Die sanfte Revolution der Angela Merkel

Was in Deutschland nicht möglich ist, im Ausland, in der Schweiz ist es möglich: ein positiver Artikel über unsere Regierungschefin.

Angela Merkel

Im Schweizer »Tagesanzeiger« wird sie unter dem Titel »Die sanfte Revolution der Angela Merkel« hoch gelobt.

Meines Erachtens hat die Journalistin Kordula Doerfler, die das geschrieben hat, in allem recht.

Da ich ein großer Fan von Angela Merkel – nicht aber von ihrer Partei, bitte nicht verwechseln – bin, stelle ich den Artikel mal hier ein.

* * *

Dass Deutschland von einer Frau regiert wird, verändert das Land mehr, als es sich hat träumen lassen. Merkel und von der Leyen machen etwas gänzlich Unerwartetes: Frauenpolitik.

Die Botschaft, die die Frau im leuchtend roten Blazer den Schülerinnen mit auf den Weg gibt, ist kurz und klar. «Informiert euch, probiert euch aus und geht euren Weg.» Um ihnen gleich zu raten, sich nicht von männlichen Kollegen unter Druck setzen zu lassen. So wie sie selbst das als junge Physikstudentin gelernt hat. Dass man den Experimentiertisch lieber nicht mit den Kommilitonen teilt, zum Beispiel. «Es geht so schnell, dass die Jungs alles in der Hand haben. Der Frau bleibt dann nichts anderes übrig, als zuzusehen.»

Das ist lange her, war in einem anderen Land, in einem anderen Leben. Heute sehen ihr die Männer zu, bitten um Audienz bei ihr, der ersten Frau im Kanzleramt. Junge Mädchen gehen dort selten aus und ein. Angela Merkel, die Hausherrin, will die Schülerinnen an diesem Tag im April, dem «Girl’s Day», darin bestärken, auch technische, so genannte Männerberufe zu ergreifen. Sie hat schliesslich auch einen: Frau Bundeskanzler. Früher war sie «Physiker», in der untergegangenen DDR. Ein Vorbild sei sie, sagen die Mädchen später. Die Frau aus einem ostdeutschen Pfarrershaushalt in der Provinz, deren Karriere alle Begriffe sprengt, promovierte Naturwissenschaftlerin, Kohls «Mädchen», mächtigste Frau der Welt.

Schröder kanzelte sie ab

Zugetraut hatte ihr das niemand. «Die kann das nicht!», höhnte ihr Vorgänger im Amt, Gerhard Schröder, verächtlich, damals im Wahlkampf vor zwei Jahren. Noch in der Wahlnacht im September 2005 verstieg sich Schröder, der knapp Geschlagene, zu einem Fernseh-Auftritt, der seinesgleichen sucht. Mit einer Frau, so die Botschaft, konnte man das ja machen. Erst recht, wenn sie wie ein zerrupftes Huhn neben den Testosteron-strotzenden Wahlverlierern sass. Schröder & Fischer, das Duo Infernale von Rot-Grün, sprachen auch manchem CDU-Fürsten aus tiefster Seele. Angela MerkelEin paar Monate, mehr nicht, das prognostizierten ihr insgeheim einige aus dem Männerclub Union, die Merkel bestenfalls als Übergangsfigur auf ihrem eigenen Weg zur Macht betrachteten. Sie sollten sich alle täuschen. Angela Merkel zu unterschätzen, ist ein Kapitalfehler, der schon viele Karrierepläne zerstört hat.

Heute, zwei Jahre später, ist die Geschmähte zum Superstar der europäischen Politik avanciert. Erst kürzlich attestierte ihr der mächtigste Mann der Welt wieder seine Bewunderung. «Sie hat sich als starke Führerin erwiesen», schwärmt US-Präsident George W. Bush. Und selbst einer ihrer politischen Lieblingsfeinde beschied ihr nach dem EU-Gipfel einen Erfolg. «Angela Merkel kann zu Recht stolz sein auf das Erreichte», so der einstige grüne Aussenminister Joschka Fischer. Der gleiche Mann, der sie vor nicht allzu langer Zeit als «ein wunderbar anzuschauendes Soufflee im Ofen» bezeichnet hatte.

Längst sind die Gruppenbilder mit Dame aus dem ersten Halbjahr 2007, in dem Deutschland gleichzeitig die Europäische Union und den Club der weltweit mächtigsten Industriestaaten (G-8) präsidierte, Ikonen. Merkel in einem überdimensionierten Strandkorb im Ostseebad Heiligendamm, eingerahmt von den Mächtigen der Welt, Merkel übernächtigt, aber sichtbar zufrieden im Kreis der EU-Staats- und Regierungschefs. Schlagzeilen, die nur noch in Superlativen formuliert sind: La Merkel, die Königin der Diplomatie. Kann sie es also doch?

Männliche Zirkel der Macht

Vorbilder dafür, wie man sich in diesen (männlichen) Zirkeln der Macht bewegt, hatte Merkel so gut wie keine – zumindest nicht in der westlichen Hemisphäre. Denn in jenen Ländern, die bei anderen so gern auf Einhaltung von Menschenrechten achten – wozu auch die Stellung der Frau gehört –, hat es kaum jemals eine Frau bis an die Spitze gebracht. Ausnahmen waren nur das Grossbritannien von Maggie Thatcher und die skandinavischen Staaten. Entwicklungs- und Schwellenländer, wiewohl meist nicht sehr demokratisch und schon gar nicht emanzipiert, scheinen oft durchlässiger zu sein. Nach Frauen wie Golda Meir, Indira Ghandi, Isabel Perón, Michelle Bachelet hat selbst Afrika mit Ellen Sirleaf Johnson in Liberia seine erste Präsidentin. Mitteleuropa und auch die USA warten noch auf eine Frau im höchsten Staatsamt.

Mit Sympathie, weil sie eine Frau ist, konnte Merkel bei ihrem Amtsantritt nicht rechnen – im Gegenteil. Gerade weil sie eine Frau ist, musste sie mit den üblichen Vorurteilen gegenüber Politikerinnen kämpfen, stand sie von Anfang an unter unfreundlicher Dauerbeobachtung, was Frisur und Äusseres angeht. Dabei hat sie Zugeständnisse an das Amt machen müssen, die ihr schwer gefallen sind. Unlängst bescheinigte ihr die «Weltwoche», die uneitelste Politikerin der Welt zu sein. Das betrifft nicht nur ihr Äusseres.

Merkel pflegt einen gänzlich anderen (Führungs-) Stil als der «Basta»-Kanzler vor ihr, der im Brioni-Anzug für Hochglanz-Magazine posierte und per Gerichtsbeschluss verbieten liess, über die Beschaffenheit seiner Haarfarbe zu räsonnieren. Gern zeigte er sich im Kreise seiner Lieben und erging sich gar in öffentlichen Schwüren für Frau Doris. Merkel, kreuznüchtern und unprätentiös, ist so etwas abgrundtief fremd. Homestories in Illustrierten sind ihr ebenso zuwider wie gemeinsame Auftritte mit ihrem Mann.

Zum eigenen Stil gefunden

Und doch hat Merkel ihren Stil gefunden – äusserlich wie politisch – und präsentiert sich zunehmend selbstbewusst, häufig mit einem Schuss (Selbst-)Ironie.

«Schöner werde ich heute nicht mehr», scheuchte sie lachend die Fotografen bei ihrem letzten Auftritt vor den Sommerferien weg, bewusst mit Klischees spielend.

Nicht selten setzt Merkel, durchaus geschickt, das meist nur verächtlich gemeinte Attribut Mädchen ein, ein Mittel, das offenbar allemal zieht. Mit mädchenhaftem Lächeln zwang sie Bush Zugeständnisse in der Klimapolitik ab, zart lächelnd liess sie sich von Jacques Chirac die Hand küssen oder tauscht Küsschen mit Wladimir Putin.

Wer das mit HarmlAngela Merkelosigkeit verwechselt, ist selbst schuld. Autoritäre Brüllattacken à la Schröder sind Merkels Sache nicht. Ihre Methode nennt sie selbst «diskutieren – beleuchten – entscheiden», ein wissenschaftliches Vorgehen also, mehr auf Konsens als auf Konfrontation gerichtet. Mit einer Mischung aus Geduld, Zurückhaltung und Zermürbung kommt Merkel häufig ans Ziel – und handelt beinhart und zielstrebig Kompromisse aus, bei denen niemand das Gesicht verliert, die sich aber anschliessend als Erfolg verkaufen lassen. So «rettete» sie den EU-Gipfel, so geriet der G-8-Gipfel in Heiligendamm zum «Durchbruch» in der Klimapolitik.

So glanzvoll ihre Auftritte auf dem internationalen Parkett sein mögen, zu Hause, in den Niederungen der Innenpolitik, fällt das Lob weniger hymnisch aus. Der Alltag in der Grossen Koalition hat den Charme einer müden Nachhilfestunde, Erfolge sind allenfalls in Millimetern zu messen. Führungsschwäche ist ein häufiger Vorwurf an die Kanzlerin, «Machtworte» erwarten Politiker und Kommentatoren von ihr. Tatsächlich bleibt Merkel eine Meisterin des Ungefähren, ihrem politischen Ziehvater Helmut Kohl nicht unähnlich.

Abstand halten von Visionen

Seitdem sie im Wahlkampf hat lernen müssen, dass forsche Reformprogramme, mögen sie politisch und gesellschaftlich noch so notwendig sein, bei den Wählern auf wenig Gegenliebe stossen, verzichtet Merkel auf Visionen. Das hat einen weit geringeren Unterhaltungswert als Rot-Grün, scheint sich aber auszuzahlen, führt sie doch jede Beliebtheitsskala überlegen an. Selbst unter Frauen, die so gar nicht zu ihrer Klientel gehören, im links-grünen Akademikermilieu der Städte etwa, überlegt manche klammheimlich, beim nächsten Mal vielleicht CDU zu wählen – sollte Merkel noch einmal antreten.

Fast geräuschlos, von der Öffentlichkeit noch nicht richtig wahrgenommen, läutet Merkel eine Gezeitenwende ein. Die Tatsache, dass sie das Land regiert, verändert Deutschland stärker, als es sich das hätte träumen lassen. Selbst die Männerbastion «Der Spiegel» muss dies verwundert zur Kenntnis nehmen, schreibt gar von einer «Frauenrepublik». Es gehört zu den Paradoxien gesellschaftlicher Entwicklung, dass bestimmte politische Konstellationen mitunter das Gegenteil dessen bewirken, was man von ihnen erwartet.

So war es ausgerechnet die erste rot-grüne Regierung, die – wenn auch immer haarscharf an der Sollbruchstelle – einer Teilnahme deutscher Soldaten an einer militärischen Intervention ausserhalb von Nato-Gebiet zustimmte. Was Fragen der Emanzipation oder Familienpolitik anging, blieb dieses angeblich so fortschrittliche Bündnis hingegen eine Enttäuschung. Die Super-Machos Schröder und Fischer sorgten dafür, dass keine Frau an die Schaltstellen der Macht kam, und Familienpolitik hielt Schröder für «Gedöns».

Nun, unter Angela Merkel, ist zu besichtigen, wie es einer konservativ geführten Regierung gelingt, Themen zu besetzen, die scheinbar überhaupt nicht in ihr Repertoire passen. Ausgerechnet Angela Merkel, die noch als Frauenministerin unter Helmut Kohl alles andere als mit feministischen Positionen auffiel. Ausgerechnet Angela Merkel, die es gar nicht mag, wenn man sie darauf anspricht, ob es einen Unterschied mache, dass sie eine Frau ist. «Es ist ja nicht zu übersehen, dass ich eine Frau bin», konterte sie die entsprechende Frage eines Reporters einmal unwirsch. Ausgerechnet diese Frau also macht Politik mit und für Frauen, unaufgeregt, unideologisch. Trotzdem – oder gerade deswegen? – vergeht den Männern in der eigenen Partei wie beim Koalitionspartner SPD darob Hören und Sehen.

Niemand war darauf vorbereitet, dass eine siebenfache Mutter mit CDU-Parteibuch eine Familienpolitik betreiben würde, die das Etikett auch verdient – und das mit Rückendeckung einer Bundeskanzlerin aus der gleichen Partei. Mit Ursula von der Leyen hat Merkel eine fast kongeniale Ergänzung zu sich selbst ins Kabinett geholt, und beide profitieren davon. Merkel, die kinderlose protestantische Naturwissenschaftlerin aus Ostdeutschland, passte so gar nicht ins Bild der CDU und ihrer Anhänger. Die sind bis heute überwiegend der Ansicht, dass Frauen und Kinder ins traute Heim gehören. Da musste erst eine wie von der Leyen kommen, aus altem CDU-Adel im Westen. Ebenso zielstrebig, ehrgeizig und unbeirrbar wie Merkel, hat sie ihrerseits ihre Chance erkannt und zugelangt. Jetzt schafft sie, die geradezu klischeehaft dem konservativen Frauenbild entspricht und deshalb so schwer angreifbar ist, republikweit Krippenplätze und führt ein Elterngeld ein. Davon träumen SPD-Frauen seit Jahrzehnten.

Aufruhr unter den Gockeln

Ein politisches Glanzstück, das im Männer-Club CDU für Aufruhr sorgt. Bislang hat er dem nichts entgegenzusetzen, fehlt ihm doch ein Entwurf, mit dem die dringend notwendige Modernisierung der Union voranzutreiben wäre. Selbst in der immer noch etwas konservativeren bayrischen CSU geraten die alten Bastionen ins Wanken: Da kann eine wie die Fürther Landrätin Gabriele Pauli nicht nur einen Halbmonarchen wie Edmund Stoiber vom Thron stossen, jetzt beansprucht sie diesen ganz frech auch noch selbst – ermutigt nicht zuletzt durch die Tatsache, dass an der Spitze der «Schwester»-Partei ja schliesslich auch eine Frau steht. Das kommt einer Palastrevolution gleich, die die Stammtische in Wallung bringt.

Doch reicht es heute nicht mehr aus, erzkonservative Bischöfe aufzubieten, um die heile Welt der 50er Jahre für alle Ewigkeit als Lebensmodell zu konservieren. An den Bedürfnissen junger Frauen zielt das vorbei, die beides wollen: berufstätig sein und Kinder haben. So wie die Schülerinnen beim Girl’s Day in Berlin. Für Politik interessieren sie sich nicht sonderlich, wohl aber dafür, was sie aus ihrem Leben machen können. Da wird eine wie Angela Merkel zum Vorbild, von den meisten Männern unbemerkt. Vielleicht wählen sie sie ja sogar beim nächsten Mal.

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