Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt

Als ich diese Überschrift im Zusammenhang mit dem bekannten schwedischen Krimiautor Henning Mankell las, dachte ich zuerst, es geht um seine eigenen Bücher. Als Schriftsteller oder Schriftstellerin wünscht man sich ja immer, daß die eigenen Bücher die eigene Lebenszeit überdauern mögen.

In diesem Falle ging es jedoch gar nicht um ihn und sein Werk, sondern er hat ein Buch mit diesem Titel geschrieben, in dem es um AIDS in Afrika und den Umgang der Betroffenen damit geht. Wie man ja weiß, lebt Mankell in Afrika und engagiert sich dort sehr.

Für das Buch ist er nach Uganda gereist und hat dort mit AIDS-Kranken und ihren Angehörigen gesprochen. Viele der AIDS-Kranken wissen, daß sie bald sterben werden – denn im Gegensatz zu Europa ist AIDS in Afrika immer noch eine zu fast 100 Prozent tödliche Krankheit –, und die meisten sind noch jung, oft nicht älter als 25, und haben kleine Kinder. Gerade für die Mütter ist es schwer, daß sie wissen, daß ihre Kinder in diesem jugendlichen Alter als Waisen zurückbleiben werden und sie sich nicht mehr um sie kümmern können.

Viel können sie nicht tun, genausowenig wie sie sich dagegen schützen konnten, AIDS zu bekommen, denn die Männer in Afrika weigern sich, Kondome zu benutzen, und eine Frau kann den Sex normalerweise nicht verweigern. Viele wissen zu dem Zeitpunkt, wo sie mit AIDS angesteckt werden, noch nicht einmal, was das ist beziehungsweise daß es so etwas wie AIDS überhaupt gibt, sie sind noch halbe Kinder, wenn sie verheiratet werden.

Und dann sterben sie, bevor sie selbst richtig erwachsen sind. Sie haben niemals die Chance, ihre Kinder aufwachsen zu sehen. Und die Kinder haben nicht die Chance, mit ihren Eltern erwachsen zu werden oder sich überhaupt an ihre Eltern zu erinnern, wenn sie noch sehr klein sind.

Entwicklungshelfer unterstützen nun die Eltern dabei, sogenannte Memory Books für ihre Kinder zu verfassen: Erinnerungsbücher, kleine Hefte mit eingeklebten Bildern und Texten. Wenn die Eltern dann sterben, können die Kinder immer wieder in diesen Heften blättern und sich an sie erinnern, können nachlesen, woher sie kommen und wer ihre Eltern waren. Wer sie selbst sind.

Es ist von Europa aus schwer zu begreifen, was für eine Geißel AIDS für Afrika ist. Eine Geißel, die unschuldige Menschen trifft, Frauen und Kinder, die nichts dafür können, daß sie noch nicht einmal etwas darüber wissen. Die sterben, ohne daß sie je die Chance hatten zu leben.

Es ist grausam.

Henning Mankell:
Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt
Buchcover

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