Interview mit Ruth Gogoll in der »lespress«, Ausgabe 11, November 1998

Jahrgang 58, nach eigener Aussage »immer schon lesbisch«, gehört Ruth Gogoll mit ihrem el!es-Verlag zu den Shootingstars der Verlegerinnenszene.

Nach dem Abitur studierte sie in Köln, Bonn und schließlich Konstanz Germanistik, Romanistik, Anglistik und feministische Linguistik.

Von all diesen Dingen kann man und erst recht frau nicht unbedingt leben, und so machte sie eine Umschulung als technisch-wissenschaftliche Software-Assistentin, bekam einen Job in Freiburg als Programmiererin, was allerdings nach zwei Jahren ein wenig zu langweilig wurde. Sie studierte Wirtschaftsinformatik, wurde Unternehmensberaterin, was ihr alles schon Spaß machte und sie auch beruflich und vor allen Dingen finanziell voran brachte. »Allerdings merkte ich auch dann recht früh, daß ich im Grunde nichts mehr von dem mache, was ich ursprünglich machen wollte und was mich faszinierte. Bücher waren doch eigentlich mein Leben. Seit meinem achten Lebensjahr schreibe ich, hatte mich allerdings nie als Schriftstellerin gesehen. Schreiben war halt meine Art, mit meinem Leben fertigzuwerden und mich auszudrücken. Journalistin war damals noch eine kleine Perspektive für mich, aber Schriftstellerin? Nein.«

Und so las sie (wie so viele) die Ariadne-Krimis rauf und runter, auf der Suche nach den erotischen Stellen und fand es wie viele ihrer Freundinnen schade, daß nach 15 bis 20 Zeilen immer schon Schluß war. »Naja, und dann fiel mir auf, daß die meisten der Ariadne-Autorinnen Amerikanerinnen sind. Und ich fragte mich, wieso es keine Deutschen gibt, die so etwas schreiben. Gut, wir haben alle irgendwann mal Germanistik studiert und gelernt, daß erotische Literatur nichts ›Anständiges‹ ist. Das machte vielleicht unsere Blockade hierzulande aus.«

Aber auf der anderen Seite wollte Ruth Gogoll das auch nicht einsehen. Und so begann sie, quasi als Schreibübung, ihren ersten erotischen Roman – natürlich in Krimi-Form – zu schreiben. Das allerdings auch nur sehr zögerlich: »Ich wußte schon: Unterhaltungsliteratur war etwas, was ich nicht gelernt hatte. Und deshalb war ich auch der Überzeugung, daß ich es erst einmal nicht kann.«

Aber im Laufe des Schreibens bekam sie immer mehr Spaß an der Übung und gab ihren Freundinnen die ersten Textproben. Die fanden ihre Geschichte so spannend, daß sie unbedingt weiterlesen wollten, was Ruth Gogoll natürlich beflügelte. Und so kam es zu ihrem Erstlingswerk »Taxi nach Paris«, das sich im Laufe der Übungen völlig weg vom Kriminal-Genre entwickelte. Bis zum Ende dieses Romanes vergingen dann doch zwei Jahre, aber dann überredeten ihre Freundinnen Ruth Gogoll, den Roman diversen Verlagen anzubieten. Das Ergebnis war ernüchternd: Absagen. Dennoch, Ruth Gogoll vertraute ihrer Ungeduld, ihrem Instinkt und vor allen Dingen dem Instinkt ihrer Test-Leserinnen und produzierte das Buch selbst.

Die zunächst tausend und in ausschließlich wenigen Frauenbuchläden erhältlichen Exemplare waren bald ausverkauft. Es wurde nachgedruckt, und auf einmal fand sich Ruth Gogoll in einem 16-Stunden-Tag wieder, der aus 8 Stunden Unternehmensberatung bestand und aus weiteren 8 Stunden Versandabwicklung ihres Romans. Das FAX-Gerät quoll über, Rechnungen wollten und sollten geschrieben werden, Pakete verschickt werden, etc. Wovon manche selbsternannte Autorin träumt, entwickelte sich für Ruth Gogoll allmählich zum Stress. Dennoch schaffte sie es, so nebenbei den zweiten Roman nachzulegen, der sich ebensogut verkaufte.

Inzwischen hat sich Ruth Gogoll mit dem konkursbuch-Verlag zusammengetan, der den Vertrieb übernimmt. Und inzwischen denkt sie nicht mehr intensiv über einen erneuten Berufswechsel nach, sondern hat ihn einfach vollzogen: Unternehmensberatung adé, Verlegerinnendasein ahoi! Neben ihren eigenen Titeln (der Plural ist wohlgewählt, denn nach dem zweiten Titel »Ein Tod in Konstanz« folgt nun »Computerspiele«) vertreibt sie in ihrem el!es-Verlag auch einige nordamerikanische Titel.

Das ist nicht neu, aber Ruth Gogoll achtet schon darauf, daß sich ihre Bücher auch verkaufen. Und das tun sie. »Ich mache grundsätzlich nur das, was sich auch finanzieren läßt. Und das bedeutet: Ich kann nicht einen noch so schönen Roman verlegen, nur weil er so schön ist, sondern ich muß auch schauen, daß er sich verkauft oder seine Ausgaben zumindest durch den Überhang einiger anderer erfolgreicher Produkte finanziert werden. Wenn das nicht der Fall ist, geht es eben im Moment noch nicht. Punkt.«

Wichtig ist für sie eben auch die nicht nur auf 20 Zeilen beschränkte Beschreibung von Sex (worauf wir ja nun alle warten in den entsprechenden Lektüren), sondern eben mehr: »Wenn Du ein Buch schreibst, kannst Du nicht alles en detail beschreiben, das ist klar, aber gerade da anfangen zu kürzen, wo es für uns Lesben aufregend wird, finde ich schade und halte es für falsch in Bezug auf die lesbische Leserinnenschaft inklusive meiner selbst. Nun ist es ja auch ausgesprochen schwierig, eine erotische Szene entsprechend aufzubauen. Aber bei meinen Autorinnen und mir ist es eben so, daß der erotische Teil wirklich so beschrieben wird, wie er im Prinzip stattfindet. Und so können sich bei den Leserinnen die entsprechenden prickelnden Gefühle auch richtig entwickeln. Diese Chance ergreife ich gern.«

Nun, es funktioniert offensichtlich. Aber Ruth Gogoll setzt nicht nur auf Sex: »Klar, es ist nicht alles Friede-Freude-Eierkuchen, aber ich habe die positive Botschaft in vielen Büchern mit lesbischem Kontext vermißt. Ich persönlich ärgere mich auch einfach, daß es so viele Bücher gibt, die das lesbische Dasein als Problem darstellen. Vieles davon ist historisch bedingt. Aber das ist nicht meine Welt. Und gerade diese Welt möchte ich gern vermitteln.«

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