Pippi Langstrumpf – die Kinderheldin

Astrid Lindgren, die heute am 14. November 100 Jahre alt geworden wäre, war eine Schriftstellerin, die man nur bewundern kann. Sie hatte viel Phantasie, ein großes Herz, und sie konnte wunderbar schreiben.

Eine ihrer schönsten Figuren – wenn nicht sogar die schönste überhaupt – ist Pippi Langstrumpf, die in meinen Augen immer noch jeden Harry Potter schlägt.

Pippi ist eine Figur, die mir als Kind wie von einem anderen Stern vorkam. Sie war frech, sie lebte allein, sie konnte sich stets behaupten und widersprach sogar Erwachsenen! Das hätte ich mich als Kind nie getraut.

Mit ihrer Hilfe konnte man sich Dinge vorstellen, auf die man von selbst nie gekommen wäre. Man konnte sich eine Traumwelt herbeizaubern und in ihr versinken, in der alles anders war als in der wirklichen Welt, in der ein Kind – nämlich Pippi – Superkräfte hatte und sich völlig losgelöst von den Erwachsenen bewegen konnte, eigene Entscheidungen treffen, sich gegen falsche Entscheidungen von Erwachsenen wehren und damit tatsächlich Erfolg haben.

Deshalb haben wir Kinder Pippi so geliebt. Pippi kommt der Vorstellung, die wir von uns selbst als Kinder gern hätten, sehr nahe. Pippi konnte jedes Problem lösen – das hätten wir auch gern gekonnt. Pippi konnte selbst über ihr Leben bestimmen – das hätten wir ebenfalls gern gekonnt. Pippi erlebte ein Abenteuer nach dem anderen und ging unbeschadet daraus hervor – das wäre unser Traum gewesen.

All das, was das tägliche Leben so langweilig und störend macht, wenn man ein Kind ist, war bei Pippi ausgeschlossen. Sie tat nur das, was sie wollte und wann sie es wollte. Wenn man sie zu etwas anderem zu zwingen versuchte, wehrte sie sich und blieb immer Siegerin.

Dennoch war sie nie – wie es Kinder normalerweise oft sind – unbarmherzig gegen andere. Sie half, wenn jemand zu schwach war, sich selbst zu helfen, sie hatte das große Herz ihrer Schöpferin Astrid Lindgren.

Dieser Gerechtigkeitssinn macht sie so sympathisch, denn freche, unverschämte Kinder sind das normalweise nicht. Die möchte man sich lieber eher vom Leib halten.

Für viele Kinder war die »Villa Kunterbunt« vielleicht auch das Zuhause, das sie nie hatten. Wenn man in einer kleinen Wohnung lebt, ohne Garten, Balkon oder Terrasse, kein eigenes Zimmer hat, keine Tiere, keine Möglichkeit, in der Natur zu spielen, dann ist Pippi Langstrumpfs Welt wirklich eine Traumwelt, die man sich für sich selbst wünschen würde und in die man sich dann für eine Weile zurückziehen kann.

Und dann sind da nicht nur Pippi, sondern auch die beiden Nachbarskinder Tommi und Annika, die eher den Kindern entsprechen, die wir selbst sind oder waren. Nicht wild und stark wie Pippi, sondern schüchtern und ängstlich, immer darauf bedacht, den Erwachsenen zu gefallen und nichts falsch zu machen. Etwas, worum Pippi sich nie kümmert.

Tommi und Annika müssen pünktlich nach Hause, sie müssen sich den Regeln beugen, die ihre Eltern aufstellen, Probleme können sie ohne die Hilfe Erwachsener (oder Pippis) nicht lösen, und Kräfte, die ein ganzes Pferd hochheben können, haben sie auch nicht.

Dennoch erfahren sie durch die Freundschaft mit Pippi viele Dinge, die für sie vorher unvorstellbar waren. Sie lernen, auch einmal über sich selbst hinauszuwachsen, und Pippis Mut wird ihnen zum Vorbild. Obwohl sie nicht daran gewöhnt sind, mutig zu sein, lernen sie, daß man durch Mut vieles überwinden kann, daß Schwierigkeiten dazu da sind, angegangen und gelöst zu werden und nicht, sich in der Ecke zu verkriechen und zu heulen.

Pippi Langstrumpf wird nie erwachsen, aber durch sie lernen Kinder, sich mit Problemen auseinanderzusetzen, die sie erwachsener werden lassen.

Pippi ist ein wunderbares Vorbild, eigentlich nicht nur für Kinder. Wenn man als Kind mit Pippi Langstrumpf aufwächst, wenn man begreift, wie wichtig es ist, seine eigenen Kräfte zu nutzen und nicht immer nur auf andere zu vertrauen, wenn man ein unerschütterliches Selbstbewußtsein entwickelt, weil man weiß, was man ist und was man kann, wird das im Verlauf des gesamten Lebens sehr nützlich sein.

Ein ängstliches Kind wird ein ängstlicher Erwachsener, der sich vielleicht nie auf sich selbst verläßt, sondern immer auf andere angewiesen ist, der nie ein Risiko eingeht und dabei eventuell höchst unglücklich ist, weil er nie das erreicht, was er eigentlich erreichen wollte, und das ist schade.

Ein selbstbewußtes Kind, dem man zudem Pippis Gerechtigkeitssinn nahebringt, wird auch als Erwachsener selbstbewußt und gerecht sein, für andere eintreten und auf sich selbst vertrauen.

Deshalb ist Pippi Langstrumpf so wichtig.

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