Digitale Bohème

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Was mag das wohl sein? dachte ich mir, als ich das das erste Mal las. Bohème kennt man ja und »La Bohème« von Puccini auch, aber »Digitale Bohème«?

Die digitale Boheme, das sind Menschen, die sich aus dem klassischen Angestelltendasein verabschiedet haben und stattdessen selbstständig mittels neuer Kommunikationstechniken arbeiten. Webdesigner, Programmierer, Künstler, Medienarbeiter, vom selbstausbeuterischen Praktikanten bis zum Werbeagenturinhaber. (Quelle: Tagesspiegel)

Aha, jetzt bin ich schlauer. Also nichts mit Verhungern und Darben in einer Pariser Dachkammer à la Puccini. Mimi, die Hauptfigur aus »La Bohème«, hatte bestimmt noch keinen Internetanschluß. Sie hatte sich wohl auch nicht aus dem Angestelltendasein verabschiedet, nein, sie war schon immer arm.

In einem stimmt der Begriff Bohème aber wahrscheinlich tatsächlich: Die meisten Leute, die man zu dieser Gruppe zählen könnte, werden nicht reich mit ihrer Tätigkeit. Viele können sich gerade einmal so über Wasser halten, für andere ist noch nicht einmal das möglich, denn Tausende bieten ihre Dienste als Webdesigner oder Programmierer auf dem Internet an, verderben die Preise und die Auftragslage. Für potentielle Auftraggeber ist es sehr schwer zu erkennen, wer tatsächlich etwas kann und wer nicht, und so ist die Qualität oftmals ein Ergebnis des Zufalls, wen man nun gerade erwischt hat.

Wodurch sich diese Gruppe von anderen Gruppen abgrenzt, die ebenfalls nicht zu den Festangestellten gehören, ist sicherlich das Selbstverständnis, etwas Besonderes zu sein. Man geht nicht morgens ins Büro oder sonstwo zur Arbeit und kommt nachmittags wieder, dieses ätzende »9-to-5«, wie es im englischsprachigen Raum genannt wird, verweigert man. Man ist frei in seiner Zeiteinteilung, man kann arbeiten, wann man will und wo man will. Kein cholerischer Chef steht hinter einem.

Aber ist es deshalb gleich eine »Anleitung zum Müßiggang«, wie es der britische Autor Tom Hodgkinson in seinem Buch nennt? Meist ist eher das Gegenteil der Fall. Die »Digitale Bohème« besteht zum Großteil aus Menschen, die kaum mehr Zeit für Müßiggang haben, weil sie sehr viel arbeiten müssen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Das, weshalb sie ihren Bürojob haben sausen lassen, nämlich Freiheit und mehr Lebensqualität, läßt sich kaum realisieren, wenn man dafür 24 Stunden am Tag vor dem Computer hocken muß.

Hodgkinson tritt in seinem Buch für mehr Produktivität durch entspanntere Arbeit ein, aber das können sich Freiberufler kaum leisten. Es sei denn, es sind sehr erfolgreiche Freiberufler wie z.B. der Autor Stephen King, den ich durchaus auch zur »Digitalen Bohème« rechne, denn seine Idee, ein Buch zu schreiben, das er dann Kapitel für Kapitel auf dem Internet verkaufte, statt es in Buchhandlungen anzubieten, war sicherlich ein Ausdruck des neuen Selbstverständnisses von freischaffenden Künstlern, die sich nicht mehr länger an Vertriebswege binden wollen, die sie als veraltet ansehen.

»Je länger man in dem Band liest, desto idiotischer erscheint ein Großteil der emsigen Routine, die unser Leben dominiert. Gut geschrieben, lustig und mit einer erschöpfenden Kenntnis der Faulheitsliteratur . . . Ein Buch, das das Leben verändert. Dieser flammende Aufruf zur Tatenlosigkeit verdient Beachtung!«

(Die Sunday Times über Hodgkinsons Anleitung zum Müßiggang).

Man müsse sich von Zwängen wie ständiger Produktivität lösen, sagt Hodgkinson, Nachdenken sei die eigentliche Arbeit und das gemeinschaftlich organisierte, mittelalterliche Wirtschaftssystem ein Vorbild.

Da wird es dann natürlich schon schwierig, denn dieses System haben wir nicht mehr. Wenn man sich darauf berufen wollte, müßte man es erst einmal wieder einführen. Allerdings ob ich dann, wie im Mittelalter, Fronarbeit für einen Adligen leiste, dem ich auch noch körperlich gehöre, oder heute vor meinem Computer sitze und keine freie Minute habe, weil die Arbeit nicht aufhört – der Unterschied ist tatsächlich nicht so groß.

Was Hodgkinson da meint, ist nicht so ganz klar, denn das Mittelalter war doch eher eine harte Zeit. Für Müßiggang blieb damals kaum Raum. Und produzieren mußte man allein schon deshalb, um nicht zu verhungern, denn Sozialleistungen gab es nicht, kein Hartz IV und keine Zuschüsse zum Lebensunterhalt.

Es ist wahr: Selbst gut ausgebildete Menschen finden heutzutage manchmal keine feste Anstellung, und manche, die eine haben, langweilt das so sehr, daß sie sich verweigern und aussteigen, lieber von weniger Geld, aber mit mehr Freiheit leben. Aber wäre das die Lösung für alle, wie Hodgkinson es propagiert?

War es nicht immer schon ein Charakteristikum der Bohème, daß sie niemals ein Modell für die breite Masse war? Künstler gehörten dazu und Menschen mit besonderen Begabungen, aber die anderen schufteten in der Fabrik oder auf den Feldern. Verhungern war für beide Gruppen das, was sie vermeiden wollten, aber auf verschiedene Weise.

Die Bohème war stets eine Art Elite, oftmals eine, die verhungerte, das ist wahr, aber eben in einem Atelier im Quartier Latin oder Montmartre in Paris und nicht in den Kellern einer Vorstadt mit zehn Kindern, die um einen herum schrien. Das waren die anderen.

Auch den Künstlern damals fehlte schon das soziale Sicherheitsnetz, das uns heute so lieb und teuer geworden ist und auf das die Digitale Bohème zum Teil freiwillig verzichtet. Wenn ich keinen Chef mehr habe, habe ich eben auch keine Krankenversicherung, keine Rente und keine Lohnfortzahlung, keine Arbeitslosenversicherung und keinen Arbeitgeberbeitrag zu irgendwelchen Sparmodellen.

Kann man so leben?

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