»Hauptsache, es hat dir geschmeckt.« Syd stand auf, nahm ihren eigenen Teller und streckte ihren Arm aus, um den von Debra obenauf zu stellen.

Erstaunt reichte Debra ihr ihren Teller und stand dann ebenfalls auf. »Ich kann abwaschen«, sagte sie, als hätte sie sich gerade als Gladiatorin in einer Arena dazu entschlossen, sich den Löwen zum Fraß vorzuwerfen. »Du hast ja schon das meiste beim Kochen gemacht.«

»Das würde ich nicht so sagen.« Syd schüttelte den Kopf. »Ich glaube, das war halb-halb. Und beim Abwaschen können wir es genauso machen. Möchtest du lieber abwaschen oder abtrocknen?«

In diesem altertümlichen Haus gab es natürlich keinen Geschirrspüler. Sie mussten von Hand spülen. Das war für Debra sicherlich auch ausgesprochen ungewohnt. Vermutlich kannte sie ein Leben ohne Geschirrspüler gar nicht.

»Ich habe sehr empfindliche Hände«, erklärte Debra mit einer gewissen Verlegenheit in der Stimme. »Deshalb wäre es mir sehr recht, wenn ich abtrocknen könnte.«

Syd nickte. »Kein Problem. Dann spüle ich.«

Sie ließ Wasser in die Porzellanspüle, die tatsächlich noch so aussah, als stammte sie aus dem Bürgerkrieg, griff noch einmal in einen der Schränke und nahm Geschirrspülmittel heraus, spritzte davon etwas ins Wasser, sodass es anfing zu schäumen.

Sie musste darauf achten, nahm sie sich vor, dass ihre Hände sich nicht dabei berührten, wenn sie Debra einen Teller zum Abtrocknen übergab. Sie wusste nicht, was eine solche Berührung in ihr, Syd, auslösen würde.

Das war doch wirklich ein verdammter Mist! fluchte sie innerlich fast verzweifelt. Wieso musste sie sich so von Debra McFadden angezogen fühlen? War das denn nötig?

Nein, war es nicht. Aber es war nun einmal eine Tatsache. Debra war eine Frau, die den Charme nur so ausstrahlte. Selbst wenn sie sich bemühte, es nicht zu tun. Entweder sie war so erzogen oder es lag in ihrer Natur. Vermutlich beides.

Das hier war nicht ihre natürliche Umgebung, nicht das, was sie gewöhnt war, aber diesen Teil ihrer Persönlichkeit hatte sie mitgebracht. Sie konnte ihn nicht abstreifen wie ihre Designerjeans.

Daran zu denken war jetzt auch nicht gerade nützlich, wie Syd sofort feststellte. Denn in diesen Jeans, hautengen Lederjeans, die nicht zum Arbeiten gedacht waren wie die ursprünglichen Jeans, wurde Debras Po besonders rund und knackig hervorgehoben. Was Syd heute schon einmal aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Deshalb schaute sie da am besten nicht mehr hin.

Doch auch das war schwierig. Denn selbst wenn Debra gerade nichts anderes tat, als sich nach einem Tuch zum Abtrocknen des Geschirrs umzuschauen, bewegte sie sich immer und überall elegant und geschmeidig wie eine Gazelle. Selbst in dieser kleinen Küche, wenn sie kaum einen Schritt machte.

Und hier war es noch unmöglicher, dieser Gazellenhaftigkeit zu entkommen als sonst wo. Syd wünschte sich, sie hätten draußen im Garten spülen können. Vielleicht sollte sie das das nächste Mal vorschlagen.

Etwas irritiert griff sie ins Wasser und prüfte die Temperatur. »Ist das alles, was hier herauskommt?«

Debra nickte. »Ja. Ich wollte gern ein Bad nehmen, aber das Wasser ist so gut wie kalt. Und jetzt im Januar«, sie blickte kurz aus dem Fenster, »ist das nicht besonders angenehm.«

»Der Boiler?«, fragte Syd.

»Ich habe keine Ahnung.« Debra zuckte die Schultern. »Ich wüsste noch nicht einmal, wo ich nachsehen soll.«

Syds Mundwinkel zuckten. »Dann werde ich nachsehen«, bot sie an. »Aber jetzt zum Spülen reicht es auch so. Wir können Wasser auf dem Herd heißmachen, um die Pfannen zu spülen. Das Fett kriegen wir so wahrscheinlich nicht ab.« Sie nahm einen Topf heraus, füllte ihn mit Wasser, stellte ihn auf den Herd und zündete mit dem Anzünder schnell die Flamme an.

Debra sah ihr fast so bewundernd dabei zu, als täte sie da etwas ganz Außergewöhnliches, nicht so etwas Alltägliches und Banales, wie es tatsächlich war.

Aber für Debra war das alles nicht alltäglich, erinnerte Syd sich. Sie hatte das alles wahrscheinlich noch nie getan. Es war fast wie eine exotische Welt für sie.

Was wieder zu der Frage zurückführte, warum sie dann überhaupt hier war.

»Kaffee«, sagte Debra in diesem Moment, als ob der Gedanke lange in ihrem Gehirn herumgelaufen wäre und jetzt erst den Ausgang gefunden hätte. »Die Kaffeemaschine macht heißes Wasser. Willst du einen Kaffee jetzt nach dem Essen?«

Syd lachte. »Wir können uns ja gleich nach dem Spülen ins Wohnzimmer rübersetzen. Habe ich da nicht einen Ölofen gesehen? Langsam wird es kalt hier im Haus.«

»Der Ölofen . . .«, Debra räusperte sich, »funktioniert auch nicht richtig. Er setzt nur alles unter Rauch.«

»Dann sollte ich mir vielleicht eine Liste machen«, schmunzelte Syd. »Zuerst den Boiler für dein Bad reparieren, dann den Ofen im Wohnzimmer . . .«

»Nein«, sagte Debra und legte eine Hand auf ihren Arm. »Zuallererst dein Zimmer und dein Bad. Ich würde sagen, damit sind wir am schnellsten fertig.« Sie sah Syd tief in die Augen, sobald die ihren Blick auf sie richtete. »Und da du die meiste Arbeit haben wirst im Rest des Hauses, wäre es nur fair, wenn du dann wenigstens ein ordentlich renoviertes Zimmer hast, in dem du dich nachts ausruhen kannst.«

Syd war schwer zusammengezuckt, als Debra sie plötzlich berührte, aber es gelang ihr, das nicht zu zeigen, weil sie die Hände gerade im Wasser gehabt hatte. Doch der Blick, den Debra ihr nun schenkte, zog sie wie in einen tiefen Brunnen hinein, in dem sie rettungslos verloren war.

»Wir?« war alles, was sie hervorbringen konnte, ohne zu krächzen. »Du willst mitmachen?«

»Vielleicht beim Anstreichen und solchen Sachen«, sagte Debra, nahm den zweiten Teller und trocknete ihn ab.

Syd war froh, dass nun der Teller gestreichelt wurde und nicht mehr sie.

»Wenn du mir zeigst, wie das geht«, ergänzte Debra und stellte den Teller auf dem Tisch ab. »Denn davon habe ich genauso wenig Ahnung wie von Wasserboilern.«

Sie lächelte so charmant, dass Syd fast im Boden versunken wäre. Hastig griff sie nach dem Topf mit dem Wasser, das mittlerweile fast kochte, und goss das Wasser in die Spüle. Nicht verbrennen! dachte sie dabei. Jetzt bloß nicht verbrennen! Ihre Hände zitterten ein wenig.

»Anstreichen ist keine große Kunst«, bemerkte sie beiläufig und machte sich jetzt an die Pfannen, versuchte, jeden Blickkontakt mit Debra zu vermeiden. Sonstigen Kontakt sowieso. »Hast du Pinsel und Farbe?«

Bedauernd schüttelte Debra den Kopf. »Ich habe gar nichts«, sagte sie, und es klang wie eine Insolvenzerklärung. »Müssen wir alles erst kaufen.«

»Dann machen wir das morgen als Allererstes«, entschied Syd. »Und jetzt schaue ich mal«, sie stellte die letzte Pfanne in das Abtropfgitter, »ob ich diesen Ofen nicht davon überzeugt kriege, nicht zu rauchen. Ist sowieso schädlich für die Gesundheit. Vielleicht begreift er das.« Und mit einem großen Schritt stürmte sie fast an Debra vorbei in das nächste Zimmer. »Wenn du willst, kannst du ja Kaffee machen«, rief sie über die Schulter zurück.

Debra lachte. »Das ist glaube ich auch das Einzige, was ich tatsächlich kann«, meinte sie selbstironisch.

9

Die Kaffeemaschine stellte tatsächlich kein Problem dar und war von Anfang an fast so etwas wie ein Trost für Debra gewesen. Wenigstens eine Sache, die funktionierte . . . Heißes Wasser!

Es war schon erstaunlich, mit wie wenig man sich zufriedengeben konnte. Wie wenig einen fast glücklich machen konnte. Bedeutungslose Dinge, die sie sonst gar nicht beachtet hatte.

Angela Danz: Liebe war nicht eingeplant

1 Die Strahlen der untergehenden Sonne ließen die schmutzigen Fenster noch undurchsichtiger...
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