Klauen, wem Klauen gebührt

Der Fall Helene Hegemann hat in den vergangenen Wochen die Gemüter erregt. Eine junge, gerade einmal 17 Jahre alte »Autorin« zeigt, wie korrumpierbar der Literaturbetrieb ist.

Nicht daß man dies nicht schon vorher gewußt hätte, aber hier führen sich die Verlage und Kritiker selbst auf peinlichste Art und Weise vor.

Der (früher) renommierte Ullstein-Verlag brachte ein Buch heraus, das die Autorin nur aus Blogs und Chats im Internet abgeschrieben hat. Ich habe auch schon solche Bücher angeboten bekommen und sie immer abgelehnt, denn erstens finde ich es keine Leistung, einfach nur abzuschreiben, und zweitens ist es eine Urheberrechtsverletzung, diejenigen, von denen man abgeschrieben hat oder die man zitiert, nicht zu nennen.

Aber was schert das eine 17jährige? Diese Kinder haben anscheinend zum großen Teil keinerlei Unrechtsbewußtsein. Was es im Internet gibt, gehört ihnen. Sie bezahlen nicht dafür, wollen alles kostenlos, und dann machen sie auch noch die dicke Kohle damit, was andere sich ausgedacht haben.

Wir haben auch sehr oft mit solchen Gesetzesverletzungen zu tun.  Geschichten von unserer Seite wurden oft kopiert und einfach ohne Nennung des Verlages oder der Autorin weitergegeben. Was denken sich diese Leute eigentlich dabei, solche Sachen einfach per E-Mail weiterzuschicken und dabei weder Verlag noch Autorin zu erwähnen? Kommt ihnen das nicht komisch vor?

Aber nein, gar nicht. Wenn man sie darauf aufmerksam macht, wird man noch beschimpft, so als ob diese Kinder im Recht wären. Nun ja, das ist eine Altersfrage. Kinder denken wohl meistens, sie sind im Recht, weil sie es nicht besser wissen. Die ganze Welt gehört ihnen, und bezahlen müssen sie nichts dafür.

Aber man fragt sich doch, was das für Eltern sind, die solche Kinder produzieren. Helene Hegemanns Vater hat das nämlich in keiner Weise unterbunden, obwohl er ein Teil des Literaturbetriebes ist und deshalb eigentlich wissen müßte, was »Urheberrecht« bedeutet. Im Gegenteil, er hat seine Tochter noch beim Klauen unterstützt und vor allen Dingen das Machwerk seiner Tochter, das dabei herausgekommen ist. Vater und Tochter haben da einen ganz schönen Reibach gemacht, denn das Buch wurde schon in großer Stückzahl verkauft.

Aber gut, viele Menschen auf der Welt bereichern sich an den Ideen oder der Arbeit anderer, das ist auch nichts Neues. Peinlich finde ich aber, daß ein Kind zum »Genie« hochgejubelt wird von älteren Menschen, die es eigentlich besser wissen sollten.

»Begabt«, sogar über alle Maßen begabt, soll die junge Frau Hegemann sein. Was ist begabt daran, abzuschreiben? Okay, sie kann lesen und schreiben, das muß man ihr wohl zugestehen, aber Phantasie hat sie offensichtlich keine, denn dann hätte sie sich ja selbst eine Geschichte ausgedacht. Sie hat noch nicht einmal nach dem Strohhalm gegriffen, nach dem viele greifen, die uns ein Manuskript schicken, das sie als »Roman« bezeichnen und das nichts weiter ist als ein Tagebuch ihres eigenen Lebens, eher langweilig zudem.

Nein, so schwierig wollte es sich Frau Hegemann nicht machen, sie schrieb einfach nur ab.

Wenn ich überlege, wie hart Kritiker oft mit richtig guten Büchern umgehen, dann ist das wirklich nur peinlich. Alte Männer, die aufgrund der feuchten Beschreibungen einer 17jährigen mal wieder etwas dort spüren, wo sie schon lange nichts mehr gespürt haben, geilen sich an dem Text auf und statt das zuzugeben, jubeln sie ihn zu »Literatur« hoch.

Es ist nicht das erste Mal und wird sicherlich auch nicht das letzte Mal sein, daß so etwas geschieht, damit muß man leben, aber es zeigt eben immer wieder, wie und von wem der Literaturbetrieb beherrscht wird: von alten Lustgreisen.

 

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Wer hat hier bereits Kommentare abgegeben?

  • Nicole
  • Paladar
  • Paladar

    Permalink

    Es ist wohl wahr dass man wagen kann ohne Rechte zu verletzen.
    Kein Zweifel und absolut richtig.

    Ich wollte lediglich damit sagen, dass wenn man etwas riskiert, damit rechnen muss, dass es nach Hinten losgehen kann. Man muss kalkulieren. Und sie kann oder hat Leute, die für sie die richtig kalkulieren.

    Definitiv wollte meiner Meinung nach, „Fräulein“, auch wenn man diesen Ausdruck nicht mehr verwendend, „Hegemann“, keine Rechte verletzen sondern mehr provozieren.

    Man sollte sich auf jeden Fall treu bleiben, schließlich würde man sich selbst veräppeln. Und was würde das für einen Sinn ergeben?
    Die Wahrheit kommt immer ans Licht. -Oh ha, dass kommt nicht wirklich von mir!-

    Man bleibt sich treu egal was kommt. Man denkt nicht, man tut.

    Ich wollte lediglich zum Ausdruck bringen, dass ich mir nicht Vorstellen kann, dass „Fräulein Hegemann“ sich gut leiden mag.

    Dienstag, 23. März 2010 2:14
  • Nicole

    Permalink

    Ich finde den Vorfall äußerst amüsant. Letztes Jahr habe ich mal ein kurzes Interview mit ihr gesehen - jetzt steht das Grinsen in ganz neuem Licht ...

    Aber wieso denn kein Genie? Wenn es jemandem gelingt, den halben Literaturbetrieb zu foppen, ist das doch wirklich ein Talent. Genies müssen's ja nicht mit Moral haben.

    Besser hätte ich's natürlich gefunden, hätte sie es kurz nach den "Verehrungen" von sich aus zugegeben. Das spricht dann wohl doch gegen das Genie ...


    Und zum vorherigen Kommentar:

    Na ja, man kann auch wagen ohne Rechte zu verletzen. Und dann muss man wohl für sich selbst definieren, was "im Leben weit kommen" bedeutet. Vielleicht hat man nicht das große Vermögen, aber kann sich immerhin noch selbst gut leiden ...

    Montag, 15. März 2010 12:12
  • Paladar

    Permalink

    Meine beste Freundin informierte mich am Telefon davon. Sie fragte ob ich davon gehört habe?
    Ich sagte nein, kenn ich nicht, nie von gehört, wieso?
    Sie sich aufgeregt und gewütet wie man so eine 17jährige Gör denn als Genie betiteln kann.
    Ich fragte warum? Ist denn nicht jeder ein Genie der mit 17 ein Buch veröffentlicht?
    Ja, meinte sie, wenn das Buch gut sei!
    Aha, dachte ich mir, jetzt kommt`s. Weshalb regst du dich so auf, was hat sie denn geschrieben? war meine Frage.
    SCHUND. Mehr als Antwort bekam ich nicht.
    Da war mir klar, dass ich selbst recherchieren muss um mir ein Bild zu machen, um mich später dann mit ihr darüber auseinanderzusetzten. Was wir sehr gerne machen, da wir meisten ein Pro und ein Kontra sind.
    Dieses Mal viel es mir schwer Kontra zu sein.

    Es ist wie es ist,
    diejenigen die sich engagieren, sich den Hintern aufreißen, lernen, Talent besitzen, hart arbeiten, alles richtig machen wollen, keinen kopieren möchten, ihr eigenes für sie richtiges Ding machen, die nicht über Leichen gehen und Rücksicht nehmen, kommen im Leben nicht weit.

    Traurig aber überwiegend besteht so die Realität. Wie sangen die Prinzen schon: „Du musst ein Schwein sein in dieser Welt.“ Und genauso scheint es zu sein.
    Wer wagt gewinnt, auch wenn das Recht auf der Strecke bleibt. Urheberrechte missachtet wurden. Gut oder weniger Gut kopiert wurde. Die junge Frau ist in aller Munde. Und das war es was sie beabsichtigt hatte. Man wird sie, so wie ihr Buch, nicht so schnell vergessen.

    Wie man sich einen Namen macht, spielte in der heutigen Zeit doch keine Rolle mehr. Solange man über dich spricht bist du am Leben und Interessant. Mit Feuchtgebieten war es doch nicht anders. Wie man wieder sehen kann, wurde dieses Buch hier ja mit dem Buch von Charlotte Roche in einem Satz erwähnt. So haben beide was von der Geschicht.

    Wenn Fräulein „Hegemann“ mit sich und dem was sie zu Papier kopiert hat im Reinen ist, dann bitte, ich muss mir das Buch ja nicht kaufen und gut ist.

    Sonntag, 14. März 2010 23:25

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