Sie öffnete den ersten Schrank, aber dort fand sie nur Gläser. Das hatte sie schon gewusst, denn davon hatte sie schon eins benutzt. Auch eine Kaffeetasse und die Kaffeemaschine, die hier auf einem der Schränke standen. Alles zusammen mit einem Rest Kaffeepulver. Instant.

»Töpfe und Pfannen sind meistens eher unten«, schmunzelte Sydney. »Rechts oder links vom Ofen.«

Woher soll ich das denn wissen? Debra grummelte innerlich, wollte sich aber keine Blöße geben. »Ich bin noch nicht lange hier«, sagte sie mit einer so distanzierten Stimme, wie sie konnte, beugte sich hinunter und öffnete den Unterschrank rechts neben dem Herd. Tatsächlich. Pfannen und Töpfe.

Sie nahm eine der Pfannen heraus und stellte sie auf den Herd.

»Sie müssen das Gas anzünden. Von selbst wird sie nicht heiß«, sagte Sydney.

Das Gas anzünden. Wie machte man so was? Debra blickte sich nach einem Feuerzeug oder einer Streichholzschachtel um.

»Der Anzünder liegt da«, erklärte Sydney und wies wieder mit dem Messer darauf. Dann legte sie das Messer ab, kam herüber und nahm das, was sie Anzünder genannt hatte, Debra aber nie als einen solchen erkannt hätte, selbst in die Hand. Sie drehte an einem Knopf, hielt das Gerät an eine der schwarzgebrannten Feuerstellen oder wie immer das hieß, und ein Funken sprang heraus. Das wiederholte sie ein paarmal, aber nichts sonst geschah.

»Hm.« Stirnrunzelnd legte sie das Gerät zur Seite und beugte sich über den Herd, dann öffnete sie die Schranktür auf der linken Seite und lachte plötzlich. »Haben Sie den Herd noch nie benutzt, seit Sie hier sind?«

»Ich bin noch nicht lange hier«, wiederholte Debra und presste die Lippen zusammen.

»Ja, natürlich«, sagte Sydney. »Dann müssen wir das Gas an der Flasche wohl erst einmal aufdrehen.«

Debra betrachtete die bullige Kanne, die da im Schrank stand, misstrauisch. »Ist das denn in Ordnung? Da gibt es keine Gasexplosion, oder?«

Sicherheitshalber überprüfte Sydney kurz die Anschlüsse, wackelte und zog. »Nein, sieht nicht so aus.« Dann drehte sie an einem kleinen Rad. »So, jetzt kann’s losgehen.«

Sie schloss den Schrank, und als sie kurz darauf die zuvor erfolglose Prozedur am Herd wiederholte, sprang nicht nur ein Funken aus dem Anzünder, sondern auch eine Flamme aus der anvisierten Feuerstelle.

»Was für Fett haben Sie? Butter? Schmalz?«, fragte Sydney.

Schmalz? Debra wusste noch nicht einmal, wie das aussah. Aber Butter . . . Butter musste doch eigentlich im Kühlschrank sein. Sie öffnete ihn, doch nur gähnende Leere starrte ihr entgegen.

»Dachte ich mir schon«, stellte Sydney anscheinend belustigt fest.

Aber sie war ja die ganze Zeit schon belustigt. Debra hätte sie gern geschlagen. Na ja, zumindest geschubst.

»Ich habe was mitgebracht.« Die Frau, die anscheinend alles konnte und an alles dachte, wies auf die große braune Papiertüte, aus der sie die Zwiebeln genommen hatte.

Weiter hatte sie sie nicht ausgepackt. Hatte sie etwa angenommen, Debra würde das tun?

Aber jetzt blieb ihr wohl nichts anderes übrig. Sie schaute hinein und sah eine Ölflasche, nahm sie heraus. »Meinen Sie das hier?«

»Ja.« Sydney schmunzelte. »Geben Sie etwas davon in die Pfanne.« Warnend hob sie die Augenbrauen, als sie nun selbst in die Tüte griff und ein größeres, in Wachspapier eingeschlagenes Päckchen herauszog. »Aber vielleicht benutzen Sie einen Löffel zum Abmessen. Zwei, drei Esslöffel Öl reichen.«

Dachte sie etwa, sie würde die ganze Flasche in die Pfanne entleeren? Debra war beleidigt. Was bildete diese Frau sich eigentlich ein?

Trotzdem war es beruhigend, so jemanden im Haus zu haben. Auf der einen Seite beruhigend. Auf der anderen eher beunruhigend, denn das Haus war klein, und auch wenn Sydney Amos hier unten praktisch eine separate Wohnung haben würde, waren die Wände so dünn, dass man sich vielleicht sogar gegenseitig atmen hören konnte bei Nacht, wenn draußen alles still war.

Die Stille hier war fremd. Debra hatte in der ersten Nacht kaum schlafen können, weil es so still war. Sie war das nicht gewöhnt. Keine Autos, die spätnachts noch durch die Straßen donnerten, keine angetrunkenen Nachtschwärmer, die am frühen Morgen laut singend oder kichernd heimschwankten.

Dafür aber durchaus mal der Motor eines Allrad-Trucks, der zu einer nachtschlafenden Stunde vorbeifuhr, mit langen Angelruten, die vorn an der Stoßstange befestigt waren. Die Leute hier gingen um dieselbe Zeit angeln, zu der die Leute in New York erst von einer feuchtfröhlichen Nacht nach Hause kamen.

»Kein Löffel da?«, fragte Sydney, weil Debra nur sinnierend dagestanden, sich aber nicht bewegt hatte. »Wissen Sie nicht, wo die sind?«

»Natürlich weiß ich, wo die Löffel sind!«, fuhr Debra ärgerlich auf. Das zumindest hatte sie schon entdeckt, als sie gleich zu Anfang die Peanut Butter sofort mit dem Löffel aus der Dose gegessen hatte, weil ihr vor Hunger fast schwindlig geworden war.

Wütend stampfte sie zu der Schublade hin, in der das Besteck lag, machte sie auf und nahm einen Esslöffel heraus. »Sehen Sie?« Sie fuhr mit dem Löffel durch die Luft, wackelte praktisch damit vor der Nase dieser anmaßenden Frau herum. »Oder ist das die falsche Art Löffel? Haben Sie sich was anderes vorgestellt?«, fragte sie schnippisch.

Sydney lachte leicht. »Nein, der ist schon richtig. Zwei, drei Löffel Öl damit wie gesagt.«

Musste sie sie noch einmal daran erinnern? Als ob sie kein Gedächtnis hätte oder nicht zuhören könnte?

Debra schäumte innerlich. Aber sie beherrschte sich. Das hatte sie in den letzten Monaten so oft tun müssen, dass es ihr zur zweiten Natur geworden war.

So ruhig, als wäre gar nichts geschehen, als hätte nichts sie berührt, ging sie zum Herd und maß zwei Esslöffel Öl ab, um sie zu erhitzen.

Aber wenn diese Sydney sie jetzt noch einmal kritisierte, würde sie das heiße Öl ins Gesicht kriegen.

6

Syd merkte sehr wohl, wie angespannt Debra McFadden war, aber es amüsierte sie mehr, als dass es sie beunruhigte. Es freute sie eigentlich sogar, denn Leute, die beunruhigt waren, machten Fehler. Und auf einen solchen hoffte sie.

Hier im Moment ging es nur ums Kochen – von dem Debra offensichtlich nichts verstand, was sie ärgerte –, aber zum Schluss ging es um wichtigere Dinge. Doch wenn sie schon allein durch ihre Unfähigkeit in der Küche aus der Balance gebracht werden konnte, versprach das einen guten Ansatzpunkt.

Syd hätte sie jetzt noch weiter auf die Palme bringen können, indem sie sie gefragt hätte: Können Sie Eier braten? Dann können Sie ja schon einmal mit den Spiegeleiern anfangen, aber aus irgendeinem Grund unterließ sie es dann und sagte nur: »Können Sie das Hackfleisch hier vielleicht mit den Zwiebeln und einem Ei mischen? Dann kümmere ich mich schon mal um die Röstkartoffeln.«

Über Debras Kopf stand immer noch eine leichte Rauchwolke, aber sie riss sich zusammen und nickte. »Nur mischen?«, fragte sie mit einer Stimme, als wäre sie das Entgegennehmen von Befehlen gewöhnt. Was sie garantiert nicht war.

Auch Syd nickte. »Da kommt dann nur noch ein bisschen Salz und Pfeffer dran, um es zu würzen, dann können wir die Hacksteaks braten.«

Ohne einen großen Aufstand zu machen, ging Syd selbst zu einem der Schränke und nahm eine Schüssel heraus, wickelte das Hackfleisch aus dem Wachspapier und gab es hinein, obendrauf die Zwiebeln. Sie nahm ein Ei und wollte es aufschlagen, da lachte Debra leise auf.

Angela Danz: Liebe war nicht eingeplant

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