Mit dem Latein am Ende?

Heute fiel mir in der Zeitung ein Artikel auf, der mich zum Lachen, aber auch zum Nachdenken gebracht hat. Der Artikel wurde im FOCUS veröffentlicht:

Alice Schwarzers Schwestern

Andere Studentinnen hätten gefeiert. Doch für eine junge Tiermedizinerin aus Hannover war der erfolgreiche Abschluss ihrer Doktorprüfung eher ein Grund zum Groll. Die Tierärztliche Hochschule Hannover verlieh ihr nämlich nach der Promotion den Titel eines „Doctor medicinae veterinae“. Für die engagierte Frauenrechtlerin eindeutig eine Diskriminierung. Die Bezeichnung „Doctor“ sei, grammatikalisch betrachtet, eine männliche Benennung und spiegele nicht in angemessenem Maß wieder, dass sie, die Ärztin, weiblichen Geschlechts sei.

Um ihre Promotionsurkunde von der Hochschule ändern zu lassen, zog die Veterinärin vor Gericht und beantragte, ihren Titel auf die, – zumindest ihrer Ansicht nach – korrekte Bezeichnung „Doctora“ zu korrigieren. Das Verwaltungsgericht Hannover war nun gezwungen, sich eingehend mit der Emanzipation im alten Rom auseinander zusetzen. Probleme warf vor allem Frage auf, ob es den Begriff der „Doctora“ im augustinischen Zeitalter überhaupt gegeben hat.

Die Zeugenvernehmungen erwiesen sich als schwierig, denn, so merkte das Gericht zutreffend an: „Das Problem verschärft sich, wenn man in Rechnung stellt, dass die lateinische Sprache eine ‚tote Sprache’ ist, also nicht mehr als ‚Muttersprache’ eines Volkes gebraucht wird. Die Bundesrepublik Deutschland, ihre Länder und Körperschaften haben weder Recht noch Pflicht, die lateinische Sprache fortzuentwickeln.“ Auch der Einwand der Klägerin, es gebe auch Neu- und Gegenwartslatein, greife nicht durch. „Wenn insbesondere die Katholische Kirche Latein als weltumspannende „Organisationssprache“ pflegt und fortführt, so ist ihr das unbenommen, doch bleibt der Befund der Künstlichkeit, und für den Nachweis staatlicher Pflicht ist nichts gewonnen.“

Die spinnen, die Römer

Ein schnödes Grammatiklehrbuches brachte den Richtern dann endlich die gewünschte Erleuchtung. Mit Hilfe der „kleinen lateinischen Formenlehre“ aus dem Jahre 1948 kamen die Juristen schließlich zu dem Schluss, dass der Antrag auf eine weibliche Bezeichnung zwar berechtigt sei; die korrekte weibliche Bezeichnung für „Doctor“ laute allerdings keineswegs „Doctora“, sondern „Doctorix“. Sollte die Tierärztin auf einem femininen Doktorgrad bestehen, sei sie, der Richtigkeit halber, gezwungen, diesen Titel zu wählen.

Die Begeisterung der Tiermedizinerin hielt sich in Grenzen. Mit einem derartigen Titel fühle sie sich nicht ernst genommen und stetigen Vergleichen mit verschiedenen, meist minderattraktiven Comicfiguren ausgesetzt. Die Klage war verloren. (VG Hannover Az: 6 A 1529/98)

Ich würde gern einmal wissen, was die Leserinnen dieses Blogs von diesem Artikel halten.

Herzlichst,
Ruth Gogoll

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  • Nicole
  • Nicole

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    Zu erst brachte er mich auch zum Lachen und dann fragte ich mich, ob das wirklich sein muss. Die Frauenwelt (zumindest ein Teil davon), wünscht sich nichts mehr als Gleichberechtigung, anstatt aber durch Leistungen zu glänzen, fallen viele nur damit auf, in dem sie betonen wollen, sie seien eine Frau und wollen eine Extrabehandlung ...
    Der Anwalt (oder in diesem Fall bestimmt die Anwältin), wollte anscheinend auch nur Aufmerksamkeit, aber ich hätte an deren Stelle lieber recherchiert, ob es „Doctora“ überhaupt als Begriff gab, so „peinlich“ wie das ganze im Endeffekt war.
    Berufsbezeichnungen gibt es nun mal schon seit Jahrhunderten und mir persönlich ist es auch zu anstrengend, jedes mal, wenn ich über 'ne Berufsgruppe rede, noch die weibliche Form zu nennen.
    Als nächstes wird noch wegen „Mannschaft“ geklagt ...

    Freitag, 27. Juli 2007 15:29

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