Solange sie nicht darüber nachdachte, hatte es Debra nicht gestört. Wie so viele andere ihrer Freundinnen war Tricia auf eine gewisse Art unterhaltsam, man konnte zusammen Tennis spielen oder Shoppen gehen, auch mal ein gemeinsames Abendessen genießen, das dann in Sex überging, und ansonsten erwartete man nicht viel voneinander. Der Sex war im Grunde genommen nur eine andere Form von Small Talk.

Ehrlich gesagt hatte Tricia sich hin und wieder darüber beklagt, dass Debra sich beim Sex tatsächlich genauso wie beim Small Talk verhielt. Nicht sehr leidenschaftlich. Sie hatte sogar einmal vermutet, vielleicht wäre etwas mit Debras Hormonen nicht in Ordnung. Ob sie schon mal beim Arzt gewesen wäre deshalb. Sie sollte sich mal untersuchen lassen.

Im Moment stellte Debra gerade fest, auch ohne Untersuchung, dass mit ihren Hormonen vermutlich alles in Ordnung war. Denn was sich da an Hitze in ihr anstaute, kam nicht allein vom Ölofen.

Aber was sollte ihr das jetzt nützen? War Syd etwa die Retterin aus der Not? Aus der handwerklichen vielleicht – und möglicherweise aus der ernährungstechnischen –, doch das, was ihr Leben, Debras Leben, im Moment so schwierig machte, was ihr so auf der Seele lag, das konnte Syd auch nicht ändern. Und den Tod ihres Vaters nicht rückgängig machen.

Wenigstens wollte Debra dafür sorgen, dass er seine Ehre zurückbekam, den Respekt, der ihm gebührte. Die Liebe und Anerkennung, die ihm die Leute früher entgegengebracht hatten. Nichts von dem, was ihm vorgeworfen wurde, konnte der Wahrheit entsprechen. Deshalb hatte Debra die ganzen Akten mitgenommen, deshalb wollte sie dort einen Beweis für seine weiße Weste finden, die von irgendjemandem mit Absicht beschmutzt worden war. Aber von wem? Wer war dafür verantwortlich?

»So tief in Gedanken versunken?«, fragte Syd lächelnd. »Was geht dir durch den Kopf?« Sie hob eine Hand und wies auf den Ölofen. »Um diese Art von Reparaturen musst du dir keine Gedanken mehr machen. Ich nehme an, das meiste wird so etwas sein wie dieser Ofen – zu alt, zu lange nicht benutzt, verdreckt . . . Das lässt sich alles relativ leicht beseitigen. Mach dir keine Sorgen.«

Syd hatte Debra so aus ihren Gedanken gerissen, dass sie sie jetzt nur verständnislos ansah. »Darum mache ich mir keine Sorgen«, entgegnete sie stirnrunzelnd. Dann musste auch sie plötzlich lächeln. »Seit du da bist, tatsächlich weniger.«

Die Wärme, die für einen Augenblick von der Kälte der Ermittlungen gegen ihren Vater aus ihren Adern vertrieben worden war, kehrte zurück. Hoffentlich wurde sie nicht rot. Aber wenn, konnte sie es immer auf den Ölofen schieben, redete sie sich ein. Der bullerte ganz schön. »Verbraucht der nicht zu viel Öl, wenn er so heiß wird?«, fragte sie und hätte sich am liebsten ein wenig Luft zugefächelt, aber das ließ sie lieber. »Ich habe nur einen kleinen Tank. Und der ist so ungefähr das Gegenteil von voll.«

»Ich weiß«, sagte Syd. »Aber so heiß ist er doch gar nicht.« Sie stand auf und hielt eine Hand vor den Ofen. »Normal warm, würde ich sagen. Damit das Zimmer gemütlich ist.« Wieder lächelte sie Debra an. »Wolltest du das nicht?«

»Doch, doch«, sagte Debra schnell und klammerte sich erneut an ihren Kaffeebecher. »Das wollte ich. Danke.«

Oh Gott! Sie löste sich langsam auf. Aber was sollte sie tun? Vor Syd fliehen, die sich gerade wieder völlig harmlos neben sie setzte? Ihre Schlafzimmertür verschließen, damit sie nicht hereinkam? Falls sie das überhaupt wollte.

Ein leiser Gluckser entrang sich ihren Lippen. Sie konnte ihre Schlafzimmertür nicht schließen. Sie war verzogen wie alle anderen Türen im Haus. Eines der Dinge, die Syd vielleicht reparieren würde, aber sicherlich nicht das Erste. Der Boiler und andere Dinge waren viel wichtiger.

Obwohl im Moment eine abschließbare Tür vielleicht notwendiger gewesen wäre.

Die Frage war nur: Wollte sie Syd ausschließen oder wollte sie sich selbst einschließen, quasi ans Bett fesseln oder sich zumindest auf ihr Zimmer beschränken, damit sie sich beherrschen konnte, weil gerade eine ganze Kavallerieabteilung mit ihr durchging?

»Was ist?«, fragte Syd. »Was findest du so lustig?«

Lustig war an der ganzen Situation leider gar nichts. Auch wenn Syd ihren Gluckser so interpretiert hatte. Was gut war.

Debra hatte das Gefühl, sie bekäme Atembeschwerden. »Bist du sicher, dass du den Ofen richtig repariert hast? Ich habe den Eindruck, da strömen Gase aus. Ich fühle mich ganz benommen.«

Syd schnüffelte in die Luft. »Ich rieche nichts. Also nichts«, schränkte sie ein, »was nicht zu erwarten wäre. Es riecht noch ein bisschen nach Öl, das stimmt, aber mehr scheint mir da nicht zu sein.«

Oh doch, dachte Debra. Da ist mehr. Viel mehr.

12

Syd sah, wie Debra die Augen schloss und sich an die Kehle griff. Im nächsten Moment sah es so aus, als würde sie umkippen.

Schnell drehte sie sich zu ihr und hielt sie fest. Ihrer Meinung nach war da wirklich nichts Giftiges in der Luft, aber sie konnte sich auch täuschen. Manche Dinge, die giftig waren, konnte man nicht riechen, insbesondere Gase. Und manche Menschen reagierten auch empfindlicher auf so etwas, als sie es normalerweise tat.

Debra schien zu zittern. Deshalb legte Syd unwillkürlich ihre Arme um sie, um sie zu stützen. Schien aber nichts zu helfen. Das Zittern verstärkte sich sogar noch.

»Was hast du denn?« Syd zog sie zu sich heran und streichelte ihren Rücken. »Sollen wir vor die Tür gehen, damit du Luft schnappen kannst?«

Langsam schüttelte Debra den Kopf. »Ich glaube, du hast recht«, wisperte sie kaum hörbar. »Da ist nichts in der Luft hier drin außer dem Ölgeruch.«

»Vielleicht reagierst du darauf so stark«, vermutete Syd und hatte mittlerweile schon ziemliche Probleme, an sich zu halten. Aber sie konnte Debra nicht loslassen, sie nicht sich selbst überlassen, solange sie in einem so zerbrechlichen Zustand war.

So eng aneinandergeschmiegt fühlte Syd jedoch auch fast schon ihre Sinne schwinden, wenn auch garantiert nicht wegen irgendwelcher geruchloser Gase hier im Raum. Es war Debras Geruch, der sie schwindlig machte, ein Duft, der wenig Parfüm enthielt – und das kam wohl auch hauptsächlich aus ihren Kleidern, über denen ein süßer Hauch zu schweben schien, höchst unaufdringlich und angenehm –, dafür aber mit einer ganz besonderen Note gemischt war, Debras Note.

Syd versuchte, flach zu atmen. Nicht zu viel von diesem Duft in sich aufzunehmen, weil sie dann sicherlich genauso benebelt gewesen wäre wie Debra jetzt. Und sie hätte vielleicht nicht mehr gewusst, was sie tat.

Sie musste die Kontrolle behalten. Wäre Debra irgendeine Frau gewesen, eine Frau, die sie gerade getroffen hatte und von der sie nichts wusste, dann hätte sie sich jetzt einfach diesem Gefühl, das sich immer mehr in ihr ausbreitete, hingeben können. Aber Debra war nicht irgendeine Frau. Sie war die Frau, deren Geheimnis sie zu ergründen versuchte, um eine Straftat aufklären zu können. Oder zumindest das Geld wiederzubeschaffen.

Da hob Debra auf einmal ihr Gesicht zu ihr an. Ihre Augen schimmerten wie die tiefsten Tiefen des Meeres, dunkelgrün, bezaubernd und verlockend, geheimnisvoll und rätselhaft. Und Syd hatte sich noch nie dagegen wehren können, ein Rätsel lösen zu wollen.

Ihre Lippen legten sich sanft auf die von Debra. Sie spürte ihren warmen Körper an sich gelehnt, der sich ihr nun noch mehr entgegendrängte, ihren Herzschlag, der zu rasen schien, an ihrer eigenen Brust.

Angela Danz: Liebe war nicht eingeplant

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