat man das Gefühl, es gibt so eine Art Lösung, aber meistens wird die Erwartung enttäuscht.

Dennoch hat Akte X ein großes und treues Publikum, das jeder Folge entgegenfiebert und nicht frustriert ist, wenn es keine wirkliche Erklärung gibt. Es ist also das Geheimnis an sich, das fesselt, das Rätsel selbst, auch wenn es ohne Auflösung bleibt.

Eigentlich ist das Rätsel der Kern jedes guten Krimis, bei einem Krimi muß jedoch eine Lösung präsentiert werden, bei einem Mystery-Thriller wie Akte X ist das nicht unbedingt nötig. Die Fans dieser Gattung wollen einfach ständig neue Rätsel präsentiert bekommen, aber sie wollen, daß das Ende offen bleibt.

Waren es nun Außerirdische oder waren es doch nur Menschen? Waren es beide zusammen oder eine der üblichen Verschwörungen? Eine Verschwörung der Regierung, eine Verschwörung der Geheimdienste oder gar der globale Kapitalismus? Im Grunde genommen bleibt das bis zum Ende unklar, man kann sich denken, was man will.

Sicherlich, da es eine Fernsehserie ist, läßt das auch immer die Möglichkeit, die Serie fortzusetzen, ebenso wie es bei den oben erwähnte Familiensagas gehandhabt wird. Es ist einfach verkaufsstrategisch günstig, wenn die Zuschauer auch das nächste Mal wieder einschalten, um vielleicht endlich die Lösung des Rätsels zu erfahren.

Aber da dieses Konzept so lange, über Jahre, funktioniert, wissen die Zuschauer ja eigentlich schon, daß es keine Lösung gibt. Dennoch schalten sie wieder und wieder ein. Genial. (Von den Machern.)

Eine zweite Sache, die mir zu diesem Thema einfällt, das sind die sexuellen Geheimnisse, beziehungsweise nicht die Geheimnisse, sondern die Beschreibung von Sexualität. Wie detailliert muß eine solche Beschreibung sein? Muß sie tatsächlich so weit gehen, daß kein Geheimnis mehr bleibt?

Also erst einmal: es muß gar nichts. Es sei denn, man schreibt Pornos, da gilt das natürlich nicht, denn da dreht sich ja alles nur um den sexuellen Akt. In einem Liebesroman aber nicht. Da ist der Sex nur die Erfüllung, auf die die Liebe hinausläuft, und wie detailliert oder wenig detailliert die Autorin das beschreibt, bleibt ihr überlassen.

Manche Menschen mögen keine detaillierten Szenen, vielleicht weil sie selbst schlechte Erfahrungen mit Sexualität gemacht haben oder aufgrund ihrer Erziehung etwas »Schmutziges« damit verbinden oder aus einem anderen Grund, aber die meisten Menschen mögen solche Szenen schon (selbst wenn sie das nie in der Öffentlichkeit zugeben würden ). Somit muß man also überlegen, was das Publikum will.

Ist das Publikum eher geneigt, auf sexuelle Szenen zu verzichten, läßt man sie weg, ist das Publikum eher darauf aus, solche Szenen zu lesen, schreibt man sie. In Liebesromanen ist es vor allem wichtig, eine richtig gute, romantische Geschichte zu haben. Der Sex ist dann nur das Sahnehäubchen.

Und wenn es keinen Sex gibt – na gut, dann essen wir heute unseren Kuchen mal ohne Sahne. Schmeckt auch gut.

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Wer hat hier bereits Kommentare abgegeben?

  • Danke für die nette Kritik zu »Ostereier«. :) Es ist unheimlich schwierig zu beurteilen, ob ein Rätsel wirklich einiges an Rätseln aufgibt oder gleich durchschaubar ist. Schön zu hören, daß es tatsächlich spannend war. ;)

    Montag, 11. Februar 2008 16:59
  • Kristin aus N. am T.

    Permalink

    Auch mir ist aufgefallen, daß in einigen Romanen die Auflösung des „Geheimnisses“ enttäuschend sein kann und so vorhersehbar ist, daß die Spannung der ganzen Geschichte leidet. :-(
    Ich nehme mal an, daß sich die meisten User dieses Blogs am Schreiben ausprobieren und daher das Problem kennen, das auftaucht, wenn man eine Hauptfigur schafft und ein Geheimnis entwickelt. So ging es mir vor einigen Tagen. Da saß ich nun und entwickelte die Gegenspielerin zu meiner Hauptfigur und ihr Geheimnis. Dabei sollte es besonders ungewöhnlich sein aber nicht zu lebensfremd. Es sollte spektakulär sein aber dennoch realistisch. Das war gar nicht so einfach und ob ich es gut gelöst habe, wird sich zeigen. Mir jedenfalls gefällt es schon mal. Aber das ist ja nicht das entscheidende Kriterium.
    Ich selbst orientiere mich an Romanen, die mir in Erinnerung geblieben sind und das sind immer die, die ich extrem fand: entweder extrem gut aber auch extrem schlecht. Das Schlechte will ich vermeiden, das Gute ebenso gut machen. Bei einem Beispiel für ein gutes Geheimnis fällt mir der Roman „Ostereier“ von unserer kreativen und fleißigen Ruth Gogoll ein. ;)
    Es ist ein Buch, das nicht nur zu Ostern gelesen werden kann. Die symphatische Vi verliebt sich in die geheimnisvolle Ilka. Doch wie sieht es mit Ilka aus? Mal scheint sie die Gefühle von Vi zu teilen. Mal weist sie Vi zurück. Welches Geheimnis quält Ilka? Der Leser versucht zusammen mit Vi das Rätsel um Ilka zu lösen und ist dazu auf die kleinen Anhaltspunkte von Ilka angewiesen. Was sich dann zeigt, hätte ich niemals erwartet. Wie Vi versuchte ich, Erklärungen für das Verhalten von Ilka zu finden. Des Rätsel´s Lösung zeigte, wie sehr ich im Dunkeln tappte. Spannend und nicht vorhersehbar – genial!!!
    Bezüglich des Lüften des Geheimnisses plädiere ich immer dafür, es niemals zu unterlassen. Ich will nicht im Ungewissen gelassen werden. Ich will wissen, was der Autor sich dachte bzw. ob er sich überhaupt etwas dachte. Ich mag es aber nicht, wenn das Geheimnis zu früh gelüftet wird. Ich will mitraten, wie bei einem Krimi. Ich will mir Gedanken machen können, wie die Hauptfigur, die ja auch das Rätsel knacken muß. Nimmt mir ein Autor die Möglichkeit oder macht er es mir zu einfach, weil es beispielsweise zu vorhersehbar ist, gefällt mir das Buch nicht. Am Geheimnis und den Weg bis zur Aufdeckung beurteile ich sehr stark den Roman. Scheut der Autor die Auflösung, erweckt das bei mir den Eindruck, daß er sich nicht traut Farbe zu bekennen, so daß ich es einem schlechten Geheimnis gleich setze. Deshalb sollte meiner Meinung nach, dass Geheimnis immer gelüftet werden.
    Hinsichtlich der Offenheit beim Beschreiben von Sex teile ich voll und ganz die Meinung von Ruth Gogoll - beides ist möglich. Wenn mich allerdings jemand fragt, sing ich „Aber bitte mit Sahne!“. ;)
    In diesem Sinne wünsche ich schon mal allen ein geheimnisvolles und sahniges Wochenende,
    Kristin!

    Freitag, 8. Februar 2008 14:36
  • Labradorit

    Permalink

    Ich erinnere mich an eine Fernsehserie aus der Kindheit...
    "Das geheimnis der blauben Krone" abend um abend bat ich mein Mutter sie sehen zu dürfen...
    Am Ende gab es kein Geheimnis und ich war unglaublich enttäuscht! Etwas das ich niemals vergas!
    Bei kleinen erotischen Kurzgeschichen finde ich es in Ordnung wenn sie hauptsächlich aus erotischen Beschreibungen bestehen, so komme ich schnell in die gewünschte erotische Stimmung um mit mir selbst den Tag ausklingen zu lassen...

    Freitag, 8. Februar 2008 10:19

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