Archäologen waren die pedantischsten Detektive, die man sich vorstellen konnte. Weil sie selbst das kleinste Krümelchen aufhoben und zu retten versuchten, seine Geschichte zu entschlüsseln versuchten. Es in einen Zusammenhang stellten mit anderen größeren oder kleineren Krümelchen oder Krümeln oder auch größeren Artefakten. Weil kein Puzzle mit vielen Tausend oder Zehntausend Teilen so viel Aufmerksamkeit verlangte, so viel Geduld, so viel Genauigkeit, so viel endlose Arbeit, bis es endlich zusammengesetzt war.

Meistens hatte das Bild dann immer noch Lücken, die man mit seiner Fantasie ausfüllen musste, weil die Beweise fehlten, so viele Stücke in dem Puzzle nicht gefunden werden konnten. Aber auch das hatte Syd immer fasziniert. Es war nicht nur die Historie, die sich vor dem eigenen Auge entfaltete, sondern auch die Geschichte, der Roman fast, der sich im eigenen Kopf entwickelte. Beides zusammen erst ergab oft das vollständige Muster.

Aber in einem Fall wie diesem hier war Fantasie nicht gefragt. Es ging um die Realität. Und um die Gegenwart. Eine detektivische Ermittlung wie in den Tiefen des Meeres, aber bis auf Debras Vater lebten alle Beteiligten noch und konnten direkt befragt werden. Doch die Antworten, die man bekam, waren oft nicht halb so befriedigend wie das, was man über ein gesunkenes Schiff herausfinden konnte.

Ehrlich gesagt hatte sie sich das Ganze einfacher vorgestellt. Eben tatsächlich mehr wie eine ihrer Entdeckungstouren unter Wasser. Aber dort störte sie niemand, sie musste sich nicht mit lebenden Menschen herumschlagen, die agierten und reagierten, auch unvorhergesehene Reaktionen zeigten, und sie musste vor allem nicht gegen ihre Gefühle ankämpfen.

Der Ölofen war völlig verdreckt und musste gereinigt werden, das dämpfte ihre Gefühle im Moment auf jeden Fall, aber das würde nicht ewig reichen.

Sie tat, was sie konnte, um das Rauchen des Ofens so weit wie möglich zu reduzieren, und auch wenn es danach ein wenig roch wie an einer Tankstelle, weil Öl nun einmal Öl war, funktionierte der Ofen nun und gab Wärme ab statt unangenehmer Gase.

»He, es wird ja warm.« Debra kam herein und dekorierte ihre Worte mit einem erfreuten Lächeln. »Das heißt, wir können uns hier wirklich aufwärmen, wenn es draußen kälter wird.«

»Das ist der Sinn der Sache.« Syd erhob sich von den Knien. Als sie Debra genauer ansah, lachte sie. »Gab es kein Tablett?«

Debra warf einen fast desinteressierten Blick auf den Teller, den sie zum Tablett umfunktioniert hatte. »Wahrscheinlich gibt es eins, aber ich hatte keine Lust zu suchen.« Sie stellte den Teller auf den Tisch, nahm die Becher herunter, ebenso Zuckerdose und Milch und die beiden Löffel, die sie mitgebracht hatte. »Und was auch immer man für den Transport benutzt, es ist ja sowieso gleich wieder verschwunden.« Sie stellte den Teller unter den Tisch, und weg war er.

»Du bist viel praktischer veranlagt, als ich dachte«, sagte Syd, setzte sich auf das ziemlich durchgesessene alte Sofa und griff sich einen Becher.

Debra blickte sie kurz forschend an, dann setzte sie sich neben sie. »Zucker?«, fragte sie. »Milch?«

Syd schüttelte den Kopf. »Weder noch. Kaffee immer schwarz.«

»Bei mir muss er weiß sein.« Debra lachte leicht, füllte ihre Tasse mit Milch auf und tat dann zwei Teelöffel Zucker hinein. »Ehrlich gesagt nehme ich zu Hause Süßstoff, aber hier habe ich keinen, und ich denke, das muss es jetzt einfach mal tun. Normalerweise nehme ich keine Kohlenhydrate zu mir, oder so wenig wie möglich.«

»Kein Wunder, dass du so schlank bist«, sagte Syd und hätte sich gleich darauf dafür ohrfeigen können.

Debra nahm einen Schluck Kaffee, nachdem sie umgerührt hatte, und tat, als hätte sie gar nicht gehört, was Syd gesagt hatte. Aber dann bewies sie doch, dass sie zuhören konnte. »Was für eine Bedeutung hat das hier noch?«, fragte sie. »Manchmal denke ich«, sie schüttelte den Kopf und setzte ihren Becher wieder auf dem Tisch ab, »dass vieles keine Bedeutung hat, wenn man es näher betrachtet. Vieles, was man viel zu wichtig nimmt, wenn man . . . wenn man in der Stadt lebt.«

Syd war sich ziemlich sicher, dass sie etwas anderes hatte sagen wollen, auch wenn sie nicht genau wusste, was.

»Mhm, wie schön . . .« Debra legte die Arme um sich und machte eine Bewegung, als wollte sie sich in ihre eigene Umarmung hineinkuscheln. »Ich hatte schon große Angst, dass ich hier immer tief eingemummelt in eine Steppdecke sitzen müsste, sodass gerade noch meine Nasenspitze rausguckt.« Sie lachte, griff erneut nach dem Kaffeebecher, den sie zuvor abgestellt hatte, und umfasste ihn mit beiden Händen, als müsste sie sich doch noch einmal daran wärmen.

Was für eine süße Nasenspitze, dachte Syd bei Erwähnung derselben und schaute auch darauf. Direkt darunter Debras Lippen, die sich jetzt an dem Kaffee gütlich taten und sicherlich auch noch etwas anderes tun konnten.

Es gab noch zwei alte Sessel in diesem Raum. Warum hatte Debra sich neben sie auf das Sofa gesetzt?

Sollte Syd sich jetzt vielleicht in einen der Sessel setzen? Sie konnte so tun, als müsste sie noch einmal etwas am Ofen nachprüfen und sich dann ganz selbstverständlich nicht mehr neben Debra aufs Sofa setzen. In einem Sessel wäre sie sicherer.

In ihr kämpften fast so etwas wie Engelchen und Teufelchen gegeneinander. Ihre Gefühle, ihre Hormone wohl besser gesagt, waren ganz eindeutig dafür, dass sie auf dem Sofa sitzenblieb, vielleicht sogar noch näher an Debra heranrückte. Ihr Verstand sagte ihr, dass das keine gute Idee war.

Gar keine gute Idee . . .

11

Debra spürte, wie ihr Herz laut schlug. Viel zu laut. Das konnte wohl kaum am Kaffee liegen.

Und sie wusste auch, dass es daran nicht lag. Es lag an Syd.

Warum hatte sie sich nur hier auf die Couch gesetzt statt in einen der Sessel? Nun ja, der Couchtisch stand näher. Einen Sessel hätte sie erst heranschieben müssen. Oder sich sehr viel weiter vorbeugen, um an ihren Kaffeebecher zu gelangen.

Unsinn. Das war es nicht. Das hatte ihre Entscheidung wohl kaum beeinflusst. Es war eine fast unbewusste Entscheidung gewesen. Nicht ganz unbewusst, sie hatte für den Bruchteil einer Sekunde darüber nachgedacht, aber dann hatte sie sich viel mehr zu der Couch als zu einem der Sessel hingezogen gefühlt.

In den letzten zweieinhalb Monaten hatte sie nicht viel Zeit für Zärtlichkeiten gehabt. Noch nicht einmal mit sich selbst. Und mit jemand anderem schon mal gar nicht.

Kurz vor ihrem dreißigsten Geburtstag war das letzte Mal gewesen. Mit Tricia. Die sich sofort von ihr abgewendet hatte, als ihr Vater dann am Abend ihres dreißigsten Geburtstages von der Polizei abgeholt wurde.

Schon am nächsten Tag, nachdem alles in der Zeitung gestanden hatte, hatte Tricia nicht mehr auf ihre Anrufe reagiert. Und dann hatte sie Debra mit einer knappen Nachricht mitgeteilt, dass sie Zeit zum Nachdenken brauchte, Zeit für sich selbst. Dass es ihrer Beziehung guttun würde, wenn sie für eine Weile auf Abstand gingen.

Welche Beziehung? fragte Debra sich jetzt. Sie hatten eigentlich immer nur miteinander geschlafen. Tiefere Gespräche konnte man mit Tricia nicht führen. Sie war Anwältin, aber die ganzen Wortkaskaden, die sie vor Gericht abließ, konnte man von ihr privat nicht erwarten.

Manchmal hatte Debra das Gefühl gehabt, Tricia schrieb ihre Plädoyers irgendwo ab. Oder jemand anderer schrieb sie für sie. Sie hatte Tricia aber nie gefragt, ob es wirklich so war. Vermutlich hätte sie auch keine ehrliche Antwort bekommen. In der Beziehung war Tricia Anwältin durch und durch. Jedes Wort, das ihre Lippen verließ, war eine Lüge.

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