»Sie vermieten es nicht mehr?«, hakte Syd noch einmal nach.

»Doch. Doch, eigentlich schon.« Mit einer Verlegenheitsgeste, die jedoch nicht sehr geübt erschien, strich sie sich die Haare hinters Ohr.

Seidenweiche Haare, so erschien es Syd, und sie spürte fast schon ihre Fingerspitzen kribbeln. Graugrüne Augen mit mehr Tendenz ins Grau als ins Grün sahen sie leicht hilflos an.

Auch diese Hilflosigkeit wirkte fast wie einstudiert. Diese Frau strahlte nicht viel Hilfloses aus. Syd hatte eher das Gefühl, sie war es gewöhnt, dass sie in jeder Situation wusste, was zu tun war.

»Und uneigentlich?« Syds Lippen verzogen sich zu einem leichten Schmunzeln.

»Oh ja, natürlich, entschuldigen Sie.« Die dezent geschminkten Lippen ihres Gegenübers wussten nicht so genau, wohin sie sich verziehen sollten. »Es wäre schon zu vermieten«, fuhr sie zögernd fort, »wenn es in Ordnung wäre.«

Syd hob die Augenbrauen. »Was heißt in Ordnung?«

»Sehen Sie selbst.« Die Frau trat einen Schritt zurück und hielt Syd die Tür auf. »Dann können Sie selbst entscheiden, ob Sie so ein Zimmer mieten wollen.«

»Es hat ein separates Bad und einen separaten Eingang, oder?«, erkundigte Syd sich, während sie die Veranda des Hauses betrat und einen Schritt an der Frau vorbeiging, um dann wieder stehenzubleiben.

»Das schon«, gab die Frau beinah etwas widerwillig zu. »Aber das Zimmer selbst ist . . . hm . . . in keinem guten Zustand. Da hat schon lange niemand mehr gewohnt.«

»Oh, ich bin handwerklich begabt«, sagte Syd. »Ich kann schon das eine oder andere in Ordnung bringen.«

Die Augen der Frau öffneten sich weit, als hätte Syd da gerade etwas ganz Erstaunliches von sich gegeben. »Sie können Sachen im Haus reparieren?«

Syd zuckte die Schultern. »So für den Hausgebrauch reicht’s. Ich muss selten einen Handwerker holen.« Sie lachte leicht. »Eigentlich nie.«

»Sie sind ein Geschenk des Himmels«, sagte die Frau, und sie schien es auch so zu meinen. Ein erfreuter Ausdruck legte sich über ihr Gesicht. »Kommen Sie bitte. Hier entlang.« Sie wies mit einem Arm an Syd vorbei, folgte dem Arm, und Syd folgte ihr.

Sie sah sofort, was die abgeneigte Vermieterin in spe gemeint hatte, als sie das winzige Zimmer betrat. Offenbar hatte hier jemand die hintere Veranda zu einem Zimmer mit eigenem Bad umgebaut, obwohl dafür kaum Platz war. Das Zimmer wurde von einem schmalen Bett und einem Schrank schon fast ausgefüllt, und das Bad war mehr eine Nasszelle.

An der schon lange keine Reparaturen mehr vorgenommen worden waren, so wie es aussah. Die Dielen im Zimmer selbst schienen bereits ein wenig brüchig, und sie hätten sowieso einmal wieder einen neuen Anstrich vertragen können. Ein Zimmer, das tatsächlich zuerst einmal hätte renoviert werden müssen, bevor man es vermieten konnte, da hatte die Dame recht.

»Ich nehme es.« Syd nickte ihr zu. »Wenn Sie nichts dagegen haben, dass ich keine Miete zahle, es dafür aber renoviere. Da ist ja einiges zu tun.« Sie lächelte die Frau an. »Ich werde nicht dauerhaft hierbleiben, habe hier nur einen Auftrag zu erledigen.«

Es schien, als hätte sie die Lady damit sprachlos gemacht, denn sie starrte Syd nur an, als hätte sie in einer fremden Zunge mit ihr gesprochen.

»Ich bin Taucherin«, erklärte Syd. »Meeresarchäologin eigentlich.« Sie lachte. »Und Sie wissen ja, hier vor der Küste liegt der größte Schiffsfriedhof.«

»Ich dachte, Sie wären Handwerkerin«, bemerkte die Dame mit den graugrünen Augen leicht verwirrt. Wenigstens hatte sie ihre Sprache wiedergefunden.

Syd schüttelte den Kopf. »Nur in meiner Freizeit, wie ich schon sagte. Und wenn es nötig ist.«

»Hier ist es nötig«, murmelte die andere, als könnte sie ihr Glück kaum glauben. »Mehr als nötig.«

Sie straffte ihre Schultern und schaute Syd jetzt beinah etwas kühl an, so wie man es von einer Lady ihrer Herkunft erwartete. Vermutlich hatte sie ein sauteures College besucht und auch sonst alles erhalten, was man für ein gutes Leben brauchte. Man sah ihr an, dass sie garantiert keine Handwerkerin war.

»Dann werde ich der Maklerin Bescheid sagen«, bemerkte sie, »dass sie nicht mehr nach einem Handwerker suchen muss. Ich hatte sie nämlich gebeten, mir einen zu schicken.«

»Ach so«, entgegnete Syd und runzelte die Stirn. »Das hat sie gemeint.« Sie lächelte ihre neue Vermieterin und auch Mitbewohnerin an. »Ich habe nämlich mit Ihrer Maklerin gesprochen. Sie hat mir erzählt, dass hier ein Zimmer zu vermieten ist. Hat auch irgendwas von einem Handwerker und Renovierung gemurmelt. Das hatte ich schon wieder vergessen.«

Kurz musterte die Frau mit den graugrünen Augen und den seidenweichen dunklen Haaren sie. »Dann sind wir uns einig?«, stellte sie fest. »Sie machen das jetzt?«

Syd nickte. »Ich muss mir dann allerdings noch ein bisschen Werkzeug besorgen. Dabei kann ich auch gleich Ihrer Maklerin Bescheid sagen, dass sie niemand anderen mehr schicken muss.« Sie streckte der Dame die Hand hin. »Da, wo ich herkomme, wird so etwas mit Handschlag besiegelt. Ich bin Sydney Amos.«

»Debra McFadden«, stellte die elegante Lady, die jetzt nur ein bisschen so aussah, als hätte sie etwas aus einem Regal mit Spinnweben herausholen müssen, die noch fast unsichtbar in ihrem Haar hingen, sich ebenfalls vor. Sie gab Syd die Hand, zog sie aber sofort wieder zurück, als hätte sie sich verbrannt.

»Dann hole ich mal Werkzeug, Ms. McFadden«, nickte Syd und verabschiedete sich zu ihrem Truck hin, der vorn an der Straße stand. »Bin bald wieder da.«

»Ähm . . .« Ein Räuspern hielt sie auf. »Falls Sie etwas essen wollen . . . Ich habe nichts im Haus außer ein bisschen Toastbrot und Peanut Butter.«

Syd drehte sich zu ihr zurück und grinste. »Wie? Keine Jelly?« Als sie sah, dass das Debra McFadden verwirrte, fügte sie schnell hinzu: »Kein Problem. Wenn die Küchenbenutzung inklusive ist, kann ich ein paar Sachen einkaufen und etwas kochen.«

»Sie können kochen?« Debra McFadden schien von einer Überraschung in die andere zu fallen.

»Nicht so gut wie Tauchen.« Syd lachte. »Aber man kann es essen.« Sie legte fragend leicht den Kopf schief. »Wollen Sie mitessen? Oder soll ich etwas Spezielles an Lebensmitteln für Sie mitbringen, was Sie selbst kochen möchten?«

»Oh . . . ähm . . . Wenn Sie kochen würden . . .« Debra räusperte sich ziemlich umständlich. »Ich könnte helfen. Und dann könnten wir zusammen essen.«

Syd nickte. »Sicher. Warum nicht? Also dann . . .« Sie hob die Hand, verabschiedete sich leicht winkend und stieg in ihren Truck. »Bis später.«

3

Debra blickte dem sich entfernenden Truck hinterher und rieb sich die Hand, als müsste sie etwas davon abstreifen. Sie kam sich fast so vor, als hätte dieser Truck, der sehr alt aussah und zu wenigstens der Hälfte aus Ersatzteilen zu bestehen schien, die vom Schrottplatz stammten, sie gerade überfahren.

Diese blauen Augen . . . Wann hatte sie zuletzt solche blauen Augen gesehen wie bei dieser Sydney Amos? Noch nie eigentlich. Denn diese Augen blickten so klar und durchdringend, wie wahrscheinlich das Wasser war, in dem sie tauchte.

Eine Taucherin. Meeresarchäologin. Was war das überhaupt? Das hatte sie ja noch nie gehört.

Sie hatte unter anderem Kunstgeschichte studiert, und da war auch einiges zur Sprache gekommen, was bei archäologischen Ausgrabungen zutage getreten war, was man irgendwo im alten Ägypten oder sonst wo ausgebuddelt hatte. Sie hatte Bilder davon gesehen, aber bei keiner der Ausstellungen, die sie schon oft organisiert hatte, war so etwas Thema gewesen.

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