Simmel

Am ersten Tag des neuen Jahres ist ein Schriftsteller gestorben, den die meisten wohl verachten: Johannes Mario Simmel. Er wurde 84 Jahre alt, und viele Jüngere kennen ihn wahrscheinlich gar nicht mehr, denn in den letzten Jahren war er gelähmt und konnte nicht mehr schreiben.

Johannes Mario Simmel hat weit über 70 Millionen Bücher verkauft – etwas, das ich in meinem ganzen Leben wohl nie erreichen werde –, und er galt als »Trivialschriftsteller« . . . dadurch fühle ich mich ihm verbunden, denn auch ich werde oft so bezeichnet.

»Trivialschriftsteller« – das sind normalerweise diejenigen, die verständliche Bücher schreiben, Bücher, die gern gelesen werden, Bücher, die unterhalten. Simmel war einer der besten.

Aber trotz all der Millionen, die er verdient hat, trotz eines Butlers, der ihn bediente, trotz einer Wohnung in Monte Carlo, mit Blick auf das Mittelmeer, wo es am teuersten ist, wenn auch steuerfrei, war Simmel – wie viele Schriftsteller, ob sie als trivial beschimpft oder in die Höhen des literarischen Olymp gehoben werden – ein unglücklicher, einsamer Mensch. Er schrieb, weil er das Schreiben brauchte, als Rausch, als Erfüllung, als Ausgleich zu einem zwar finanziell reichen, aber menschlich armen Leben.

Simmel hat stets an der Welt gelitten. Sein Weltschmerz spiegelte sich in seinen Büchern wider, und viele seiner Leser teilten diesen Schmerz mit ihm. Simmel war ein Mahner und Warner, der darauf hinwies, was andere verschweigen oder einfach so hinnehmen.

Er tat es nicht wie irgendwelche pseudointellektuellen Schriftsteller, die dafür gelobt werden, daß sie Mißstände so beschreiben, daß keiner weiß, wovon sie reden, sondern er tat es verständlich und unterhaltsam, gewürzt mit einer Liebesgeschichte. Deshalb nannte man ihn »trivial«. Als ob die Mißstände deshalb nicht vorhanden wären, als ob er sie nicht anprangern würde.

Es ist schade, daß Menschen so beschränkt in ihren Wahrnehmungen sind, daß sie nicht erkennen, daß auch sogenannte »Trivialliteratur« politisch sein kann, kritisch und augenöffnend. Daß ein engagierter Schriftsteller auch verständlich und unterhaltsam schreiben kann.

Es wird sich nichts daran ändern, ich weiß es, aber ich finde, Johannes Mario Simmel ist ein gutes Beispiel dafür, daß man einmal darüber nachdenken könnte, ob es nicht mehr Verdienst ist, erfolgreiche Unterhaltungsromane zu schreiben als den Literaturnobelpreis zu bekommen für ein Buch, das niemand kennt. Oder das nur diejenigen verstehen, die mindestens ein Universitätsstudium abgeschlossen haben.

Wenn ich lese, wie furchtbar einsam und unglücklich Simmel war, wünsche ich mir sein Leben nicht. Aber ich wünsche mir, daß die Menschen lernen zu unterscheiden zwischen guten und schlechten Büchern, auch wenn die guten vielleicht zur Trivialliteratur gezählt werden und die schlechten zur sogenannten Hochliteratur.

Man sollte ein Buch niemals nach solchen Kategorien beurteilen, sondern immer nach dem, was tatsächlich darin steht. Es gibt hochgelobte, als »literarisch« geltende Schriftsteller, die nur heiße Luft produzieren, schöne – oder noch nicht einmal schöne –, jedoch inhaltsleere Worte, die genausogut ungeschrieben bleiben könnten. Und es gibt Schriftsteller wie Johannes Mario Simmel, die ein wirkliches Anliegen hatten und haben, das sie ihren Lesern in verständlichen Worten vermitteln und deshalb als trivial beschimpft werden.

Man kann sich selbst überlegen, welche Bücher und welche Schriftsteller wichtiger und wertvoller sind.

Simmel wurde vom Literaturbetrieb sein Leben lang die Anerkennung als Schriftsteller versagt, die andere, die weniger geleistet haben als er, ohne sich groß anzustrengen bekommen. Und offensichtlich hat er sich sehr nach dieser – eigentlich wertlosen – Anerkennung einiger sich selbst beweihräuchernder Pseudoliteraten gesehnt.

Leider war ihm nicht vergönnt zu sehen, daß er diese Anerkennung tatsächlich bekommen hat, nicht vom Literaturbetrieb, aber von seinen über 70 Millionen Lesern. Eine Abstimmung mit den Füßen – an der Kasse jedes Buchladens.

Diese Anerkennung kann ihm niemand nehmen, und hätte er das so gesehen, hätte er vielleicht ein glücklicheres Leben führen können. Denn wer ist wichtiger: die Leser oder irgendwelche selbsternannten Literaturpäpste? (Außer Marcel Reich-Ranicki, der sagte, Simmel habe »einen fabelhaften Blick für Themen, Probleme, Motive«.)

Ich denke, es sind die Leser. Und meine Leserinnen sind mir wichtiger als jeder Pseudointellektuelle, der mir erzählt, daß das Trivialliteratur ist, was ich schreibe.

Schade, daß ich das Herrn Simmel vor seinem Tod nicht mehr sagen konnte.

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