Alice Schwarzer gibt die Emma ab

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Alice Schwarzer will sich im kommenden Jahr aus der Chefredaktion der Emma zurückziehen. 30 Jahre war sie Chefredakteurin der »Emma«, der wichtigsten Zeitschrift für Frauen in den 70er- und 80er-Jahren.

Als Alice Schwarzer damals die Emma gründete, war die Welt noch eine andere. Es war im Jahr des »Deutschen Herbst 1977«, als die Emma zum ersten Mal erschien und Themen brachte, die man davor in Frauenzeitschriften vergeblich suchte. Kritische Berichte über die Benachteiligung von Frauen zu Hause und im Beruf, nicht nur Schminktips. Das war etwas völlig Neues und rief damals viel Empörung hervor.

Alice Schwarzer wurde als Blaustrumpf und Lesbe beschimpft. Ja, das war damals wirklich noch eine sehr schlimme Beschimpfung.

Über alle Frauen, die dieselben Rechte forderten, die auch die Männer hatten, lachten die Männer nur. Frauen gehören schließlich an den Herd und sind zum Kinderkriegen da, zu sonst nichts. Wozu braucht eine Frau eine Schulausbildung, eine Lehre oder einen Beruf? Soll sie doch einfach heiraten. Ja, und wenn sie zu häßlich zum Heiraten ist, dann hat sie halt Pech gehabt, wird eine alte Jungfer und bleibt bis zu ihrem Lebensende bei der Familie wohnen. Ist doch alles kein Problem.

Ich glaube, der einzige Beruf, in dem Frauen eine gewisse Freiheit erlaubt wurde, war der der Lehrerin, möglichst nur für kleine Kinder, denn Intelligenz wurde Frauen nicht zugestanden. Kleinen Kindern das ABC beizubringen, das schafft eine Frau gerade so noch, das wurde akzeptiert, aber mehr nicht. Und Lehrerinnen waren grundsätzlich alte »Fräuleins«, also unverheiratete Frauen. Man sprach von einer Lehrerin auch generell nur als das »Fräulein«. »Was hat eurer Fräulein euch heute als Hausaufgabe gegeben?« fragte die Mutter zu Hause (die natürlich nicht arbeiten ging), wenn das Kind aus der Schule kam.

Wenn eine Frau sich gegen eine solche Einordnung wehrte, wurde sie nur ausgelacht. In diese dumpfe, frauenfeindliche Atmosphäre platzte Alice Schwarzer mit ihrer Emma hinein. Da »Emanze« ein Schimpfwort war und als Beleidigung verwendet wurde, nannte sie die Zeitschrift ironisch so.

Wenn man in den 70ern eine Frau fragte, ob sie eine Feministin ist oder eine Emanze, hob die entsetzt die Hände und stritt das sofort vehement ab. Als Frau selbst für seine eigenen Rechte eintreten? O nein.

Es ist unvorstellbar, mit welchen Beschränkungen Frauen vor 30 oder 40 Jahren aufwuchsen. Als Mädchen Abitur machen? Willst du etwa, daß alle denken, deine Tochter wäre ein Blaustrumpf und bekäme keinen Mann ab, müßte deshalb etwas lernen, damit sie sich selbst versorgen kann?

Als Mädchen (alle unverheirateten Frauen waren Mädchen, keine unverheiratete Frau wurde »Frau« genannt) studieren? Du lieber Himmel! Was sollen denn die Leute von dir denken, wenn deine Tochter studiert? Daß du sie nicht richtig erzogen hast, daß sie dir auf der Nase herumtanzt? Daß kein Mann sie will. Ist sie denn so häßlich, daß sie etwas so Schlimmes ins Auge fassen muß wie Studieren? Das ist ja schrecklich.

Alice Schwarzer ist eine der wichtigsten öffentlichen  Figuren im westlichen Nachkriegsdeutschland. Ohne sie sähe Deutschland heute anders aus, ohne sie wäre eine Bundeskanzlerin Merkel vielleicht gar nicht möglich gewesen. Die Frauen haben Alice Schwarzer viel zu verdanken.

Auch sie hatte versucht sich anzupassen – wie praktisch alle Frauen ihrer Generation. Ihre Mädchenträume waren ebenfalls von Heiraten und Kinderkriegen, einem Häuschen im Grünen und ähnlichen Phantasievorstellungen geprägt, aber da war dann halt immer ihre Intelligenz, die dem entgegenstand. Und irgendwann konnte sie es einfach nicht mehr ertragen, wie ein kleines Kind behandelt zu werden, nur weil sie eine Frau war.

Sie wehrte sich und wurde ausgelacht, wie damals üblich. Das ließ die Wut auf diese Männerwelt in ihr wachsen, und nachdem sie in Frankreich gewesen war (dort verlief die 68er-Rebellion wesentlich gewälttätiger als in Deutschland) kam sie mit neuen Ideen nach Deutschland zurück.

Sie schrieb das Buch »Der kleine Unterschied und seine großen Folgen«. Es war eine Dokumentation der Lage der Frauen. Sie interviewte sehr viele Frauen, und das Ergebnis dieser Interviews war, daß Männer einfach meinten, die besseren, intelligenteren Menschen zu sein und mehr Rechte zu haben, zum Beispiel auch das Recht, Frauen unterdrücken zu dürfen, allein deshalb, weil sie da so ein bedeutungsloses Schnibbelchen zwischen den Beinen haben.

Man kann sich gar nicht mehr vorstellen, was für eine Empörung dieses Buch damals auslöste. Frauen, die in Interviews sagten, sie wären unzufrieden mit ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter, sie würden von ihrem Mann unterdrückt, müßten um jeden Pfennig betteln, weil sie ja kein eigenes Geld verdienen durften.

Das Buch war eine Palastrevolution. Viele Frauen gaben auch zum ersten Mal zu, abgetrieben zu haben, um nicht noch mehr Kinder versorgen zu müssen, weil sie sowieso schon auf dem Zahnfleisch gingen mit denen, die sie hatten. Eine Unterstützung vom Ehemann und Vater gab es nicht.

Abtreibung war verboten. Eine Frau, die abtrieb, war eine Verbrecherin, eine Kriminelle und konnte ins Gefängnis gesteckt werden. Verhütungsmittel gab es nicht oder nur ausnahmsweise – ausschließlich für verheiratete Frauen. Viele Ärzte (praktisch alle Frauenärzte waren ja Männer) weigerten sich, einer Frau Verhütungsmittel zu verschreiben. Schließlich war ihre Aufgabe, Kinder zu bekommen und nicht, das Kinderkriegen zu verhindern.

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