Hochbegabung – Teil 2

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Letztes Mal hatte ich die Reizüberflutungen nur kurz erwähnt, da ich da doch etwas ausführlicher werden muss. Es gibt wissenschaftliche Erklärungen, voll gespickt mit Fachbegriffen und Fremdwörtern . . . aber warum immer kompliziert, wenn es auch mit praktischen Beispielen einfach geht? Und zugegeben, ich bin in Biologie sowieso ’ne Null.

Lese ich einen Text, verarbeite ich die Informationen sehr schnell, merke mir, was mir sinnvoll erscheint, wäge ab, teile ein, lege ab. Lerne ich jemanden kennen, ist es ähnlich. Mir fallen sämtliche Kleinigkeiten auf – Mimik, Gestik, Ausdrucksweise, usw. Ich analysiere Menschen, ob ich will oder nicht, rasend schnell. Kenne ich Menschen besser, merke ich dafür natürlich auch schnell, wie es ihnen geht. (Seltsamerweise kann ich mir aber überhaupt keine Gesichter merken. Ich erkenne die Leute dann eher an geschickt gestellten Fragen, aber ich bin am Üben. )

Das bringt natürlich auch den Vorteil mit sich, Situationen schnell zu erfassen und einschätzen zu können. Zu der Aufmerksamkeit kommt meine Logik und eben die Verarbeitungsgeschwindigkeit. Ich weiß oft, was mich jemand fragen oder mir sagen will, obwohl er noch nicht angefangen hat. 100%ig kann ich es mir auch nicht erklären, aber ich treffe meistens ins Schwarze.

Entdeckt habe ich es mehr durch meine Ungeduld. Ich kann es nicht leiden, wenn jemand »ewig« um den heißen Brei redet oder meint, er müsse eine lange Einleitung halten. Eine Zeit lang hab ich es auch einfach aus Spaß und Neugier getestet, bis ich einigen unheimlich wurde. Seitdem lass ich es, außer es sind Freunde. Manchmal ist es aber nach wie vor praktisch, gerade wenn jemand ein für ihn unangenehmes Thema anschneiden will und sich nicht so recht traut es auszusprechen.

Im Einzelnen ist das ja auch noch alles schön und gut und teils nützlich. Kommt aber alles zusammen, werde ich schlichtweg von Eindrücken »überflutet«.

Reizüberflutungen

Extrem erlebte ich es zum ersten Mal im Kino. Ich war zum ersten Mal in einem der »neuen« Kinos und das noch zur Premiere eines Films. Irgendwie war das zu viel – die vielen Menschen, Dolby Surround und dann noch der Film an sich. Ich dachte, ich bekomme keine Luft mehr, bekam Magenkrämpfe, Kopfschmerzen, alles drehte sich.

Im ersten Moment dachte ich, ich spinne jetzt völlig und wollte ja den Film sehen. Letztendlich stürmte ich nach zehn Minuten raus und brauchte drei Stunden, bis ich mich wieder beruhigt hatte. Nur wer kommt schon auf die Idee, dass man von zu vielen Eindrücken umkippen könnte?

Das hab ich dann nur noch einmal geschafft. Vor ungefähr einem Jahr bin ich abends mit einer Freundin weggegangen. Es lief alles recht normal, bis wir auf die Tanzfläche sind. Das Problem war vermutlich, dass ich entspannt war und deswegen nicht aufgepasst habe. Ich war da also munter am Springen (es war ein Punk-Abend), und auf einmal hab ich einfach nichts mehr gespürt, alles erschien auf der einen Seite weit entfernt, auf der anderen zu viel.

Ich hab einfach alles und jeden viel zu stark wahrgenommen und mich überhaupt nicht mehr. Lang hat das aber nicht angehalten. Es war nur während einem Sprung, es lief alles wie in Zeitlupe ab, und als ich wieder auf dem Boden ankam, hatte mein Körper schon auf Alarm umgestellt, um mich »zurückzuholen«. Atemnot, mein Blutdruck sackte ab und mir war extrem übel. Ich muss auch recht blass geworden sein, die Freundin zerrte mich dann raus.

Letztendlich habe ich Menschenansammlungen lange gemieden. Bis es mir selbst zu blöd wurde, ich wollte schließlich zu den Konzerten von meinen Lieblingsbands und abends auch etwas Spaß haben.

Das klappt bisher auch ganz gut. Bei Konzerten halte ich mich einfach am Rand oder relativ weit vorn, die Musik ist laut genug, dass ich andere akustisch kaum wahrnehme, und wenn ich merke, dass es los geht, konzentriere ich mich auf irgendetwas, meistens die Musik. Und da ich Musik aus der Grufti-Szene (das Wort »Gothic« ist mir zu albern) bevorzuge, gibt es auch keine Probleme mit visuellen Eindrücken, sind ja eh alle schwarz angezogen.

Bei solchen Konzerten herrscht auch keine Hysterie irgendwelcher Teenies. Zusätzlich habe ich gelernt, die »Energien« richtig zu kanalisieren, nach einem Konzert bin ich schon mal für zwei Wochen unheimlich gut drauf und ausgeglichen.

Und in der Szene wegzugehen ist auch kein großes Problem. Irgendwie habe ich manchmal das Gefühl, dass es bei uns »Schwarzen« zivilisierter, ruhiger und friedlicher zugeht.

In meiner Kindheit war ich neben der großen Neugier ganz normal.

Am liebsten hab ich mit den Jungs aus der Nachbarschaft gebolzt. Ende der Grundschule zog bei uns ins Haus eine neue Familie ein, mit deren Sohn uns jedes Wochenende irgendein Mist eingefallen ist. Wir haben mitten in der Stadt gewohnt, so konnten wir uns zwar draußen nicht viel herumtreiben, aber daheim kann man auch ganze Legoimperien auf- und untergehen lassen.

Und es hat gezeigt, dass manche Filme nichts für Kinder sind. Es war keine gute Idee, uns damals Star Wars anschauen zu lassen. Irgendwann waren die Erwachsenen einfach doch genervt, wenn wir nur noch in Zitaten geantwortet haben

Nur das mit den Stunts hat nie so wirklich geklappt . . . Und mit verbundenen Augen und einem Baseballschläger zu versuchen, herannahende Gegenstände vorher wahrzunehmen und zu treffen, kann definitiv in einem leichten Chaos enden. Filme können schon inspirieren. Irgendwie war uns zwar immer klar, dass es nicht funktionieren kann, aber man kann ja hoffen. Von besonderer Intelligenz zeugt das Ganze nun wirklich nicht.

Von Hochbegabten wird Perfektion erwartet

Auch sonst war/bin ich ganz normal. Ich glaube, von vielen Hochbegabten wird immer vollste Perfektion erwartet . . . Ich bin faul, undiszipliniert und chaotisch. Ich rede genauso wie jeder andere mal Schwachsinn (vielleicht nur schneller ). Allein was ich schon alles mit dem Wort »Patentante« angestellt habe (lauter neue Variationen von »Tapete«). Morgens brauche ich ewig, bis ich in die Gänge komme, da kann es schon mal passieren, dass ich mit zwei verschiedenen Socken herumlaufe, und meine Frisur will sowieso nie wie ich will.

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