Aber es waren nicht allein die Dinge. Es war auch Syds Gegenwart. Sie strahlte so viel Stärke aus, wusste immer, was zu tun war, hatte Selbstvertrauen in ihre handwerklichen Fähigkeiten, in ihre taucherischen Fähigkeiten, konnte kochen . . .

Wie wenig Bedeutung hatte sie all diesen Fähigkeiten bisher beigemessen? Es hatte sie nicht berührt. Reparaturen wurden von Angestellten durchgeführt oder von einer Firma, die man dafür engagierte und bezahlte. Kochen? Das tat die Köchin zu Hause in Greenwich oder der Koch in einem Restaurant, den man nie sah. Alles wurde fertig auf den Tisch gestellt. Und Tauchen – das war sowieso nie etwas gewesen, das sie interessiert hatte.

Vielleicht auch deshalb, weil sie nie jemanden gekannt hatte, der tauchte. An der Westküste taten das wahrscheinlich viele Leute. In Kalifornien surften alle, schnorchelten alle und viele tauchten sicher auch tiefer. Aber an der Ostküste, an der kalten Küste Neuenglands, segelte man höchstens. Wenn nicht gerade Sturm war.

Sie hatte nie eine besondere Beziehung zu Wasser gehabt. Außer in der Badewanne. Wasser war zum Waschen da oder vielleicht, um sich einen Whiskey zu verdünnen, vielleicht auch mal, um den Durst zu löschen an heißen Tagen, wenn es nichts anderes zu trinken gab. Aber mehr war da nicht.

Sie hatte Schwimmen gelernt als Kind. In der Schule, denn keiner ihrer Elternteile hatte sich darum gekümmert. Und obwohl da noch mehr Verwandte sein mussten, hatte sie sie nie kennengelernt. Außer ihrer Großmutter hier, die ihr das Haus vermacht hatte.

In den Sommerferien hatte sie hier auch einmal die Füße ins Wasser gesteckt, aber selbst da war es zu kalt gewesen, um am Strand zu baden oder im offenen Meer schwimmen zu gehen. Außerdem hatte sowieso niemand gewollt, dass Debra das tat, denn da konnte zu viel passieren. Ihre einzigen Schwimmerfahrungen hatte sie in Swimmingpools gesammelt.

Vielleicht hatte sie deshalb nie große Begeisterung dafür entwickeln können. Ihre Mutter hatte zwar immer darauf geachtet, dass sie in einem Badeanzug oder Bikini gut aussah, aber ob sie je wirklich ins Wasser gegangen war, das wusste Debra noch nicht einmal. Sie konnte sich nicht erinnern. Wahrscheinlich hätte das das Make-up verwischt. Davor hätte ihre Mutter Angst gehabt.

Aber dann hatte sie ihren Vater und Debra sowieso verlassen. Sie hatte Debras Vater zu langweilig gefunden. Obwohl er ein herzensguter Mensch war. Aber das hatte Jennifer McFadden nicht interessiert.

Und ihr eigenes Kind auch nicht. Kurz nach ihrem zehnten Geburtstag hatte Debra von der Scheidung ihrer Eltern erfahren, als sie zu den Weihnachtsferien aus dem Internat, das sie seit ihrem sechsten Lebensjahr besuchte, weil ihre Mutter sie wohl hatte aus ihrer Nähe haben wollen, nach Hause gekommen war. Da war ihre Mutter schon nicht mehr da. Und kam auch nicht, um mit ihnen zu feiern oder wenigstens ein Geschenk vorbeizubringen.

Debras Vater hatte das mit noch mehr Geschenken auszugleichen versucht, aber für Debra war nur Unverständnis geblieben. Niemand hatte ihr etwas erklärt. Sie war ja noch ein Kind.

Ihre Großmutter hatte es ihr dann in den Sommerferien versucht zu erklären. Interessanterweise war sie Debras Großmutter mütterlicherseits, die Eltern ihres Vaters waren tot. Aber sie verstand ihre eigene Tochter wohl auch nicht.

Jennifer sei schon immer so gewesen, hatte sie mit bekümmertem Gesichtsausdruck zu Debra gesagt. Nie zufrieden, immer auf Geld aus. Und auf Männer. Reiche Männer.

Den Reichtum von Debras Vater hatte sie wohl überschätzt. Er war zwar wohlhabend, gehörte aber absolut nicht in die Kategorie der vielfachen Millionäre oder heutzutage vielleicht sogar Milliardäre, die Jennifer wohl anvisiert hatte, um ihr ein sorgenfreies Leben zu garantieren.

Nicht dass sie irgendwelche Sorgen gehabt hätten bis vor ein paar Monaten . . . Debra seufzte. Aber auch das hatte ihre Mutter wohl anders gesehen.

Was für ein Unterschied zu einer Frau wie Syd. Obwohl Debra nichts über ihre Familie wusste, stellte sie sich vor, dass es eine liebevolle Familie war. Eine Familie, in der Geld keine Rolle spielte.

Nicht deshalb, weil sie so viel davon hatten, sondern deshalb, weil sie vielleicht sogar nur wenig davon hatten – darauf wies zumindest Syds uralter Truck mit Ersatzteilen vom Schrottplatz hin –, das aber für sie genug war. Weil es andere Dinge gab, die wichtiger waren als Geld.

Tauchen war Syd wichtig. Sicherlich verdiente sie auch ihr Geld damit, aber so sehnsüchtig, fast wehmütig, wie ihre Stimme geklungen hatte, als sie darüber sprach, dass sie gar nicht wüsste, was sie machen würde, wenn sie nicht mehr tauchen könnte, ging es da für sie um viel mehr.

Debra dachte an all die Frauen, die sie gekannt hatte. Mehr oder weniger intim. Frauen aus ihren Kreisen. Frauen, mit denen sie geschlafen hatte, aber auch Frauen, mit denen sie nur Bridge gespielt hatte oder Tennis. Mit denen sie shoppen gegangen war.

Shoppen – du meine Güte! Was für eine überflüssige Beschäftigung! Einkaufen, ja, das musste man. Lebensmittel und, sie musste lächeln, Pinsel und Farbe, wenn man anstreichen wollte. Aber shoppen? Shoppen musste niemand. Das war nur eine Beschäftigung für Frauen, die sonst nichts zu tun hatten. Die ein Leben führten, in dem der Sinn fehlte.

Sinn. Der Sinn. Sie sah der braunen Flüssigkeit zu, die jetzt durch die Kaffeemaschine in die Kanne lief und leicht dampfte.

Syd hatte bestimmt einen Sinn in ihrem Leben. Sie wollte das Leben früherer Generationen verstehen. Das Leben von Menschen, die längst tot waren.

Bis vor Kurzem wäre Debra nie auf den Gedanken gekommen, sich dafür zu interessieren. Tot war tot, vorbei war vorbei. Man musste nach vorn schauen. Oder den heutigen Tag planen und durchziehen, Ausstellungen organisieren, Tennis spielen, Termine beim Friseur einhalten . . .

Wie unwichtig erschien ihr das auf einmal alles. Nichts davon hatte eine größere Bedeutung als Shoppen. Also gar keine.

Sie nahm zwei Becher heraus und lächelte. Langsam wusste sie, wo alles in dieser kleinen Küche war. Auch dafür hatte Syd gesorgt.

Wofür konnte sie noch alles sorgen? Selbst Wände anzustreichen. Auch eine Idee, auf die Debra von allein nie gekommen wäre.

Zwei Becher, Milch und Zucker – das konnte sie nicht alles tragen. Sie runzelte kurz die Stirn. Wie hatte das Belinda immer gemacht? Ein Tablett.

Hatte ihre Großmutter ein Tablett gehabt? Sie konnte sich nicht erinnern. Aber ein großer Teller würde es bestimmt auch tun.

Sie nahm einen der Teller, die sie zuvor abgetrocknet hatte, stellte alles darauf und ging ins Wohnzimmer hinüber.

10

Syd schätzte sich fast glücklich, dass sie etwas mit ihren Händen machen konnte. Einmal, um das Zittern loszuwerden – eine Reaktion, die sie sonst nicht kannte – und zum anderen, damit sie nicht darüber nachdenken musste, was diese Hände eventuell sonst noch tun könnten. Zum Beispiel Debras Po streicheln . . .

Sie fühlte sofort, wie sehr sie der Gedanke erregte. Ja, sie hätte gern mit Debra geschlafen. Wild und heiß. Wäre gern mit ihren Fingern durch ihr seidenweiches Haar gefahren. Hätte ihren Körper erkundet . . . diesen süßen kleinen zierlichen Körper, der so verführerisch war, so verlockend.

Aber das stand jetzt einfach nicht zur Debatte. Debra war das Ziel einer Untersuchung. Syds Untersuchung. Einer Ermittlung, die so ähnlich ablief wie die Detektivarbeit, die man manchmal in gesunkenen Schiffen verrichten musste, um herauszufinden, was wirklich geschehen war. Was verloren war und was übriggeblieben. Was bewahrt werden konnte und was sich dafür nicht eignete. Nicht alles konnte man in Vitrinen stellen, aus dem einen oder anderen Grund.

Angela Danz: Liebe war nicht eingeplant

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