Unter den Wölfen des Literaturbetriebes

Zitat aus dem Newsletter des Autorenhausverlages:

Neuerdings kommen Autoren in Verruf. Warum? Weil sie rachsüchtig Bücher über Leute schreiben, mit denen sie persönlich abrechnen wollen, indem sie sie unmaskiert bloßstellen.

Oder sie erfinden ein tragisches Leben und behaupten, es sei ihr eigenes. Irgendwann erfährt der bewegte Leser: Nichts ist autobiographisch, Misha Defonseca ist nicht Jüdin, sie heißt auch nicht so und hat schon gar nicht, von einem Wolfsrudel beschützt, nach ihren Eltern gesucht. Oder die bürgerliche Margaret Setzer ist nicht die M.B.Jones aus dem Milieu von Drogenhandel, Massenvergewaltigung und Kindesmissbrauch, zu der sie sich gemacht hat.

Tragisch ist das vor allem für den Verleger: Vorschuss an den Autor ist futsch, Bücher müssen aus dem Buchhandel zurückgeholt, Käufer entschädigt werden, Lektorat, Druck und Werbung waren für umsonst und auch der Ruf des Verlags hat gelitten.

Warum kommen solche Fälle in letzter Zeit so oft vor? Wissen solche Autoren nicht mehr, was Betrug ist? Handelt es sich um eine Art Geistesverwirrung aus Geltungssucht und Geldgier? Denken diese Autoren nicht daran, dass sie sich nicht nur selbst, sondern auch allen Kollegen schaden, die künftig auf ihre Glaubwürdigkeit untersucht werden?

Ja, für einen Verlag ist das tragisch. Insbesondere für einen kleinen Verlag wie el!es wäre das eine Katastrophe. Wir wären ruiniert. Deshalb nehme ich keine autobiographischen Bücher an. Es könnte sich im nachhinein herausstellen, daß sie gar nicht autobiographisch sind, alles erfunden ist.

Ich bin sehr dafür, Geschichten zu erfinden und nicht sein Leben aufzuschreiben, das ist ja allgemein bekannt, aber hier fragt man sich wirklich, was das soll. Warum haben die Autorinnen nicht gleich gesagt, daß ihre Geschichten erfunden sind?

Gut, es ist tragischer zu behaupten, ich selbst, ich, die Autorin, habe in einem Rudel Wölfe gelebt, wurde von ihnen beschützt und bin dadurch den Nazis entronnen. Es klingt authentischer. Aber die Geschichte ist doch genauso spannend, wenn die Autorin sagt, sie hat sie erfunden und das Buch beispielsweise in der Ich-Form geschrieben ist.

Oder ist die Geschichte so schlecht, daß man sie dann, wenn die Autorin sie nicht erlebt, sondern »nur« erfunden hat, nicht lesen würde? Das glaube ich nicht, obwohl ich das Buch nicht gelesen habe. Denn die Leser haben das Buch massenweise gekauft, es muß sie also interessiert haben.

Um so mehr frage ich mich, warum die Autorin sich damit »maskieren« mußte zu behaupten, sie hätte das alles selbst erlebt. Klar, so etwas gab es schon immer. Für Schauspielerinnen und Schauspieler – vor allem früher in Hollywood – wurden Legenden erfunden, die nichts mit ihrem tatsächlichen Leben zu tun hatten.

Ein Schauspieler, der immer den harten Kerl aus dem Westen spielte, konnte natürlich nicht in einer verweichlichten Bostoner Familie geboren und aufgewachsen sein, mit Schul- und Universitätsabschluß, das fanden die Studios nicht glaubwürdig. Also wurde ihm ein Vater angedichtet, der Holzfäller war und in den Tiefen der verschneiten Rocky Mountains lebte.

Das wurde damals viel gemacht, und keiner hat sich darüber aufgeregt. Wieso regen sich heute alle so darüber auf, daß die Frau ihre Geschichte unter Wölfen nicht selbst erlebt hat? Hat sie sie nun gut erfunden oder nicht? Und wenn sie sie gut erfunden hat, warum muß das Buch dann aus dem Buchhandel zurückgerufen werden? Jetzt, nachdem bekannt ist, daß die Geschichte ein Märchen ist, nicht die Realiät?

Irgendwie verstehe ich das alles nicht.

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Wer hat hier bereits Kommentare abgegeben?

  • Wir sind auf jeder Buchmesse vertreten. Wir sind auch in Leipzig. Wir haben immer einen gemeinsamen Stand mit dem konkursbuchverlag. So ist es auch diesmal.

    Freitag, 14. März 2008 7:23
  • Juliette

    Permalink

    Hallo,
    das passt jetzt zwar nicht völlig zum Thema (ich bin ohnehin kaum an Autobiografien interessiert und würde stattdessen lieber eine gut erfundene Geschichte lesen), aber ich wollte es trotzdem mal kundtun: ich bin soeben zurück von 8 Stunden Buchmesse Leipzig! Es war wirklich sehr schön. Ich fand es nur etwas schade, dass der El!es-Verlag nicht dabei war. Mir sind unter den Besuchern immer wieder Frauen aufgefallen, die durchaus an diesem Verlag Interesse haben könnten (wenn mich meine Antennen nicht täuschen, aber vermutlich tun sie das des öfteren). Der Messeauftritt wäre also sicherlich gute Publicity.
    Andererseits weiß ich, dass Aussteller massig viel Geld pro qm Ausstellungsfläche bezahlen müssen. Hinzu kommt, dass mindestens immer eine am Stand sein muss. So gesehen hat's auch was für sich, wenn ihr das Geld gespart habt und dafür ein Buch mehr rausbringen könnt o.ä.
    Habt ihr mal mit dem Gedanken gespielt, dort aufzutreten?
    Grüße von einer Literaturfreundin

    Donnerstag, 13. März 2008 23:01

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