Interview mit Ruth Gogoll durch Veronique Blömacher (März 2000)

Warum war es für Sie so wichtig, »Taxi nach Paris« zu veröffentlichen, daß Sie sogar extra Ihren eigenen Verlag gegründet haben?

Alle Dinge, die ich tue, tue ich, weil sie mir wichtig sind und weil ich Spaß daran habe. Und wenn mir etwas wichtig ist und ich Spaß daran habe, möchte ich es auch mit anderen teilen. Das ist für mich ein großes Vergnügen, ein größeres als wenn ich nur allein Spaß daran habe. (Das ist wie beim Sex, nicht wahr?) :-)
      Aber ich bin zudem auch ein sehr kommunikativer Mensch und erzähle anderen gerne Geschichten, mündlich und schriftlich. Ich schreibe also nicht für die Schublade, sondern zwar für mich, aber auch für ein Pubikum. Um dieses Publikum zu erreichen, mußte ich mein Buch veröffentlichen.
      Das habe ich zuerst auf dem klassischen Wege versucht, indem ich es einigen Verlagen angeboten habe. Leider war die Resonanz nicht sehr positiv. Da ich aber selbst immer bemüht bin, meine Aktivitäten mit einem positiven Ergebnis abzuschließen und ich auch aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis sehr viel Feedback bekam, das in die Richtung ging: »Wann wird es denn nun veröffentlicht und wann bekommen wir mehr von solchen Geschichten zu lesen?« dachte ich, ich bringe es selbst heraus und betrachte es als das erste Buch einer Reihe, in der ich meine eigenen und auch die Romane anderer Autorinnen veröffentliche, die ein ähnliches Thema wie ich haben und vielleicht auch ähnlich wie ich von den anderen politisch korrekten Frauenverlagen abgelehnt worden sind. (Oder abgelehnt würden, wenn sie ihre Manuskripte dort einreichten.) Mittlerweile werden die meisten dieser Manuskripte auch von den anderen Verlagen nicht mehr unbedingt abgelehnt, weil es sich durch meinen Erfolg herausgestellt hat, daß diese Bücher sich sehr gut verkaufen. Ich war also die Vorreiterin einer neuen – und ich denke: längst überfälligen – Welle.
      Zudem war ich – bevor ich den el!es-Verlag gründete – sehr unzufrieden mit dem, was aus dem amerikanischen Markt zu uns herüberschwappte. Ich fand – ebenso wie Dutzende meiner Freundinnen –, daß doch auch deutsche oder nicht-amerikanische Autorinnen es zustande bringen müßten, etwas Unterhaltsames und Spannendes zu schreiben. Aber es gab immer nur Übersetzungen aus dem Amerikanischen, so daß man den Eindruck hatte, nur in Amerika gibt es Lesben, nur in Amerika gibt es lesbische Autorinnen für Unterhaltungsliteratur etc. Und immer wurde die amerikanische Realität beschrieben, mit der wir uns zum Teil gar nicht so recht identifizieren können. In Deutschland gibt es keine High-Schools, relativ wenig Cheerleader und auch nicht das ständige Nebeneinander von verschiedenen Hautfarben im Verhältnis 50:50 oder sogar noch mehr. Wir haben ganz andere Probleme, und unser Alltag läuft auch völlig anders ab. Die Probleme oder der Alltag wurden aber nie beschrieben, denn in Amerika ist das naturgemäß kein Thema.
      Und dann kam noch hinzu, daß aufgrund der amerikanischen Prüderie die erotischen Szenen immer viel zu kurz kamen. Alle meine Bekannten beklagten sich darüber (und ich selbst vermißte es auch), und da dachte ich, da ich schon seit meinem 8. Lebensjahr schreibe, ich müßte es doch besser machen können. Deshalb fing ich an, »Computerspiele« zu schreiben, einen Lesbenkrimi (weil ich bis zu dem Zeitpunkt hauptsächlich die Lesbenkrimis von Ariadne zum Vorbild hatte) mit viel Erotik, der sich dann aber immer mehr in Richtung Liebesroman entwickelte. Also schrieb ich »Taxi nach Paris«, und »Computerspiele« kam dann später als mein dritter Roman (und erster Krimi) heraus.

Wie lange haben Sie an der Idee zu dem Buch und an dem Buch selbst gearbeitet?

Die Idee kam mir beim Schreiben von »Computerspiele«, als ich an eine Szene kam, in der eine Hure auftauchte. Ich fand das so interessant (eine Hure hat für Frauen natürlich eine völlig andere Bedeutung als für Männer, das bitte ich nicht zu verwechseln), daß ich sie zur Hauptfigur machen wollte. Als ich mich dazu entschlossen hatte, ging das Schreiben sehr schnell, es dauerte etwa 6-8 Wochen.

Wieso haben Sie das Buch in der Ich-Erzählweise geschrieben?

Weil ich das am einfachsten fand. Es erleichtert der Leserin zudem die Identifikation, und fast alle Lesbenkrimis, die ich kannte, sind in der 1. Person geschrieben. Bei »Computerspiele« hatte ich zuvor mit der Schreibweise in der 3. Person begonnen, und ich hatte gemerkt, daß mir das erstens nicht so sehr liegt und es zweitens große Probleme mit den Personalpronomina gibt, wenn es sich in den meisten Szenen bei den Beteiligten immer um Frauen handelt. Es heißt dann immer »Sie sagte zu ihr . . .« oder ähnlich, und es ist sehr schwer zu unterscheiden, welche der handelnden Personen gemeint ist. In einem Heteroumfeld ist das kein Problem. »Er küßte sie« oder »Sie küßte ihn« ist eindeutig, aber »Sie küßte sie«? Wer küßt da wen? Deshalb ist es schon praktischer zu schreiben: »Ich küßte sie« oder »Sie küßte mich«. Das ist dann wieder eindeutig. Und wie gesagt: Alle Leserinnen haben mir bestätigt, daß sie es schöner und leichter finden, sich mit »Ich« zu identifizieren. Sie können dann in das Buch ganz eintauchen, es gibt keine Distanz, und das scheinen meine Leserinnen sehr zu schätzen, wenn ich die Post, die ich bekomme, richtig interpretiere.

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