Den Grund des Meeres zu erforschen, das hatte sie schon als Teenager gemocht. Es gab dort so viel zu entdecken. Fische, Muscheln, Korallen – eine Unterwasserwelt ganz für sich, abgeschlossen von allem, was oberhalb der Wasseroberfläche war.

Manchmal hatte sie es sehr bedauert, wenn sie dann die Sonne wieder sehen konnte. Wenn sie nach oben aufstieg, und die Dunkelheit der Tiefsee von Strahlen des Lichts durchbrochen wurde, bevor sie überhaupt oben angekommen war.

Es gab wunderschöne Farbspiele dadurch, aber es bedeutete eben auch, dass man bald wieder Land betreten musste. Am liebsten hätte sie Kiemen gehabt, um diese Besuche unter Wasser länger ausdehnen zu können, als ein Sauerstofftank hielt.

Sie lachte über sich selbst, wenn sie solche Gedanken hatte, denn sie nahm sich nicht immer unbedingt ernst. Außerdem musste sie zugeben, dass das Leben als Mensch doch einige Vorteile gegenüber dem als Fisch hatte. Frauen wie Debra McFadden zum Beispiel.

Frauen wie Debra McFadden . . . Ihr Gesicht wurde etwas weniger fröhlich. Wenn das alles so einfach gewesen wäre. Diese Damen der besseren Gesellschaft hatten nichts mit ihr, Sydney Amos, gemeinsam. Und normalerweise hatte sie auch wenig mit ihnen zu tun. Aber in diesem Fall . . .

Sie sah das heruntergekommene Strandhaus in der Ferne auftauchen. Das passte wirklich nicht zusammen. Das passte einfach nicht zu einer Frau wie Debra. Sie konnte es sich nicht erklären. Sollte eine Debra McFadden, so wie sie aussah und sich benahm, nicht in einem Palast wohnen? Man sah ihr deutlich an, dass sie es gewöhnt war, Leute zu haben, die ihr alles Grobe abnahmen.

Ihre Überraschung darüber, dass Sydney handwerkern konnte und sogar kochen, hatte das gezeigt. Eine Frau, die in einem normalen Haushalt aufgewachsen war, konnte zumindest Letzteres. Aber Debra McFadden hatte das nie nötig gehabt. Eine Köchin zu Hause oder der Chefkoch eines Restaurants hatte das für sie erledigt.

Aber warum setzte sie sich dann einem solchen Leben hier aus? Das war schon merkwürdig. Es gab Strandhäuser, die den Komfort boten, den jemand aus der Stadt, jemand aus besseren Verhältnissen gewöhnt war. Man musste auf nichts verzichten, wenn man in einem solchen Haus wohnte. Warum wohnte Debra McFadden nicht in einem solchen Haus? Sie konnte es sich doch leisten.

Obwohl Syd ihr das nicht gesagt hatte, wusste sie, wer Debra McFadden war. Es war ja alles durch die Zeitungen gegangen, durchs ganze Internet. Der Finanzskandal mit ihrem Vater, die Empörung der Anleger, die nun mit nichts dastanden. Die Suche nach einem Schuldigen, den sie vor Gericht stellen konnten, nachdem der Hauptschuldige, Daniel Leon McFadden, kaum verhaftet einem Herzinfarkt erlegen war.

Dadurch waren Leute in das Visier der Ermittler geraten, die völlig unschuldig waren, deren Leben durch diese Untersuchungen aber trotzdem schwer belastet wurde. Auch Debra war monatelang verhört worden, immer wieder. Und trotzdem hatte sich das Geld nicht gefunden.

Syd war neugierig gewesen, wie die Tochter des Mannes, der so viele Menschen ins Unglück gestürzt hatte, sein würde. Was sie hier vorgefunden hatte, hatte sie jedenfalls nicht erwartet.

Einerseits war Debra McFadden genauso, wie man sich eine reiche Tochter vorstellte, eine Frau, die niemals wirklich für ihren Lebensunterhalt hatte arbeiten müssen. Die nur mit dem Finger zu schnippen brauchte, und alles wurde für sie erledigt.

Aber andererseits hatte sie auch etwas . . . Verletzliches, das Syd überrascht hatte. Sie schien so hilflos, allein schon bei der Renovierung eines Zimmers. Beim Kochen! Syd lachte. Immer wieder brachte sie dieser Teil der Geschichte zum Grinsen. Eine Debra McFadden, die sich von Toastbrot und Peanut Butter ernährte . . . Nicht unbedingt das Leben einer verwöhnten Upper-Class-Lady.

Nun würden sie sich ja näher kennenlernen, und Syd würde herausfinden, was mit ihr los war. Sie hatte die Augen einer Schottin – wie es ja auch ihrem Namen entsprach –, aber offenbar hatte die Familie McFadden den sprichwörtlichen Geiz der Schotten nicht zu ihrem Motto gemacht.

Dennoch waren diese Augen ausgesprochen schön, das musste Syd zugeben. Sie hatten nicht die blaue Klarheit von Meerwasser oder die unergründliche Tiefe dunkler Augen, von denen man wie in eine versunkene Welt hineingezogen wurde, sie hatten etwas Verschleiertes, Rätselhaftes, das man nicht so leicht deuten konnte. Was lag hinter diesen Augen, welche Gedanken, welche seelischen Abgründe?

Warum wirkte sie einerseits hilflos und doch wie jemand, der gar keine Hilflosigkeit kannte? Der sie bisher im Leben jedenfalls niemals kennengelernt hatte. Das war leicht zu erklären, denn niemand, der immer Hilfe hatte, konnte hilflos sein.

Aber jetzt war die einzige Hilfe Syd? Das verwunderte sie doch sehr.

Warum war Debra hergekommen? Ein Leben wie dieses hier konnte für sie nicht sehr entspannend sein. Und Entspannung war doch sicher das, was sie sich wünschte nach den letzten Monaten.

Oder hatte sie das gar nicht so mitgenommen? War es alles an ihr abgeperlt wie Regenwasser an einem imprägnierten Trenchcoat?

Dieser kühle Gesichtsausdruck, den sie Syd zum Schluss geschenkt hatte . . . Das war geradezu erschreckend gewesen, obwohl Syd sich nun wirklich nicht leicht erschrecken ließ.

Als sie diese distanzierte Miene sah und die Augen, die gleichzeitig fast zu Eis wurden, hatte Syd sich vorstellen können, dass sie, Debra, diejenige gewesen war, die ihrem Vater geholfen hatte, all diese Leute zu betrügen.

Aber jetzt knurrte erst einmal ihr Magen und verlangte sein Recht.

5

Debra betrachtete Sydney Amos’ muskulöse Schultern, als sie sich nun vorbeugte und konzentriert Zwiebeln schnitt. Was für eine sonderbare Frau. Ehrlich gesagt konnte Debra sich nicht erinnern, je so eine Frau getroffen zu haben. Nicht in ihren Kreisen jedenfalls.

Aber was waren schon Kreise? Die, in denen sie sich bewegt hatte, waren nicht sehr beständig gewesen. Das hatte sie bei der leisesten Störung zu spüren bekommen. Es war alles oberflächlicher Small Talk, Partys, Tennisspielen, Tanzveranstaltungen der edleren Art, für die man ein Ballkleid anziehen musste oder zumindest ein Cocktailkleid. Nichts davon schien hier noch eine Bedeutung zu haben.

Hier und jetzt. Das war eine ganz andere Welt.

»Haben Sie die Pfanne –?« Sydney Amos blickte von ihren Zwiebeln auf, und wenigstens da war sie wie jeder andere Mensch: Es standen Tränen in ihren Augen vom Zwiebelschneiden. »Sie haben die Pfanne noch gar nicht herausgeholt?«

Debra hob die Augenbrauen. »Hätte ich das tun sollen?«

»In was braten Sie normalerweise Zwiebeln?«, fragte Sydney mit zuckenden Mundwinkeln.

Gar nicht, hätte Debra eigentlich antworten müssen, aber es ärgerte sie, so etwas zugeben zu sollen, obwohl ihr das bis vor Kurzem niemals wichtig erschienen wäre, also setzte sie eine hochmütige Miene auf. »Sie hätten mir ja auch sagen können, dass Sie eine Pfanne brauchen.«

Sydneys Mundwinkel zuckten noch mehr, sie konnte sie offensichtlich kaum mehr beherrschen. »Ja, das hätte ich wohl tun sollen«, antwortete sie versöhnlich. »Könnten Sie jetzt bitte . . .?« Sie wies mit dem Messer, das sie immer noch in der Hand hielt, auf die Schränke.

Irgendwo musste wohl eine Pfanne sein, aber Debra hatte sich mit diesem Thema noch nicht beschäftigt, also wusste sie nicht, wo sie suchen sollte. Sie befreite ihre bisher vor der Brust verschränkten Arme aus ihrer Fesselung und ging zu einem der Schränke, die hier in dieser Küche alles bereithalten mussten, was man so zum Kochen brauchte. Wenn die letzten Mieter es nicht mitgenommen hatten. Zumindest hatte sie Besteck in einer der Schubladen gefunden, um sich ein Peanut-Butter-Sandwich schmieren zu können.

Angela Danz: Liebe war nicht eingeplant

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