»Schon lange her?«, fragte Debra und nahm ihr Besteck auf.

»Hmhm.« Syd hatte bereits ein Stück Hacksteak abgeschnitten und sich in den Mund gesteckt, weshalb sie nicht sprechen konnte. Das Gelbe aus dem Ei lief gemächlich an den Seiten des Steaks herunter. Sie schluckte. »Aus dem Bürgerkrieg. Es wird behauptet, er hätte das Gold der Südstaaten an Bord gehabt, aber das ist natürlich Quatsch.«

»Das heißt, es geht dir nicht um Gold?« Debra stellte gerade fest, dass das Essen in einem der besten Restaurants nicht besser schmecken konnte als das hier, was sie gemeinsam zubereitet hatten, und schloss kurz die Augen, um den Geschmack zu genießen.

»Nein.« Syd schüttelte den Kopf. »Mir geht es um das, worum es allen Archäologen geht: die Vergangenheit zu ergründen. Sie besser zu verstehen. Herauszufinden, wie die Menschen damals wirklich gelebt haben. Das finde ich spannend.«

»Das heutige Leben nicht so?« Nachdenklich runzelte Debra die Stirn. »Das kann schon . . . anstrengend sein, da hast du wahrscheinlich recht.«

Syd lachte. »Das habe ich nicht gemeint. Ich denke, damals war das Leben viel anstrengender als heute. Besonders auch für die Seeleute auf so einem Schoner. Das war harte Arbeit, nicht gut für die Gesundheit und schlecht bezahlt.«

»Wahrscheinlich.« Über so etwas hatte Debra sich noch nicht viele Gedanken gemacht.

Sie hatte zwar Kunstgeschichte studiert, aber wenn sie die Gemälde betrachtete oder beschrieb, für eine Ausstellung vorbereitete, hatte sie nie darüber nachgedacht, wie die Leute zu der Zeit wohl gelebt hatten. Es war immer nur um den Pinselstrich gegangen, um die Technik, die der Maler angewendet hatte, um die Farbmischungen und um den Effekt, den das Bild auf den Betrachter haben sollte oder den es tatsächlich hatte. Um den Goldenen Schnitt. Um das Genie des Künstlers möglicherweise, aber nicht darum, ob er etwas zu essen gehabt hatte oder nicht, ob er ein hartes Leben gehabt hatte oder nicht.

Theoretisch wusste sie das, hatte auch schon einmal davon gehört, dass gerade Künstler es nicht leicht gehabt hatten, oft darben mussten. Aber das war so weit weg, so lange vorbei, dass es sie heute nicht mehr betraf. Wichtiger war, was so ein Gemälde kostete, wenn es verkauft wurde. Was sie selbst dafür bezahlen musste, wenn sie es kaufte.

»Nicht wahrscheinlich, sondern sicher«, sagte Syd. Die Röstkartoffeln kratzten etwas auf ihrem Teller, als sie versuchte, eine aufzuspießen, weil sie so kross gebacken waren. »Dieses Haus hier hat vielleicht nicht unbedingt den größten Komfort, aber selbst davon hätten die Leute damals nur träumen können.«

Debra legte ihr Besteck beiseite und verschränkte mit aufgestützten Ellbogen die Hände über ihrem Teller. »Aber woher kann man das wissen?«, fragte sie. »Wir können sie doch nicht mehr fragen.«

»Aber wir können die Dinge, die sie benutzt haben, mit denen sie gelebt haben, befragen.« Syd lächelte. Das war offensichtlich ihr Thema. »Wenn man weiß, was für Kleidung sie getragen haben, welche Gebrauchsgegenstände sie täglich um sich hatten, kann man sich vorstellen, wie es gewesen sein muss. Wenn man das dann in eine Vitrine stellt, sieht man vielleicht ein Haus vor sich, einen Tisch, an dem sie gegessen haben«, sie lachte und wies auf den Tisch, an dem sie saßen, auf ihre Teller, »so wie wir jetzt. Das sagt etwas über unsere Kultur aus, könnte man sagen.«

»Du meinst, wenn man in einen Kleiderschrank schaut, weiß man etwas über den, dessen Kleider darin hängen?« Debra dachte an ihren eigenen Kleiderschrank hier, winzig klein und mit einer schiefen Tür, die nicht schloss, in dem so viele teure Designersachen hingen, obwohl sie nur einen sehr geringen Teil ihrer Kleidung mitgebracht hatte. Und wie wenig das im Moment über sie aussagte.

»Genau.« Syd nickte. »Allerdings bleiben Kleider nicht so lange erhalten normalerweise. Wenn ein Schiff im Schlamm versunken ist vielleicht. Dann wird das konserviert. Oder in einem Moor, das früher ein Meer war.«

»Damit beschäftigst du dich?« Für Debra erschien das alles nicht so interessant. Selbst wenn es dann in einer Vitrine stand. »Deshalb tauchst du?«

Syd lächelte. »Ich tauche, weil Tauchen einfach . . . wunderbar ist.« Ihre Stimme wurde leise. »Ich wüsste nicht, was ich tun würde, wenn ich das nicht mehr könnte.« Sie holte tief Luft und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. »Die Welt unter Wasser ist einfach . . . faszinierend.« Sie sah Debra an. »Du bist noch nie getaucht?«

Debra schüttelte den Kopf. »Noch nicht mal geschnorchelt. Irgendwie hat es mich nie so sehr dazu gezogen. Schwimmen ja, aber Tauchen . . .« Ihre Stirn zog sich zusammen, als sie darüber nachdachte, warum sie das eigentlich nie gereizt hatte.

»Ich könnte es dir beibringen«, sagte Syd, und dann sah sie so aus, als hätte sie sich am liebsten auf die Zunge gebissen. »Natürlich nur, wenn du willst«, fügte sie schnell hinzu.

Debra konnte nicht umhin, Syd nun genauer zu betrachten. Noch genauer. »Ich habe noch nicht einmal einen Taucheranzug«, sagte sie. »So etwas habe ich nie gebraucht.«

»Ich . . . ähm . . .« Auf einmal schien Syd verlegen. Was ihr eine ganz neue Ausstrahlung verlieh. Bisher war sie immer so stark und unerschütterlich erschienen. »So was kann man leihen«, brachte sie etwas unsicher heraus. Huschte da sogar so etwas wie ein leichtes Erröten über ihr Gesicht?

Debra war stumm vor Erstaunen. »Leider . . .«, sie seufzte, »habe ich jetzt andere Prioritäten«, war der erste Satz, den sie sagte, nachdem sie ihre Sprache wiedergefunden hatte. »Aber wenn es sich einmal ergibt . . . Warum nicht?«

8

Sie hatte einen Rückzieher gemacht. Zuerst hatte Syd ihr Interesse geweckt, aber dann hatte irgendetwas Debra dazu gebracht, sich doch nicht darauf einzulassen.

In gewisser Weise war Syd froh darüber, denn welcher Teufel hatte sie da eigentlich geritten, so etwas vorzuschlagen? Debra das Tauchen beizubringen? Noch was? Innerlich schüttelte sie über sich selbst den Kopf.

Prioritäten. Das war ein interessantes Wort. Welche Prioritäten meinte Debra? Wie lange sie sich hier verstecken wollte – oder musste –, bevor sie den Reichtum, den sie sich zusammen mit ihrem Vater ergaunert hatte, genießen konnte, ganz offiziell und ohne dass ihr jemand Vorwürfe machte? Ohne dass ihr jemand das Geld wieder wegnehmen konnte? Irgendwo auf den Caymans?

Und doch passte das irgendwie alles nicht zusammen. Warum sollte sie dann nicht gleich auf die Caymans geflogen sein, nachdem das FBI sie aus seinen Klauen gelassen hatte?

Gut, vielleicht hatten sie ihr ihren Pass abgenommen. Syd wusste nicht genau, wie da das Prozedere war. Konnte die Steuerbehörde Leute im Land festhalten, wenn sie das wollte? Sie selbst hatte noch nie genug Steuern gezahlt – und schon gar nicht hinterzogen –, um darüber irgendetwas zu wissen.

Aber dennoch . . . Diese Bruchbude von einem Strandhaus hier hätte niemand von ihr verlangt. Warum hatte Debra das getan?

»Bist du fertig?«, fragte Syd, nachdem sie sich das letzte Stückchen Hacksteak mit Spiegelei in den Mund gesteckt hatte und fast noch kaute. »Dann wäre es vielleicht gut, das Geschirr gleich abzuwaschen.« Sie schaute sich mit etwas schief verzogenem Gesicht um. »In einer kleinen Küche wie dieser hier.«

Debras Blick wanderte auf ihren Teller, der noch das halbe Hacksteak und ein paar Röstkartoffeln enthielt. Sie hatte hauptsächlich das Spiegelei gegessen. »Für mich war das leider etwas zu viel«, bemerkte sie beinah entschuldigend. »Ich bin es nicht gewöhnt, so viel zu essen. Aber es war sehr lecker«, fügte sie sofort hinzu, als säße sie in einem Restaurant und wollte den Koch nicht verärgern.

Angela Danz: Liebe war nicht eingeplant

1 Die Strahlen der untergehenden Sonne ließen die schmutzigen Fenster noch undurchsichtiger...
»Sie vermieten es nicht mehr?«, hakte Syd noch einmal nach. »Doch. Doch, eigentlich schon.« Mit...
Sie stand mehr auf Gemälde. Und sie wäre auch nie auf die Idee gekommen, so einer Ausgrabung...
Den Grund des Meeres zu erforschen, das hatte sie schon als Teenager gemocht. Es gab dort so viel...
Sie öffnete den ersten Schrank, aber dort fand sie nur Gläser. Das hatte sie schon gewusst, denn...
»Lassen Sie mich das machen. Sie werden es vielleicht kaum glauben, aber ich habe schon mal ein...
»Schon lange her?«, fragte Debra und nahm ihr Besteck auf. »Hmhm.« Syd hatte bereits ein Stück...
»Hauptsache, es hat dir geschmeckt.« Syd stand auf, nahm ihren eigenen Teller und streckte ihren...
Aber es waren nicht allein die Dinge. Es war auch Syds Gegenwart. Sie strahlte so viel Stärke aus,...
Archäologen waren die pedantischsten Detektive, die man sich vorstellen konnte. Weil sie selbst...
Solange sie nicht darüber nachdachte, hatte es Debra nicht gestört. Wie so viele andere ihrer...
Sie brauchte keinerlei Druck auszuüben, um Debras Lippen dazu zu bringen, sich zu öffnen. Sie tat...