Sie stand mehr auf Gemälde. Und sie wäre auch nie auf die Idee gekommen, so einer Ausgrabung beiwohnen zu wollen. Im Dreck buddeln, nur um dann irgendetwas genauso Dreckiges herauszuziehen, das noch nicht einmal gut aussah, wenn man es in eine Vitrine stellte? Nein, danke.

Aber das war bisher ihre Vorstellung von Archäologie gewesen. Sand, Dreck, Staub und Hitze. Trockenheit und Dürre rundherum. Nun ja, sie hatte auch schon einmal gehört, dass man unter Umständen etwas aus dem ewigen Eis herausholen konnte, das Tausende von Jahren alt war. Aber Archäologie im Meer? Was buddelte man denn da aus?

Schiffsfriedhof. Ja, sie erinnerte sich. Davon hatte auch ihre Großmutter erzählt, als Debra einmal im Sommer hier gewesen war. Aber sie hatte sich nicht so richtig etwas darunter vorstellen können.

Sicherlich, jeder hatte wohl schon einmal von Schatzsuchern gehört, die Golddublonen aus irgendwelchen Schiffswracks unter Wasser holten. Aber nannte man das Archäologie? Die taten das doch nur des Geldes wegen.

Und Sydney . . . ihr Blick schweifte die Straße entlang, auf der der Truck nun aber selbstverständlich nicht mehr zu sehen war . . . sah nicht besonders reich aus. Dann hätte sie sich wohl ein besseres Gefährt leisten können. Aber vielleicht hatte sie bisher einfach nur Pech gehabt und keine Golddublonen gefunden.

Hoffte sie, die hier zu finden? Vor der Küste North Carolinas? Damit sie sich ein Zimmer leisten konnte, das sie nicht erst noch renovieren musste, um es benutzen zu können?

Auf einmal fiel ihr auf, dass sie immer noch ihre Hand rieb. Abrupt beendete sie das und starrte die Hand an. Sie juckte doch gar nicht.

Aber Sydney hatte mit einem Handschlag ihre Vereinbarung besiegelt. Und Debra hatte das Gefühl gehabt, als hätte sie ein elektrischer Schlag getroffen. Deshalb hatte sie ihre Hand schnell zurückgezogen.

An der Hand war jedoch nicht die kleinste Verletzung zu sehen. Keine Rötung, wie sie vielleicht von der Verbrennung eines elektrischen Schlages hätte stammen können. Dennoch schien die Oberfläche noch immer leicht zu brennen. Vielleicht hatte Sydney kurz zuvor irgendeine Chemikalie berührt . . .

Was für ein Unsinn! Ärgerlich schüttelte Debra den Kopf. Die Luft war wahrscheinlich elektrisch gewesen.

Bei dieser Feuchtigkeit? Gab es da Statik in der Luft?

Mit was für Gedanken beschäftigte sie sich da eigentlich? Sie zog die sorgfältig gezupften dunklen Augenbrauen zusammen, fast noch dunkler als ihr Haar. Sie hatte anderes zu tun. Die Akten ihres Vaters . . .

Die Akten ihres Vaters. Beim letzten Mal, als sie sich gesehen hatten, im Verhörraum der Polizei, hatte er ihr schnell zugeflüstert, sie sollte die Akten, die nicht beschriftet waren, sofort aus seinem Büro holen und in ihrem eigenen Zimmer im Haus verstauen. Bevor die Polizisten kamen, die mit einem Durchsuchungsbefehl alles auf den Kopf stellen würden.

Debras Zimmer würden sie jedoch nicht betreten dürfen. Nur die Zimmer ihres Vaters, sein Büro, sein Schlafzimmer und die Räume, die gemeinschaftlich genutzt wurden. So war das Gesetz. Also waren die Akten dort sicher.

Sicher wovor? fragte Debra sich. Und hatte es sich schon die vergangenen zweieinhalb Monate über gefragt, in denen sie von Polizisten, die Spezialisten für Wirtschaftskriminalität waren, von der Steuerbehörde des Finanzamts und sogar vom FBI immer wieder verhört worden war. Wo war das Geld geblieben, das ihr Vater veruntreut hatte? war sie immer wieder gefragt worden.

Aber ihr Vater hatte kein Geld veruntreut, davon war Debra überzeugt. Ihr Vater war ein ehrlicher Mann gewesen, nie etwas anderes. Er hatte die Rentenfonds kleiner Firmen betreut und immer dafür gesorgt, dass die Einlagen eine gute Verzinsung abgaben. Damit die Angestellten, wenn sie sich dann einmal zur Ruhe setzten, ihren Ruhestand auch mit einem sicheren Gefühl genießen konnten. Das war sein Ziel gewesen, nicht persönliche Bereicherung.

Aber jetzt warfen ihm die Anleger vor, er hätte ihre Renten zu seinem eigenen Vorteil verbraten. Debra hatte schon gar nicht mehr ans Telefon gehen können, weil sie immer nur beschimpft wurde. Insofern war es ganz gut, dass sie hier niemand erreichen konnte. Denn diese Anrufe hatten sie fertiggemacht.

Sie verstand die Leute ja. Genauso wie ihr Vater sie verstanden hätte, hätte er das noch erlebt. Aber er hätte wenigstens gewusst, was geschehen war. Oder was vielleicht geschehen sein konnte. Warum kein Geld mehr da war.

Die Akten mussten irgendeinen Hinweis darauf enthalten, aber leider hatte Debra den bisher nicht gefunden. Sie hätte besser Betriebswirtschaft studieren sollen wie ihr Vater. Aber das hatte sie nie interessiert. Deshalb konnte sie keine Bilanzen lesen, keine Buchhaltung entschlüsseln und auch den Akten, die fast nur solche Dinge enthielten, nichts Brauchbares entnehmen.

Wahrscheinlich müsste sie dafür einen Buchhalter engagieren. Aber was die kleinen Leute, die sie am Telefon beschimpft hatten, sicher nicht wahrhaben wollten: Sie hatte selbst kein Geld mehr. Das Einzige, was ihr geblieben war und wovon sie jetzt lebte, war der Restbetrag, der sich ergeben hatte, als sie ihr Mercedes Cabrio verkauft hatte, um sich einen billigen japanischen Gebrauchtwagen zuzulegen, mit dem sie sich selbst und die paar persönlichen Sachen, die sie mitgenommen hatte, hier nach North Carolina auf die Outer Banks befördert hatte. Und dieser Restbetrag schrumpfte immer mehr.

Sie musste sich wohl einen Job suchen. Aber wer würde sie einstellen hier mitten im Nirgendwo? Sie hatte ein tolles und sehr teures Studium absolviert, aber eigentlich nichts gelernt. Nichts, was man in einem normalen Job gebrauchen konnte. Ihre Jobs hatten immer aus irgendwelchen Tätigkeiten bestanden, die viele Mitglieder der arbeitenden Klasse wahrscheinlich gar nicht als Job bezeichnet hätten.

Sie war gut darin, Veranstaltungen zu organisieren. Das konnte sie wirklich. Aber was konnte man hier in den Südstaaten des ländlichen North Carolina schon für Veranstaltungen organisieren? Den Samstagabendtanz der bäuerlichen Jugend in einer Scheune?

Maklerin. So wie die Maklerin, die dieses Haus hier bis vor einiger Zeit vermietet hatte. Das konnte Debra sich vielleicht vorstellen. Aber sie hatte nicht den Eindruck gehabt, dass es da viel zu tun gab. Die Maklerin wirkte nicht gerade überarbeitet.

Sie hatte über den Mangel an Handwerkern gejammert. Als Handwerkerin hätte Debra vermutlich jederzeit einen Job finden können. Aber sie war keine Handwerkerin.

Was sie wieder den Blick die Straße hinunterwandern lassen ließ. Kam Sydney Amos bald zurück?

Der Ärger schwappte erneut in ihr hoch. Warum sollte sie das überhaupt interessieren?

Aber sie musste zugeben: Sie hatte Hunger.

4

Debra McFadden. Der Name klang ziemlich gut, dachte Syd, als sie die Straße zurückfuhr, auf der sie gekommen war. Mehr Möglichkeiten gab es hier nicht. Eine Straße, ein Postamt, eine Kirche. Ein paar kleine Geschäfte. Das war alles.

Aber es war ja auch nur eine kleine Insel. Die Outer Banks waren eine Gruppe von kleinen Inseln vor der Küste North Carolinas, einige waren noch nicht einmal bewohnt, so klein waren sie. Die hier gehörte zu denen, die bewohnt waren, aber auch das war relativ. Eine Großstadt hätte hier keinen Platz gehabt. Noch nicht einmal eine normale Stadt.

Syd mochte das. Sie mochte es, in einem Haus am Strand zu wohnen wie in dem von Debra McFadden. Sie mochte es, in der Nähe von Wasser zu sein. Schon als Kind hatte man sie kaum davon wegbekommen können, insbesondere nachdem sie das Schnorcheln gelernt hatte. Und sobald sie groß genug dazu war, hatte sie Tauchen gelernt.

Angela Danz: Liebe war nicht eingeplant

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