Reich-Ranicki nennt deutsches Fernsehen »Blödsinn«

Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki hat auf der Verleihung des »Deutschen Fernsehpreises« einen Eklat verursacht, indem er den ihm zugedachten Preis für sein Lebenswerk ablehnte.

Schon während der Veranstaltung wurde ihm klar, daß er sich offensichtlich im falschen Film befand.

Reich-Ranicki, zum ersten Mal im Leben mit „Atze Schröder“ konfrontiert, schien bestürzt und drohte, die Veranstaltung zu verlassen.

schreibt der Focus.

Eine Weile konnte man ihn noch zum Bleiben bewegen, aber Thomas Gottschalk, der Moderator der Veranstaltung, mußte die Preisverleihung spontan vorziehen, wenn sie denn noch einen Preisträger für den Ehrenpreis haben wollten. Das tat Gottschalk auch, aber umsonst, denn einen Preisträger gab es dennoch nicht. R-R lehnte den Preis ab.

Er habe in seinen 50 Jahren in Deutschland alle großen Preise bekommen und nie sei es ihm schwer gefallen, sich zu bedanken. Diesen Preis aber lehne er ab. Auf Arte und 3Sat habe er hochwertige Sendungen gesehen, die hier präsentierten Formate gefielen ihm nicht. „Ich finde es schlimm, was wir uns über Stunden hier ansehen mussten“, erklärte er und nannte die mit dem Fernsehpreis ausgezeichneten Sendungen „Blödsinn“.

Wenn man das deutsche Fernsehen kennt, muß man ihm wohl recht geben. Und nun warten wir alle mit Spannung auf heute abend, wenn die Preisverleihung im ZDF gesendet wird.

Werden sie Reich-Ranickis Ablehnung des Preises herausschneiden?

Oder wird das ZDF seine eigene Schmach senden?

Ich bin gespannt.

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Wer hat hier bereits Kommentare abgegeben?

  • Ruth Levy
  • Ruth Gogoll
  • Nicole
  • Isabell
  • Ruth Gogoll

    Permalink

    1. Reich-Ranicki wußte, daß er einen Fernsehpreis bekommen sollte, nämlich den für sein Lebenswerk, das war ja schon vorher bekanntgegeben worden. Er hat ja auch nicht grundsätzlich etwas gegen Fernsehen, nur gegen schlechtes Fernsehen. ;)
    Er sagte heute in einem Interview zu den von ihm kritisierten Sendungen, die den Fernsehpreis erhalten hatten: »Niemals hatte ich davon gehört. Und ich will auch nicht mehr davon hören. Ich wußte nicht, was mich erwartet, ich dachte, etwas Seriöses, Vernünftiges.«
    »Der Preis war eine Beleidigung«, fügte er hinzu. »Da wurden lauter miserable Sachen preisgekrönt. Da gehöre ich nicht dazu. Am meisten hat mich gestört, daß die Leute blöde Faxen gemacht haben auf der Bühne, Dummheiten redeten und sich scheußlich benahmen.«
    2. Und eben, weil er den Fernsehschrott nicht sieht, wußte er gar nicht, daß es so etwas wie Atze Schröder und Co. gibt und war einfach spontan entsetzt (wie ich auch, als ich das das erste (und einzige) Mal gesehen habe). Wenn man ein einigermaßen gebildeter Mensch ist (was man Reich-Ranicki wohl nicht absprechen kann), kann man sich einfach nicht vorstellen, daß so schlechte, dumme Sendungen überhaupt produziert werden, daß sich jemand so etwas unter jedem Maßstab Liegendes überhaupt ausdenken kann. Ich kann mir das auch nicht vorstellen. Nur kenne ich die Realität wohl etwas besser als Reich-Ranicki und bin deshalb nicht so überrascht.
    3. Reich-Ranicki hat keinen einzigen der Zuschauer verurteilt, die so etwas sehen, er hat nur die Macher verurteilt. Denn wenn solche Machwerke gar nicht erst produziert würden, dann könnte sie auch niemand anschauen. Ob das so richtig ist, kann man schwer beurteilen. Nicht umsonst heißen diese Art Sendungen »Unterschichtfernsehen«, und das bedeutet, sie zielen eben auf diese Gruppe. Von der behauptet wird, daß sie stetig wächst.
    Ein bißchen erschreckend ist das schon, wenn so etwas dann auch noch unterstützt wird, indem man Sendungen produziert, die keinerlei Anspruch an die Gehirnzellen stellen und ein Sozialverhalten (fluchen, saufen, andere beschimpfen, andere respektlos behandeln, sich um nichts als sich selbst kümmern und um keinen anderen Menschen scheren, Fäkalausdrücke so zu benutzen, als wäre das normal . . .) als Vorbild hinstellen, das nun wirklich eher abgeschafft gehört.
    Aber selbst, wenn man sich selbst zu der Zielgruppe zählt, will man wirklich als so minderbemittelt betrachtet werden? Im Grunde genommen sagen die Programmmacher den Zuschauern damit: »Ihr seid zu dumm für etwas Besseres. Wir halten euch für nicht viel mehr als Schweine, und für die reicht Schweinefutter. Das produzieren wir für euch. Und ihr seid auch noch so dumm und zahlt dafür.«
    Darum geht es doch in erster Linie: Diese Sendungen sind nicht einfach nur hirnlos, sie sind menschenverachtend, und das ist schlimm. Und was sagt es über ein Volk, über eine Nation aus, wenn genau diese Sendungen dann viele, viele Zuschauer finden? Bedeutet das, alle Deutschen sind dumm und menschenverachtend?
    Das möchte ich ehrlich gesagt lieber nicht unterschreiben.

    Reich-Ranickis Kritik war eigentlich nicht unpassend, sie war eben typisch Reich-Ranicki, und die Fernsehmacher und Preisverleiher wußten vorher, wie Reich-Ranicki ist und wie er reagiert, wenn ihm etwas nicht gefällt. Also haben sie sich das selbst zuzuschreiben. Oder vielleicht haben sie ja Reich-Ranicki aus genau dem Grund eingeladen, weil er einen Eklat verursachen sollte, der jetzt bestimmt viele Leute, die sich diesen bedeutungslosen Fernsehpreis sonst nicht angesehen hätten, dazu gebracht hat, die Sendung anzusehen, nur wegen Reich-Ranicki. Das hat die Quoten bestimmt in die Höhe getrieben.
    Das wäre immerhin auch eine Möglichkeit. Obwohl ich an die nicht so recht glaube, denn das würde bedeuten, daß die Fernsehmacher denken könnten – dann würden sie aber nicht solche Sendungen produzieren. 8)
    Ich fand Reich-Ranickis Kritik viel zu moderat, er hätte sich ruhig länger auslassen können, dann hätte diese Veranstaltung wenigstens einmal ein paar Minuten lang Spaß gemacht.
    Und peinlich war die Kritik – aber nicht für Reich-Ranicki, sondern für die Fernsehmacher, die sich da gegenseitig für Dinge beweihräuchern, die es nicht wert sind, auch nur erwähnt zu werden, die keinerlei Leistung darstellen.
    Es ist vor allen Dingen auch peinlich für wirklich gute Filme wie z.B. »Contergan«, die in eine Reihe mit diesem unsäglichen und überflüssigen Klamauk gestellt zu werden.

    Ich bin ebenfalls dafür, daß es auch Filme geben muß, die kein großes Nachdenken verlangen, bei denen man abschalten kann, auch Witz und Humor und selbst Klamauk sollte immer einen Platz haben, aber es sollte auch eine Grenze nach unten geben, die nicht überschritten wird, ein wenig Niveau sollte auch eine Unterhaltungssendung haben. Und das ist bei den meisten der heutigen sogenannten »Comedians« nicht mehr der Fall.

    Ganz klar, man kann abschalten, aber es ist eben ein Zeichen für den Stand unserer Gesellschaft, wenn so etwas dann auch noch einen Preis erhält, egal ob es im Fernsehen ist oder der Erfolg eines Buches wie »Feuchtgebiete«. Wobei es bei einem Buch noch peinlicher ist – jedenfalls empfinde ich als »Büchermensch« es so – als im Fernsehen, von dem man ja schon grundsätzlich viel weniger Niveau verlangt als von einem Buch.

    Aber, nun ja, man kann es nicht ändern, die Werte der Gesellschaft ändern sich. Und das Fernsehen ebenso wie Bestseller auf den Bücherlisten spiegeln das wider. Marcel Reich-Ranicki, der sich von diesen Entwicklungen ferngehalten hat, war eben deshalb, weil er das getan hat, nur mehr überrascht und entsetzt darüber, als wir es sind, die wir das einfach schon als selbstverständlich hinnehmen.
    Aber an einer Reaktion wie an der von Reich-Ranicki sieht man endlich einmal wieder, daß Proll-Mentalität und Proll-Sendungen eben nicht selbstverständlich sind und es auch nicht sein sollten.

    Reich-Ranicki wird aufgrund seines hohen Alters leider nicht mehr sehr lange dasein, um darauf hinzuweisen, Leute wie er sterben aufgrund unseres schlechten Bildungssystems und der fehlenden Erziehung zum Menschen leider aus, die Prollmentalität greift immer weiter um sich, weil ihr nichts mehr entgegengesetzt wird, und das ist bedauerlich.

    Mittwoch, 15. Oktober 2008 17:04
  • Ruth Levy

    Permalink

    Auch ich habe am Donnerstag von dem Eklat mit MRR gelesen und mich danach gefragt, ob das ZDF die komplette Preisverleihung übertragen würde. Was mir allerdings bisher nicht klar geworden ist, auch nicht aus allen weiteren Leserin- und Seherinkommentaren:
    1. Was hat MRR geglaubt, aus welchem Grund er zur Preisverleihung eingeladen wurde: vielleicht um ein Büchergutschein für die nächsten Jahre überreicht zu bekommen? Oder ist es nicht glaubhafter, daß er sich schon bewußt war, daß er einen Fernehpreis erhalten würde - für was auch immer -?
    2. E gibt weiß G'tt viel Schrott im Fernsehen, aber: wer zwingt uns, es zu sehen? Und wenn ich überhaupt kein Programm gut finde (ich selber sehe auch ARTE, 3 Satz, Phoenix und NDR gerne und oft) na dann melde ich mein TV-Gerät ab und widme mich anderen Dingen.
    3. Wir sollten mE nicht so überheblich wie MRR sein: es gibt viele Zuschauer die nun mal diese Programme gerne sehen - und sei es nur um etwas "abzuschalten" vom Alltäglichen - wieso sollten wir sie veruteilen, weil wir diese Programme nicht sehen?
    4. Ich lese sehr viel, aber Literaturtipps, Rezensionen etc etc hole ich mir bestimmt nicht im Fernsehen ..., auch nicht bei MRR.
    In diesem Sinne (ich meine jetzt das TV-Programm!): jede findet was sie sucht und glücklicherweise sind alle Geschmäcker verschieden!
    Persönlich fand ich MRR "Ausfall" ungebührend und beleidigend der Jury, den Gewinnern und den Zuschauern gegenüber. Selbst wenn er teilweise mit seiner Kritik Recht hat, sie so ins Publikum zu schleudern war mE nicht nur peinlich, sondern auch völlig überzogen und fehl am Platz.

    Mittwoch, 15. Oktober 2008 14:06
  • Ruth Gogoll

    Permalink

    Warum R-R den Preis bekommen sollte, ist klar: Das ZDF bzw. ARD, ZDF, RTL und Sat1, die diesen Preis vergeben, wollten sich mit ihm schmücken. Wenn jemand wie R-R den Preis bekommen hat, klingt das so, als wäre dieser Preis wirklich etwas wert, als würde das Fernsehen tatsächlich Sehenswertes produzieren, Qualität, denn dafür steht R-R eben. Aber das hat er ihnen nun vermasselt. Reich-Ranicki hat wesentlich mehr gemacht als nur das Literarische Quartett, aber natürlich immer zu Sendezeiten und auf Sendeplätzen, auf die man normalerweise weniger schaut, in den dritten Programmen beispielsweise. Zeitweise war er mehrmals pro Woche im Fernsehen. Beispielsweise auch mit der Übertragung des Bachmann-Preises, mit der Herausgabe des Literaturkanons usw. R-R hat das Fernsehen für eine Weile auf seine Art hoffähig gemacht, und dafür wollte man ihm den Preis verleihen, weil er dem Fernsehen durch seine Auftritte den Anschein verliehen hatte, es wäre ein ernstzunehmendes Medium, etwas kulturell Hochstehendes. Er ist halt sehr telegen und zieht auch Leute an, die sich ansonsten nicht für Kultur oder Literatur interessieren. Da ist er der einzige in Deutschland, der das kann. Er ist schon außergewöhnlich.

    Aber gerade weil er so außergewöhnlich ist, hat er es eben nicht nötig, jeden Preis, den man ihm anbietet, anzunehmen. Er war dazu bereit, sonst wäre er ja nicht gekommen, aber ich frage mich, wie die Verantwortlichen annehmen konnten, daß R-R so etwas wie Atze Schröder gut finden würde. Offenbar ist niemand auf den Gedanken gekommen, ihn vorzuwarnen, dann hätte er den Preis wahrscheinlich gleich abgelehnt und sich die Anreise gespart.

    Allerdings ist ja selbst der Literaturnobelpreis mittlerweile zu einer kleinkarierten Veranstaltung verkommen, wenn man sich das diesjährige Getue so ansieht (und eigentlich schon seit Jahren), also warum sollte da so etwas Albernes wie ein Deutscher Fernsehpreis besser sein? Das ist dasselbe Niveau.

    Montag, 13. Oktober 2008 10:09
  • Nicole

    Permalink

    Normalerweise schaue ich so ein Kasperltheater, vor allem mit Gottschalk, überhaupt nicht an. Aber das heute hat schon alles übertroffen. Vielleicht sollte man die ganze Sendung auch in "Armutszeugnis" umbenennen ...
    Gefreut hat's mich zwar für neues und die Auslandsreporterin, aber ansonsten ...

    Schon verständlich, dass das Reich-Ranicki nicht mitmachen wollte, aber so schlimm wie überall angekündigt, fand ich seinen Auftritt nicht. Die ersten Sätze ja, aber dann? Und ich verstehe nicht ganz, warum er den Preis bekommen sollte, das literarische Quartett ja, und weiter? Sein Schaffen hat ja doch weniger mit dem Fernsehen zu tun.

    Ich versuche meine Gehirnzellen jetzt lieber wieder mit Dostojewski zu beleben und überlege, meinen Fernseher gleich bei ebay zu verscheppern.

    Montag, 13. Oktober 2008 0:24
  • Isabell

    Permalink

    .. hat er Recht. Wenn man sich so manche Sendungen im deutschen Fernsehen so ansieht, bleibt einem nichts anderes mehr übrig als schnellstmöglich umzuschalten. Nur leider sind diese Formate wohl besonders massenkomatibel, weil man eben nicht groß denken muss, und daher werden die dann auch ausgezeichnet. Wer will schon um 22:45 auf Arte etwas mit Hirn sehen? -.-
    Werde heute Abend mal reinschauen in die Verleihung. Danke für den Artikel, sonst hät ich das wieder mal nicht mitbekommen :(

    Sonntag, 12. Oktober 2008 15:40

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