1

Die Strahlen der untergehenden Sonne ließen die schmutzigen Fenster noch undurchsichtiger erscheinen. Genauso trüb wie ihre Stimmung.

Doch Debra hatte zu viel hinter sich, als dass es sie noch störte. Was machte das jetzt noch aus, wo sowieso alles den Bach runtergegangen war?

Aber was beklagte sie sich? Sie hatte ein Dach über dem Kopf – wenn auch eins, das nicht ganz dicht war –, ein Bett, in dem sie schlafen konnte, und die Packung Toastbrot plus einem Plastikbecher Peanut Butter, die sie auf dem Weg hierher gekauft hatte, würde sie wahrscheinlich ein paar Tage am Leben erhalten.

Verwundert über sich selbst schüttelte sie den Kopf. Weißes Brot. Weizenmehl. Wie lange hatte sie das nicht mehr gegessen? Zu viele Kohlenhydrate. Darauf verzichtete sie normalerweise, außer vielleicht in Form von Alkohol.

Aber wann hatte sie das letzte Mal Alkohol getrunken? Das wusste sie ganz genau. An ihrem Geburtstag vor zweieinhalb Monaten. Eine Flasche Champagner, die ihr Vater für ihren so bedeutsamen Dreißigsten gekauft hatte.

Sie hatten den Abend ausnahmsweise einmal allein verbringen wollen. Nur sie beide, Vater und Tochter. Und dabei hatte sie ihn fragen wollen, was ihn so bedrückte.

Denn dass ihn etwas bedrückte, das hatte sie schon bald gemerkt, nachdem sie nach ihrem Collegeabschluss wieder in das Haus in Connecticut gezogen war, in dem sie aufgewachsen war.

Ihr Vater war alt geworden in den paar Jahren, in denen sie auf dem College gewesen war. Die Falten in seinem Gesicht, zuvor kaum sichtbar, hatten sich zu tiefen Furchen eingegraben. Als wäre jemand mit einem Pflug darübergegangen.

Zuerst war sie so sehr mit ihrem eigenen Leben beschäftigt gewesen, dass ihr das nicht so aufgefallen war, wie es ihr vielleicht hätte auffallen sollen. Aber kurz vor ihrem dreißigsten Geburtstag hatte sie es nicht mehr übersehen können.

Und dann war alles zusammengebrochen. Denn als sie sich gerade zu ihrem Geburtstagsdinner hinsetzen wollten, waren zwei Polizisten in Zivil erschienen, die ihren Vater baten, sie in die Stadt zu begleiten. Verwundert, nein eigentlich sogar verärgert hatte sie die Polizisten aus dem Haus weisen wollen.

Sie hätte sie vielleicht gar nicht erst hereingelassen, aber ihre Hausangestellte Belinda war gerade dabei gewesen zu gehen, nachdem sie das Dinner zubereitet und serviert hatte, sodass sie an der Tür praktisch in die Polizisten hineingelaufen war. Und natürlich hatte sie sie dann Debras Vater gemeldet.

Das Gesicht ihres Vaters, das ohnehin schon besorgt aussah, war aschfahl geworden, aber er hatte Debra beruhigt, hatte den Polizisten zugestimmt, dass sicher nur ein paar Fragen zu klären wären. Er wäre bald wieder da.

Das war leider ein Irrtum gewesen. Er war verhaftet worden, und bevor eine Kautionsvereinbarung getroffen werden konnte, war er einem Herzinfarkt erlegen.

Debras ganzes Leben wurde dadurch auf den Kopf gestellt, denn plötzlich war sie die Tochter eines Verbrechers. Wenn auch nur eines Wirtschaftsverbrechers. Aber das hatte gereicht, dass sie ihren Job verlor. Das Haus war mit Hypotheken belastet, und wenn die Bank es verkauft haben würde, würde kaum etwas übrig bleiben.

Da hatte sie sich an das kleine Häuschen ihrer Großmutter erinnert, das sie vor Jahren von ihr geerbt hatte. Seither hatte sie es jedoch nie mehr besucht. Es lag auf einer North Carolina vorgelagerten Insel, am Ende der bekannten Welt, hatte sie als Kind immer gedacht, wenn sie ihre Ferien dort verbracht hatte. Damals hatte ihr das gefallen. Es war ein Abenteuerspielplatz gewesen.

Heute war sie nicht mehr so sicher, ob ihr das gefiel. Sie war die Clubs und das Nachtleben von New York gewöhnt, gutbezahlte Jobs, die hohes Prestige verliehen, ein Leben, das keine Beschränkung kannte.

Hier auf der Insel gab es noch nicht einmal Handyempfang, wie sie hatte feststellen müssen. Das Telefon im Haus funktionierte auch nicht. Also Internet und Netflix ade.

Wie konnte man in so einer Einöde überhaupt leben, abgeschnitten von allem, was wichtig war? Oder auch nur unterhaltsam?

Tränen traten ihr in die Augen, als sie wieder an ihren Vater dachte. Nie zuvor hatte sie sich so allein gefühlt. Oder sogar einsam.

Ein leises Kratzen hinter der Tür des Schlafzimmerschranks ließ sie hochschrecken. Die Tür stand halb offen, weil sie sich nicht schließen ließ. Wie überall im Haus war auch hier das Holz verzogen.

Was bei einer Schranktür nicht so furchtbar schlimm war, machte sich bei Zimmertüren, die schief in den Angeln hingen, oder Fenstern ziemlich schmerzlich bemerkbar. Besonders durch die Fenster zog es kalt herein.

Sie war immer nur im Sommer hier gewesen, und auch das war schon sehr lange her, und deshalb hatte sie es damals wohl nie bemerkt. Außerdem hatte sich das Haus in einem sehr viel besseren Zustand befunden, davon konnte man wohl ausgehen.

Jetzt aber war Januar, und auch wenn es hier nie Frost gab, fröstelte sie. Zwar war sie aus Greenwich andere Temperaturen gewöhnt – jeder kannte ja die Winter in New York und Connecticut –, aber in North Carolina waren sieben Grad schon mit Frosttemperaturen zu vergleichen. Denn durch den Wind und die Feuchtigkeit wurde die gefühlte Temperatur als wesentlich kälter empfunden als die gemessene. Ihr kam es jedenfalls viel kälter vor als jeder Winter, den sie je erlebt hatte.

Das Kratzen wiederholte sich. Sie blickte zur Zimmerdecke. Konnte das eventuell auf dem Dach sein? Es stürmte draußen, und ein Zweig konnte dort oben etwas gestreift haben.

Erneut fröstelte sie und blickte zum Fenster hinüber, das ihr einen weiteren kalten Luftzug schenkte.

Dieses Kratzen machte sie verrückt. War sie etwa nicht allein im Haus? Das konnte doch gar nicht sein. Die Maklerin hatte ihr den Schlüssel übergeben und gesagt, die letzten Mieter wären schon lange ausgezogen, das Haus stände schon eine Weile leer. So sah es auch aus.

Da erhaschte sie eine Bewegung aus dem Augenwinkel. Eine Maus, die kurz innehielt, sie mit klugen Knopfaugen musterte, aber offenbar nicht bedrohlich fand. Sie kam aus dem Kleiderschrank heraus, als lebte sie dort. Dann lief sie die Scheuerleiste entlang und verschwand in einem kleinen Loch in der Zimmerecke.

Hatte sie sich doch nicht geirrt. Sie war nicht allein. Durch diese kleine Maus wurde ihr ihre Einsamkeit jedoch vielleicht sogar noch mehr bewusst. Der Kummer um ihren Vater, die Wut auf ihre sogenannten Freunde, die sie sofort fallengelassen hatten, als sie ihrer Meinung nach nicht mehr gesellschaftsfähig war, und ihre Hilflosigkeit, an dem allen nichts ändern zu können, überwältigten sie auf einmal.

Ein Schluchzer entrang sich ihrer Kehle, und das altersschwache Eisenbett quietschte, als sie sich darauf niedersinken ließ. Sie setzte ihren Tränen keinerlei Widerstand mehr entgegen.

Die ganze Zeit hatte sie sich sehr beherrschen müssen, um die Fassade aufrechtzuerhalten, aber hier bröckelte nicht nur die Fassade des Hauses, sondern auch ihre eigene.

2

»Ich habe das Schild in Ihrem Garten gesehen.« Syd wies mit einer Hand lässig nach hinten.

Die Frau, die ihr die Tür geöffnet hatte, schüttelte bedauernd den Kopf. »Das Haus ist nicht mehr zu vermieten.«

»Das Zimmer auch nicht?«, fragte Syd.

Sie stutzte. »Oh, das Zimmer . . .« Es schien, als hätte sie ganz vergessen, dass da zwei Schilder im Garten standen, eins, das behauptete, das Haus wäre zu vermieten – was offensichtlich nicht stimmte –, und eins, das ein Zimmer mit eigenem Bad und einem separaten Eingang anbot.

Angela Danz: Liebe war nicht eingeplant

1 Die Strahlen der untergehenden Sonne ließen die schmutzigen Fenster noch undurchsichtiger...
»Sie vermieten es nicht mehr?«, hakte Syd noch einmal nach. »Doch. Doch, eigentlich schon.« Mit...
Sie stand mehr auf Gemälde. Und sie wäre auch nie auf die Idee gekommen, so einer Ausgrabung...
Den Grund des Meeres zu erforschen, das hatte sie schon als Teenager gemocht. Es gab dort so viel...
Sie öffnete den ersten Schrank, aber dort fand sie nur Gläser. Das hatte sie schon gewusst, denn...
»Lassen Sie mich das machen. Sie werden es vielleicht kaum glauben, aber ich habe schon mal ein...
»Schon lange her?«, fragte Debra und nahm ihr Besteck auf. »Hmhm.« Syd hatte bereits ein Stück...
»Hauptsache, es hat dir geschmeckt.« Syd stand auf, nahm ihren eigenen Teller und streckte ihren...
Aber es waren nicht allein die Dinge. Es war auch Syds Gegenwart. Sie strahlte so viel Stärke aus,...
Archäologen waren die pedantischsten Detektive, die man sich vorstellen konnte. Weil sie selbst...
Solange sie nicht darüber nachdachte, hatte es Debra nicht gestört. Wie so viele andere ihrer...
Sie brauchte keinerlei Druck auszuüben, um Debras Lippen dazu zu bringen, sich zu öffnen. Sie tat...