Interview mit Ruth Gogoll durch Veronique Blömacher (März 2000)

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Warum erfährt man weder den Namen der Prostituierten noch den der Protagonistin?

Das ist ein Kunstgriff, der auch die Identifikation erleichtern soll. Sarah Schulman hat in ihrem Buch »Ohne Delores« die Protagonistin ebenfalls ohne Namen gelassen, und das hat mir sehr gefallen. Außerdem merkt man es bei ihr eigentlich bis zum Schluß gar nicht. Ich wollte probieren, ob ich das auch kann. Und offensichtlich konnte ich es, denn viele meiner Leserinnen haben mir geschrieben, daß sie es erst gemerkt haben, als sie das Buch zuschlugen, daß beide keine Namen haben. Und dann gab es noch ein Problem: Die Hure ist so überirdisch schön, daß kein Name zu ihr zu passen schien, denn mit jedem Namen verbindet man doch immer schon eine Vorstellung, weil man jemand kennt, der so heißt usw. Einen zu künstlich klingenden neu erfundenen Namen wollte ich auch nicht benutzen, denn das läßt das ganze Buch und die Geschichte dann künstlich erscheinen, was sie nicht ist. Sie ist sehr stark mit den Emotionen verknüpft, die wir alle kennen und soll Situationen widerspiegeln, die wir uns auch in unserem Alltag vorstellen können. Ein Kunstname verweist eine immer darauf, daß es eben nicht real ist. Das sollte nicht geschehen. Sicher, es ist ein Märchen, aber frau sollte sich doch zumindest vorstellen können, daß auch ihr dieses Märchen passieren könnte, daß es nur um die nächste Ecke liegt und nicht in einer künstlichen Realität.

Ist das Buch eine Lebenserfahrung oder wirklich nur eine Erfindung?

Es ist reine Erfindung. Mein Leben war nicht ganz so abenteuerlich. :-) Echt sind natürlich die Gefühle. Die hat in der einen oder anderen Situation sicher schon jede mal so erlebt. Oder kann es sich zumindest vorstellen. Liebe, Verlustangst, Eifersucht usw. Und das kenne ich natürlich auch aus meiner eigenen Lebenserfahrung.

Ich denke, daß die erotischen Szenen in dem Buch die wohl wichtigste Rolle spielen. Man erfährt mehr über die beiden Hauptdarstellerinnen während dieser Szenen als im gesamten Buch. Mal abgesehen vom Schluß. War das so gedacht, oder sollten diese Szenen nur der Unterhaltung dienen?

Nein, das ist schon so gedacht. Ich glaube, daß jeder Mensch/jede Frau in diesen intimen Momenten mehr von sich verrät als sie verbal je sagen könnte. Deshalb sind Worte weniger wichtig als das, was man tut, ob im Bett oder anderswo. Mir macht es einfach auch Spaß, solche Szenen zu schreiben, und selbstverständlich sind sie auch zur Unterhaltung gedacht. Aber ich will damit natürlich nicht einfach Sex zeigen, das wäre dann auf die Dauer doch etwas langweilig, sondern die Charaktere der beiden Frauen und die Entwicklung ihrer Beziehung. Das ist wesentlich wichtiger als der Sex. Allerdings möchte ich durchaus auch vermitteln, daß Sex einfach Spaß macht und nicht unbedingt ein Problem darstellen muß. Das ist für viele Frauen ja durchaus nicht so selbstverständlich wie für die meisten Männer.

Da ich gerade dabei bin, das Buch zu interpretieren, hätte ich gerne noch einen Rat von Ihnen. Sollte ich den Schwerpunkt auf die Eifersucht, also auf den psychischen Aspekt legen, oder mehr auf den gesellschaftlichen (Prostitution in der Gesellschaft)?

Mir wäre der persönliche Aspekt weitaus wichtiger als der gesellschaftliche. Ehrlich gesagt wollte ich kein sozialkritisches Buch schreiben, sondern einen Liebesroman. Daß die eine der beiden zufällig eine Hure ist, ist wirklich Zufall. Es gibt einfach mehr Probleme, wenn es eine solche Konstellation gibt (und die Figur einer Hure gab es so, wie ich sie beschrieben habe, noch in keinem lesbischen Roman. Das war ganz neu, und das hat mich gereizt auszuprobieren.). Das ist spannender, fand ich. Ein großes Problem, das die Erfüllung der Liebe zumindest für eine Weile verhindert, gibt es ja in jedem Liebesroman (angefangen bei »Vom Winde verweht«) und sollte es auch geben. Das entspricht ja oft auch der Realität. Eine Beziehung wächst an den Schwierigkeiten. Erst da beweist sich, ob es wahre Liebe ist. Wenn es nur »Friede-Freude-Eierkuchen« gibt, ist das Buch eigentlich sehr schnell uninteressant und zu Ende.

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