Software, die Lesben am Gesicht erkennt

Als ich erfuhr, dass es jetzt angeblich eine Software geben soll, die Lesben und Schwule am Gesicht erkennt, kamen mir doch so einige Gedanken. 

Gesichtserkennung an sich ist ja mittlerweile nichts Neues mehr. Man kann sogar seinen Computer damit schützen oder den Zutritt zu Bereichen regeln, die nicht öffentlich zugänglich sein sollen.

Das funktioniert, weil jedes Gesicht ganz individuelle Merkmale hat. Kein Gesicht gleicht dem anderen hundertprozentig, genauso wie Fingerabdrücke. Der Computer beziehungsweise die Software muss also nur die einprogrammierten Merkmale eines bestimmten Gesichts wiedererkennen, damit sie entscheiden kann, ob diesem Menschen Zutritt gewährt werden soll oder nicht.

Für einen Computer ist das nicht schwieriger, als wenn ein Mensch eine Orange sieht und „Orange“ sagt. Es ist eine Zuordnung von zwei bekannten Dingen zueinander, einem Gegenstand und einem Wort oder im Fall eines Menschen eine Person und ein Name.

Aber wie ist es mit der sexuellen Orientierung? Kann man die wirklich am Gesicht ablesen?

Wir alle kennen übertrieben tuntige Schwule oder übertrieben butchige Lesben, bei denen die sexuelle Orientierung sehr einfach abzulesen scheint. Trotzdem kann auch ein Mann, der tuntig erscheint, hetero sein, und ebenso eine Frau, die auf den ersten Blick einen eher männlichen Eindruck macht. So eindeutig ist das nicht.

Dennoch kann ich mich noch sehr gut daran erinnern, dass ich vor vielen Jahren einmal eine Hetero-Freundin zur Lesbendisco mitnahm, weil sie neugierig war und mich darum gebeten hatte, und sie dann nach einer Weile recht enttäuscht feststellte: „Die sehen ja alle aus wie Jungs.“

Aber darum geht es bei der Gesichtserkennung nicht. Denn obwohl viele der jungen Frauen bei der Disco kurze Haare hatten, eher männliche Hemden und Hosen und flache Schuhe trugen und kaum eine einen Rock, waren ihre Gesichter ausgesprochen weiblich. Es war nur die Kleidung, die sie fast wie Jungs erscheinen ließ. Äußerlichkeiten, die sie bewusst gewählt hatten.

Seine Gesichtsmerkmale wählt man aber nicht selbst aus. Und man möchte vielleicht auch nicht, dass einem jeder gleich am Gesicht ablesen kann, was man denkt und fühlt geschweige denn mit wem man schläft.

Gerade eben haben wir uns darüber gefreut, dass in Deutschland endlich das Mittelalter zu Ende gegangen ist und Lesben heiraten dürfen – und schon lange davor gab es eine Entwicklung in die Richtung, dass niemand wegen seiner sexuellen Orientierung diskriminiert werden sollte –, aber so ist es nicht überall auf der Erde.

Deshalb habe ich mich gefragt, wem würde eine Software, die am Gesicht erkennen kann, ob jemand homo- oder heterosexuell ist, nützen? Gerade in Ländern, in denen man eventuell sogar sein Leben verlieren kann, wenn man nicht der heterosexuellen Norm entspricht, könnte so etwas sehr gefährlich sein.

Die Wissenschaftler, die den Test zu dieser Software durchgeführt haben, haben dafür Bilder aus Onlineportalen genommen, in denen Frauen Frauen und Männer Männer suchen, es also eindeutig ist, welcher sexuellen Orientierung sie angehören.

Die Merkmale dieser Gesichter haben sie in die Software eingespeist und versucht, darin ein Muster zu erkennen. Angeblich schmalere Kiefer bei homosexuellen Männern zum Beispiel oder entsprechend breitere bei lesbischen Frauen. Dazu noch einige andere Merkmale.

Daraufhin erkannte die KI (Künstliche Intelligenz) bei einem Großteil von Personen angeblich die sexuelle Orientierung und ordnete sie richtig zu.

Ist das nun Fluch oder Segen? Diskriminierung ist in unserer Gesellschaft – die sich für eine recht offene hält – immer noch nicht ausgerottet. Über Gesellschaften, in denen Diskriminierung ohnehin zum kulturellen Hintergrund gehört, brauchen wir dabei gar nicht zu reden.

Der Fortschritt der Technik bringt vieles mit sich, von dem wir früher nicht einmal geahnt hätten, dass es so etwas geben könnte. Das liegt weniger an der Technik als daran, dass hinter jeder Technik Menschen stecken.

Computer werden von Menschen programmiert, und Menschen haben Vorurteile und machen Fehler. Wissenschaftler und auch Wissenschaftlerinnen sind oft so begeistert von den Möglichkeiten, die sich ihnen eröffnen, dass sie vergessen, was für Folgen das haben könnte. So ist die Atombombe entstanden.

Die Wissenschaftler, die daran geforscht und sie erfunden haben, waren keine Kriegstreiber, noch nicht einmal böse Menschen, die anderen schaden wollten. Sie wollten nur mehr über die Atome erfahren, über das, woraus unsere Welt gemacht ist.

Dabei vergaßen sie, dass die Welt hauptsächlich aus Menschen gemacht ist, denen wissenschaftliche Erkenntnisse schnurz sind, die nur ihren eigenen Vorteil sehen und ihren eigenen Gewinn. Die blind vor Hass gegen Menschen sind, die nicht genauso sind wie sie selbst. Die allein deshalb Angst vor einem Menschen haben, weil er nicht derselben Nation angehört wie sie selbst oder derselben Religion oder demselben Kulturerbe.

Die einzige Möglichkeit, diese Vorurteile, diese Ängste, diesen Hass zu überwinden, liegt darin, nach Gemeinsamkeiten zu suchen, nicht nach dem, was uns trennt und voneinander unterscheidet.

Wir müssen uns dessen trotzdem bewusst sein, aber wir sollten es nicht als Grundlage unserer Beurteilung nehmen. Und vor allem sollten wir nicht „anders“ mit „schlecht“ oder „bedrohlich“ verwechseln.

In einer solchen Welt wie der unseren, die noch weit davon entfernt ist, gleichberechtigt zu sein, ob es nun Homosexualität und Heterosexualität betrifft oder ganz einfach nur Männer und Frauen, Katholiken und Protestanten, Christen und Muslime, Akademiker und Nicht-Akademiker, Menschen unterschiedlicher Hautfarben, Menschen unterschiedlicher Herkunft, ist es gefährlich, die Unterschiede zu betonen und nicht die Gemeinsamkeiten.

Vielleicht begreifen das die Wissenschaftler, die mit solchen gefährlichen Dingen herumspielen, ja auch noch einmal. Obwohl ich es bezweifle. Denn sonst würden sie nicht immer wieder Studien veröffentlichen, die gegenseitige Vorurteile schüren.

Dennoch bin ich ein grundsätzlich hoffnungsvoller Mensch und denke, dass die Technik auch Vorteile bietet, die wir früher nicht hatten. Auf die möchte ich ungern verzichten.

Was also kann man tun, damit sie nicht zum Bumerang wird?

Wir können natürlich bei uns selbst anfangen. Wie immer die einzige Möglichkeit, etwas zu verändern. Andere Menschen und deren Meinungen können wir nicht verändern oder nur selten, aber unsere eigenen Reaktionen haben wir unter Kontrolle.

Wenn Menschen andere Menschen nicht mehr als Bedrohung ansehen, nur weil sie anders sind, dann ist auch eine Technik, die Anderssein herausfindet, keine Bedrohung. Vermutlich würde dann auch niemand darüber forschen, weil es niemanden interessieren würde.

Das wäre ein gutes Ziel.

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