1

Das nächste Schiff fährt in drei Wochen, gnädige Frau.«

Henrike starrte den Mann an. Drei Wochen? Aber das musste doch ein Missverständnis sein. Die stickige Luft im Fahrkartenbüro raubte ihr plötzlich den Atem. Sie klammerte sich an die blankpolierte Mahagoniplatte des Schalters . . . Es so weit geschafft zu haben, nur um zu scheitern!

»Nein«, flüsterte sie.

»Ich befürchte doch, gnädige Frau.« Der junge Angestellte nickte nachsichtig. »Die Gertrud Woermann ist gerade vor drei Tagen ausgelaufen.«

»Vor drei Tagen! Aber ich war mir ganz sicher, dass . . .« Henrikes Knie wurden weich. Wie konnte sie sich nur im Datum getäuscht haben? Oder hatte die Woermann-Linie ihren Fahrplan geändert? Wäre sie bloß schon früher weggelaufen!

Hilfesuchend sah sie sich in dem kleinen Büro um, in dem ihr über der dunklen Wandverkleidung Bilder von Woermann-Dampfern und europäischen Städten entgegenstarrten, und versuchte, sich zu sammeln. Es blieb ihr wohl nichts anderes übrig, als für mehr als ein paar Tage in Swakopmund zu bleiben.

»Aber es muss doch davor noch ein Schiff nach Deutschland gehen!«

Der massive Schnurrbart des Angestellten bebte, als er versuchte, ein Lächeln zu verbergen. »Nicht für Zivilisten, gnädige Frau, und die Schutztruppenschiffe werden Ihnen nichts nützen, befürchte ich.« Nach einer kurzen Pause hob er fragend die Augenbrauen. »Möchten Sie eine Kabine für die nächste Fahrt der Gertrud Woermann buchen?«

Zutiefst erschüttert blickte Henrike auf die staubige Palme im Tontopf, den einzigen Klecks Farbe im Schalterbüro. Sie hatte die vierhundert Mark für eine Fahrkarte zweiter Klasse nicht. Nicht im Entferntesten. Es lag außerhalb ihrer Möglichkeiten, für ihre Heimfahrt mit Geld zu bezahlen.

Deshalb hatte sie gehofft, nein, damit gerechnet, dass sie sich als Zimmermädchen oder Küchenhilfe verdingen konnte. Oder sich die Überfahrt mit sonst irgendeiner weiblichen Tätigkeit verdienen.

Wie von ganz weit her drang die Stimme des Angestellten durch die dicke Luft, irgendetwas über Fahrkarten und Kabinenreservierungen. Aber das nützte ihr alles nichts. Es nützte nichts.

»Nein. Nein, danke.« Es fiel ihr schwer, ihren Gesichtsausdruck zu beherrschen, aber sie nickte ihm dennoch zu.

»Vielleicht überlegen Sie es sich ja noch.« Er lächelte. »Bis in drei Wochen ist ja noch viel Zeit.«

Oh Gott! Fast wäre Henrike in Ohnmacht gefallen. Das Korsett war so eng und schnürte ihr schon normalerweise die Luft ab. Unter diesen Umständen jedoch, jetzt, wo ihr Herz raste . . .

Sie versuchte, flach zu atmen. Dieser Mann hatte keine Ahnung, dass er soeben ein Fallbeil über ihr ausgelöst hatte. Es war nur ein Zufall, dass ihr Kopf immer noch auf den Schultern saß.

Sich auf ihre Schritte konzentrierend ging sie langsam zur Tür zurück, ohne den freundlich lächelnden Angestellten, der nichts davon ahnte, was er angerichtet hatte, noch einmal anzusehen.

Sie trat auf die Straße hinaus, die nur aus Sand bestand, über den hier vor dem Haus eine Art Holzpodest als Bürgersteig gebaut worden war, und wurde fast von der Sonne erschlagen. Auch im Schalterbüro war es nicht unbedingt kühl gewesen, aber hier draußen merkte man wirklich, dass man in Afrika war. In Südwestafrika. Deutsch-Südwest.

Jetzt, wo sich der Morgennebel gelichtet hatte, sengte grelles Sonnenlicht auf die Ansammlung barackenartiger Holzhäuser an der Bucht herab. Hier, ein Stück vom Strand entfernt, gab es auch Steinhäuser, zum Teil recht groß und stattlich wie beispielsweise der Bahnhof, an dem sie angekommen war, und auch einige andere.

Solche Häuser hätte man fast auch in Berlin finden können. Oder in Hamburg, wie das Woermann-Haus mit seinem Turm und seinen zwei Giebeln. Sie hatte gehört, es wäre dem Woermann-Hauptsitz in Hamburg nachempfunden. Nur hätten all diese Häuser dort nicht so einsam am Straßenrand gestanden, ständig von kleinen Sandwirbeln in Dunst gehüllt.

Am östlichen Horizont erhoben sich die kargen Berge, durch die Henrike erst am vorherigen Tag gereist war, und pressten die Ausläufer an den Rand der leeren Namibwüste und des Atlantiks. Eine Reihe von Telefon- und Telegrafenmasten verlor sich in der Ferne.

War das alles, konnte sie nicht weiter flüchten? Und würde dies nicht der erste Ort sein, an dem er sie suchen kam?

Die Gedanken an Friedrich-Wilhelm trieben sie weiter. Sie zog sich Hut und Schleier tiefer über die Stirn und eilte den Bretterweg entlang, unsicher, wohin sie nun gehen sollte.

Der mühsam aufgeschichtete Steinhügel der Mole zeigte ins Meer hinaus, und der lange Holzfinger der Jetty mit dem Leuchtturm darüber lockte Schiffen, die zu spät für sie ankommen würden.

Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Drei Wochen! Das war wie eine Ewigkeit. Und sie saß hier fest wie im Gefängnis.

Auf jeden Fall brauchte sie jetzt eine Unterkunft. Das allein würde wahrscheinlich schon den Rest ihrer mageren Geldvorräte aufzehren.

Wie es danach weitergehen sollte, wusste sie nicht.

Der Wind vom Meer trieb ihr den Sand in die Augen.

Nur deshalb tränten sie wahrscheinlich.

2

Ida blickte in den Himmel. Blau wie immer. Kein Wölkchen zu sehen. Aber was hatte sie auch anderes erwartet?

Hier in Kolmannskuppe war der Himmel immer blau. Regen gab es nicht, nur heißen Wind, Sand und Staub.

»Na, was gibt’s denn heute zu essen, Ida?«, rief ihr ein bärtiger Mann zu, den man, abgerissen, wie er aussah, nicht für einen der einflussreichsten Honoratioren der Stadt gehalten hätte, als er nun durch den Sand stapfte.

»Austern, dachte ich«, rief Ida zurück. »Und Kaviar vielleicht? Möglicherweise fängt ja auch noch jemand einen Hummer.«

Er lachte. »Ja, ja, schon gut. Was frage ich auch so dumm?«

Ida lachte auch. Sie verstand ihn ja. Sie alle hier sehnten sich nach frischem Essen, nicht nur nach Konserven und Gepökeltem, garniert mit Sandfliegen. »Wenn demnächst der Treck aus Lüderitzbucht kommt, haben wir ja vielleicht Glück, und sie bringen so was mit, Konrad«, versuchte sie, ihn zu trösten.

»Der Hummer ist aber dann schon gekocht, wenn sie den auf der heißen Spur mitgebracht haben«, bemerkte Konrad mit trockenem Humor.

Sie winkte ihm zu. »Muss an die Arbeit. Sonst gibt’s gar nichts zu essen.«

Hurtig begab sie sich ins Haus hinein. Frisches Essen gab es in Lüderitzbucht vielleicht besseres, jeden Tag frischen Fisch aus dem Meer, aber so ein Haus wie dieses hier gab es dort auch nicht alle Tage. Auch wenn sie hier in Kolmannskuppe halb aus der Welt waren, aber hier war die erste Badewanne in ganz Südwest hergebracht worden, und die Häuser waren prächtiger als viele in Windhuk.

Zwar musste man ständig gegen den Sand ankämpfen, aber auf ihren eisernen Herd war sie genauso stolz, als hätte er in einem Palast gestanden. Ihr Haus war aus festen Ziegeln gemauert und trotzte jedem Sandsturm.

»Wie weit seid ihr, Mädchen?« Mit fragendem Blick trat sie in die Küche, in der einige schwarze Frauen mit den Vorbereitungen fürs Mittagessen beschäftigt waren.

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