Erziehung zur Gerechtigkeit

Weitere Seiten

Ich persönlich halte Gerechtigkeit für eine der Grundfesten des menschlichen Zusammenlebens, eine unverzichtbare Voraussetzung dafür, daß Menschen sich wohlfühlen und ohne große Probleme miteinander auskommen können.

In der Zeitschrift GEO erschien ein Artikel dazu, wie Kinder bereits sehr früh einen Gerechtigkeitssinn entwickeln: »Erziehung: Fairness lernen«. Oftmals hat man ja so den Eindruck, Kinder kennen den Begriff Gerechtigkeit überhaupt nicht. Wenn sie etwas nicht bekommen, fangen sie einfach an zu schreien, wenn ein anderes Kind ihnen nicht gefällt, schließen sie es aus ihrer Gemeinschaft aus oder spielen ihm Streiche, die bis hin zu Mobbing und harten Schlägen gehen können, wenn man versucht, ihnen klarzumachen, daß es auch andere Menschen auf der Welt gibt, die ebenfalls Rechte und Bedürfnisse haben, erhält man als Antwort nur »Ich, ich, ich«. Eigennutz und selbstsüchtige Interessen – das scheint Kinder zu charakterisieren.

Merkwürdigerweise hat ein Experiment, das die Entwicklungspsychologin Monika Keller am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin durchführte, jedoch ein anderes Ergebnis erbracht.

Monika Keller stellte 189 Berliner SchülerInnen aus vier Jahrgangsstufen vor die Aufgabe, eine Anzahl von 20-Cent-Münzen zwischen sich und einer Gruppe unbekannter SchülerInnen zu teilen – wobei ihnen jede Lösung zwischen »alles behalten« und »alles verschenken« offenstand. In Dreierteams jeweils gleichen Alters und Geschlechts berieten die Kinder, welche Aufteilung den besten Ausgleich zwischen Fairness und Eigeninteresse darstellte.

Dabei legten die Kinder eine überraschende Großzügigkeit an den Tag: Während Erwachsene in vergleichbaren Spielexperimenten im Durchschnitt 70 Prozent des »Vermögens« für sich behielten, verfuhren die Kinder und Jugendlichen mehrheitlich nach dem Prinzip »halbe-halbe«. Und das, obwohl kein Pädagoge im Hintergrund Entscheidungshilfe leistete. (Quelle: GEO.de)

Lag es vielleicht gerade daran, daß eben kein Erwachsener mitmischte? Es ist doch oftmals auffällig, daß Kinder sich völlig anders verhalten, wenn Erwachsene anwesend sind. In einer reinen Kindergruppe erkennen Eltern ihre Kinder manchmal kaum wieder.

Wenn man Kinder nur sich selbst überlassen würde, sie alle Entscheidungen allein fällen müßten, wären sie sicherlich überfordert. Kinder brauchen die Hilfe Erwachsener, um eben selbst erwachsen werden zu können, um sich selbst in der Gemeinschaft der Menschen einordnen und positionieren zu können.

Andererseits entwickeln Kinder jedoch offenbar schon sehr früh auch ganz eigene Regelmechanismen, die sogar ohne Erwachsene funktionieren. Aber – und das versuchen neuere Studien immer mehr zu beweisen – dieses Regelsystem entsteht nicht aus sich selbst, es ist abhängig von vielem, das im Umfeld der Kinder passiert.

Wie gerecht geht es in der Welt zu? Glaubst du, daß du im großen und ganzen bekommst, was du verdienst? Hast du das Gefühl, daß deine Mitmenschen, besonders Eltern und Lehrer, dich fair behandeln? Diese Fragen richtet die Hallenser Entwicklungspsychologin Claudia Dalbert vor allem an Schüler im Alter zwischen neun und 17 Jahren. Die Antworten geben Aufschluß darüber, wie sich die Befragten anderen gegenüber verhalten und wie stark sie sich dabei von moralischen Grundsätzen leiten lassen. Das stärkste Motiv dafür, so Dalbert, sei der Glaube an die Gerechtigkeit anderer: »Wer darauf vertraut, daß seine Mitmenschen ihn anständig behandeln, ist von vornherein eher bereit, sich selbst aktiv für Gerechtigkeit und Fairness einzusetzen.«

Wer sich aber dauernd als benachteiligt und ausgegrenzt erlebe, neige eher dazu, auch fremdes Leid und Unrecht als unvermeidlich zu empfinden – und entsprechend gleichgültig zu reagieren. Dieses Grundvertrauen wird vor allem durch Erfahrungen in der Familie geprägt, und deshalb fragt die Forscherin in ihren Untersuchungen auch danach: ob die Jugendlichen ihre Eltern als streng und unnachsichtig oder als verhandlungsbereit empfinden; ob es zu Hause viel Streit gibt, und wie stark die Eltern Frust und Mißstimmung an anderen Familienmitgliedern auslassen. Fazit von Dalberts Studien: Konsequenz und klare Regeln sind wichtige vertrauensbildende Maßnahmen in der Erziehung. Aber sie schaffen, für sich genommen, weder ein stabiles Wertebewußtsein noch Liebe zur Gerechtigkeit. Viel wichtiger ist es, Kindern etwas anderes zu vermitteln: die Erfahrung von Geborgenheit und emotionaler Nähe. (Quelle: GEO.de)

Das ist sicherlich keine neue Erkenntnis. Es gab schon einmal – und gibt immer noch – den Begriff des »Urvertrauens«, den ein Kind dann aufbaut und mit Inhalt füllt, wenn es eigentlich noch gar nicht denken kann: als Säugling. Wenn es Hunger hat und schreit, bekommt es zu essen; wenn es sich allein fühlt und schreit, wird es auf den Arm genommen und getröstet. Dieses Urvertrauen, wenn es einmal gebildet wurde, kann nichts so leicht erschüttern.

Weitere Artikel, zufällig ausgewählt

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
  • 11
  • 12
  • 13
  • 14
  • 15
  • 16
  • 17
  • 18
  • 19
  • 20
  • 21
  • 22

Suche

Kontaktformular
Diese Webseite verwendet Cookies, um vollständig zu funktionieren.
Datenschutzerklärung Einverstanden