Evelyn Hamann – Loriots wunderbare Entdeckung

Evelyn Hamann ist am Montag gestorben. Es traf mich wie ein Schock, als ich das las, als ob ich sie gekannt hätte.

Irgendwie gehörte sie zu den Menschen, die einem nah sind, obwohl man sie überhaupt nicht kennt, obwohl man sie nur auf dem Bildschirm gesehen hat. Sicherlich, das trifft für viele SchauspielerInnen zu, aber Evelyn Hamann hatte nicht diese Art, die einen dazu anregt, sie als Mitglied der Familie zu betrachten, ihr auf der Straße wegen eines Autogramms hinterherzulaufen. Sie war eine distanzierte Hanseatin, eine Norddeutsche, deren trockener Humor einen ganz überraschend traf.

Ihr Humor paßte perfekt zu dem des ebenfalls Norddeutschen Loriot. Sie ergänzten sich so unauffällig, daß man sich heute gar nicht vorstellen kann, daß Loriot damals, als er eine Partnerin für seine Sketche suchte, jemand anderen als Evelyn Hamann hätte auswählen können. Dabei hatte er eigentlich eine »kleine, pummelige, blonde Hausfrau« gesucht.

Evelyn Hamann war – was heute leider selten geworden ist – ein Profi. Sie hatte das Schauspielhandwerk von der Pike auf gelernt, nichts an ihrer Spielweise war Zufall, nichts improvisiert. Sie war jede Sekunde, die sie spielte, vorbereitet und konzentriert.

Ebenso wie die großartige Helga Feddersen, die auch leider schon 1990 gestorben ist, hatte Evelyn Hamann nicht das belanglos-hübsche Gesicht, das sie am Theater zur jungen Naiven prädestiniert hätte. Beide mußten sich andere Rollen suchen, und das war gar nicht so einfach, wie Evelyn Hamann einmal in einem ihrer seltenen Interviews sagte. Sie hat verzweifelt nach Rollen gesucht.

Diese Suche war schlagartig beendet, als Loriot sie entdeckte. Wenn man nicht schön ist, muß man eben lustig sein, das scheint eine Maxime im Unterhaltungsgeschäft. Der platte Klamauk, zu dem Helga Feddersen sich (trotz ihres großen Talents) manchmal hinreißen ließ, war nicht Evelyn Hamanns Metier. Ihr lag mehr der zwar direkte, doch eher leise Humor.

Dabei war auch ihr äußerst wandlungsfähiges Gesicht eine große Unterstützung – und ihre unvergleichliche Stimme. Ich habe CDs von ihr, Hörbücher, auf denen Evelyn Hamann Geschichten von Patricia Highsmith liest. In diesen Geschichten kann man versinken, was dem unbeschreiblich gruseligen Talent von Highsmith zu verdanken ist, und doch kann man sich nicht ganz auf die Geschichten konzentrieren, weil da Evelyn Hamanns Stimme ist und man ständig ihr Gesicht vor sich sieht, das fast zum Lachen reizt. Es ist eine faszinierende Mischung.

Ich hätte mir gewünscht, Evelyn Hamann und Helga Feddersen einmal zusammen spielen zu sehen. Beide so norddeutsch, wie man nur sein kann, beide mit der seltenen Gabe des trockenen Humors ausgestattet, der plötzlich kommt und erst einmal nicht als solcher zu erkennen ist, dann aber ein Lachen provoziert, das explodiert und nicht mehr aufhört.

Für dieses Lachen war Hamann Spezialistin. Sie konnte es wunderbar. Zurückhaltend, wie Evelyn Hamann war, dieses Lachen war es nicht. Es war ein Angebot, mitzulachen, über sie und mit ihr.

Loriot hat diese Gabe weidlich ausgenutzt. Evelyn Hamann zu finden war für ihn ein Glücksfall. Wer sonst hätte seine Sketche mit ihm so spielen können?

Leider gibt es viel zu wenige dieser perfekten Auftritte. Gerade einmal zwei Filme (»Ödipussi« und »Papa ante portas«) und sechs Sendungen mit Sketchen, die – immer zwei Sendungen pro Jahr – zwischen 1976 und 1979 aufgezeichnet wurden. Meine Güte, ist das schon lange her.

Als Loriot und Hamann nicht mehr zusammenarbeiteten, fehlte für Hamann der kongeniale Partner, ebenso wie der Autor, der ihr exakt passende Pointen in den Mund legte. Hamann war zwar immer noch Hamann, aber die Autoren ihrer Geschichten und Filme waren leider nicht in der Lage, ihr gerecht zu werden.

So wartete man in vielen ihrer Sendungen dann umsonst auf den großen Lacher, auf das hinreißende Hamann-Gesicht, das davon unbeeindruckt blieb und doch hintergründig zwinkerte.

Dennoch war es wunderbar ihr zuzuschauen. Ihre faszinierende Direktheit, die nie aufdringlich wurde, ihre großartige Kunst der Zurückhaltung. Und – wie Loriot im Nachruf sagte – ihr Timing war immer perfekt.

Nur diesmal nicht. Wir hätten uns gewünscht, sie wäre uns noch eine Weile erhalten geblieben. Sie war erst 65 Jahre alt.


Sondersendungen zum Tod Evelyn Hamanns:
http://quotenmeter.de/index.php?newsid=23168

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Wer hat hier bereits Kommentare abgegeben?

  • Michaela
  • Susanne
  • Michaela

    Permalink

    Ein Sprichwort sagt "Die Guten sterben immer zu früh"....

    Evelyn Hamann war wirklich eine Frau die begeistern konnte. Als meine Schwester mir damals sagte, dass "Adelheid Möbius" gestorben ist, war ich tief geschockt. Ich mochte diese Frau wirklich. Für mich war sie immer der wichtigere Part bei Loriot. Wer kennt nicht ihren wunderbaren Dialog mit dem Graf von.....
    Herrlich....das ist noch wirkliche Fernsehnunterhaltung gewesen. Das hatte Qualität und kann man sich auch heute noch immer wieder ansehen.

    Mit Evelyn Hamann hat das deutschen Fernsehen wieder an Glanz verloren und die Welt einen wunderbaren Menschen!

    Aber ein Mensch ist erst wirklich "gestorben" wenn niemand mehr an ihn denkt...und ich denke, es werden viele Menschen immer mal wieder an Frau Hamann denken.

    Mittwoch, 10. Juni 2009 13:44
  • Danke Dir, Ruth, für diesen Nachruf.
    Hier in Kanada fühl ich mich manchmal schon hinterm Mond was deutsche Nachrichten angeht. So hab ich erst hier und jetzt von ihrem Tod erfahren und hab erstmal 'ne Runde geheult. Stimmt, schon seltsam, wie manche "stars" (vor allem die, die keine sind...) sich in unsere Herzen einschleichen und wir sie automatisch als Familienmitglieder adoptieren.

    Samstag, 21. Juni 2008 1:39

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