Es fiel ihr sehr schwer, überhaupt über ein solches Thema zu reden – keine anständige Frau tat das, würde auch nur daran denken, höchstens Männer konnten sich das erlauben, und das auch nur in Gegenwart anderer Männer oder eben solcher . . . Damen wie dieser hier –, aber es musste wohl sein.

Nachdem sie in diese Situation geraten war, ohne richtig zu wissen, wie. Während der Nacht war sie noch gar nicht sicher gewesen, was sie tun sollte, aber als dann der Morgen graute, hatte sie auf einmal die Angst überfallen, dass sie in Swakopmund viel zu leicht gefunden werden konnte. Also hatte sie sich angezogen und war zum Hafen gegangen.

»Und wie wollen Sie die Fahrt dann bezahlen?«, fragte Frau Vogt mit dem hinterhältigsten Gesichtsausdruck, den sie sich in diesem Augenblick ihrer Seekrankheit abringen konnte.

Henrike hielt sich an der Reling fest. Sie brauchte ein stabiles Gleichgewicht, um solch ein Gespräch zu führen. »Etwas Geld habe ich noch. Fünfzehn Mark sollten alles begleichen, denke ich.«

Sie zwang sich, eine Ruhe und Überzeugung auszustrahlen, die sie nicht fühlte. Aber was konnte diese Frau ihr eigentlich anhaben? Sie würde sie wohl kaum zum Bezirksamtsmann in Lüderitzbucht zerren und verlangen, dass sie in dem – sie musste darüber nachdenken, wie man so etwas überhaupt nannte – Freudenhaus war wohl der Ausdruck, das hatte sie jedenfalls schon mal hinter vorgehaltener Hand gehört, arbeitete, und das war vermutlich das, was Frau Vogt dort aufmachen wollte.

Die beiden Rougeflecken schossen in die Höhe, als Frau Vogt nun doch die niederdrückenden Nebenwirkungen ihrer Seekrankheit überwand und lachte. »Meine Liebe, selbst vor dem Diamantenrausch hätte das kaum für die Hälfte der Strecke gereicht! Und jetzt, wo auch noch der letzte Waschzuber zu Wasser gelassen wird, um zu den Diamantenfeldern zu gelangen, reden wir vom Dreifachen der Kosten!« Sie rückte ihren Hut zurecht und beugte sich vor. »Machen Sie sich keine Sorgen. Ich nehme an, Sie haben noch nie gearbeitet?«

»Ich bin verheiratet«, erwiderte Henrike steif, denn durch Frau Vogts Frage wurde sie an etwas erinnert, an das sie nicht gern erinnert werden wollte. »Verheiratete Frauen arbeiten nicht.«

»Natürlich nicht.« Frau Vogt nickte. Anscheinend lenkte das Gespräch mit Henrike sie so sehr von der Übelkeit ab, die ihr die Fahrt verursachte, dass ihre Wangen unter dem Rouge ein wenig an Blässe verloren. »Immer mit der Ruhe, Frau Störtebeker, ich verstehe Ihre Gefühle bezüglich dieser . . . Dinge. Als ich Sie gestern traf, habe ich Sie nicht für eine Sekunde für ein erfahrenes Mädchen gehalten.«

Henrike klammerte sich an die Reling und starrte die Frau an, konnte es fast nicht glauben, dass sie auf einem eingenebelten Schiff im Südatlantik stand und ihre Ehre mit einer Prostituierten diskutierte. Eine Möwe schrie, als sie über sie hinwegflog.

»Aber ich dachte mir gleich, dass Ihre sterbende Mutter nicht der Hauptgrund war, weshalb Sie Swakopmund verlassen wollten«, fuhr Frau Vogt gleich fort, ohne offenbar eine Antwort von Henrike zu erwarten. »Bitte hören Sie mir zu«, ein ungeduldiges Abwinken mit den behandschuhten Fingern, »ich habe kein Interesse an Ihren Geheimnissen. Wir werden etwas arrangieren, genau wie ich mit den anderen Mädchen –«

»Sie müssen völlig von Sinnen sein«, unterbrach Henrike sie empört. »Ich bin klassisch ausgebildete Pianistin und werde mir Arbeit als Klavierspielerin suchen! Wenn Sie auch nur für einen Moment denken, dass ich –«

»Pianistin?« Unerwartetes Interesse blitzte in Frau Vogts Augen auf. »Sie können Klavier spielen?«

»Allerdings!« Wenn Henrike auf eins stolz war, dann auf das. Auch wenn das in diesem Land wohl keine Bedeutung hatte. Jedenfalls nicht dieselbe wie in Europa. Und auch da . . . »Die bloße Vorstellung, dass ich –«

»Oh, aber das ist perfekt!« Frau Vogt legte ihre Hand auf Henrikes Arm. Ihre Augen glänzten vor Aufregung. »Wenn das stimmt, könnten wir uns einigen, dass Sie in meinem Etablissement Musik machen – nur Musik, verstehen Sie? Das würde eine hochkultivierte Atmosphäre für unsere Klientel schaffen.«

»Klavier spielen? In einem Sündenhaus?« Henrike trat einen Schritt zurück. Hatte die Frau den Verstand verloren?

Frau Vogts Mundwinkel verzogen sich nach unten. »Sie sollten für diese Gelegenheit dankbar sein.« Dann wanderten ihre Mundwinkel wieder nach oben. »Was wollen Sie denn sonst in Lüderitzbucht oder Kolmannskuppe machen?«, fuhr sie sanfter mit überredender Stimme fort. »Dort gibt es nicht viele Möglichkeiten für eine alleinstehende Frau, Geld zu verdienen. Außer eben . . .« Sie ließ das Ende des Satzes offen, da das ja sowieso klar war.

»Das werde ich auf keinen Fall tun!«, entgegnete Henrike entschieden.

Frau Vogt zuckte die Achseln. »Ich habe Ihnen ja eine Alternative angeboten.« Sie hob die Augenbrauen. »Wie wollen Sie sonst Ihre Schulden bei mir begleichen? Ich habe Ihre Fahrt bezahlt. Und glauben Sie mir«, sie beugte sich vor, »ich bekomme immer das, wofür ich bezahlt habe.«

Ihre Augen hatten einen harten Schimmer, der Henrike die Glaubwürdigkeit dieser Aussage nicht anzweifeln ließ. Aber was sollte sie machen? Die See war rau, Wellen wogten auf und ab, und genauso fühlte Henrike sich in ihrem Inneren. Wenn die Fahrt nach Lüderitzbucht ein Mehrfaches von dem kosten sollte, was sie noch besaß, war es völlig aussichtslos, nach einem Ausweg suchen zu wollen. Es gab keinen.

Seit sie aus Windhuk geflohen war, hatte die Aussichtslosigkeit ihrer Situation ständig zugenommen, aber sie wollte sich nicht so leicht geschlagen geben.

»Hier«, sagte sie. Ihre Finger zitterten so sehr vor Zorn, dass sie sie kaum kontrollieren konnte, als sie in den Taschen ihrer Jacke nach der kleinen Geldbörse grub. Sie öffnete die Seidenbörse und zog ihre verbleibenden Geldscheine heraus. »Das ist meine Anzahlung, um meine Schulden zu begleichen.«

Sie hielt Frau Vogt das Geld hin, schob es ihr in die Hand, als sie es nicht nahm. »Und den Rest werde ich Ihnen geben, sobald ich Arbeit gefunden habe. Anständige Arbeit.«

Sich an der Reling festhaltend drehte sie sich um und stolperte mit so viel Würde, wie sie aufbringen konnte, an den Ochsen vorbei über Deck, bis sie so weit wie möglich von Frau Vogt entfernt auf das Meer blicken konnte.

Die Weite beruhigte sie nur wenig, aber dennoch fühlte sie sich dadurch besser. Es lagen Möglichkeiten da draußen. Es musste sie geben!

Sie musste sie nur finden.

5

So sehr sie sich davor fürchtete, völlig mittellos in Lüderitzbucht anzukommen, war Henrike doch erleichtert, als der endlose leere braune Streifen der Küste schließlich eine felsige Bucht umschloss, in der sich Häuser drängten.

Nach tagelangem engem Zusammenleben mit Bergarbeitern und Prostituierten auf dem nebligen Meer und unruhigen Nächten voller Albträume von Friedrich-Wilhelm erschien ihr die einsame Gruppe der Häuser in der Lüderitzbucht wie das Paradies.

Langsam fuhren sie in die Bucht hinein. Der Kapitän manövrierte das Schiff geschickt in den Hafen. Die Häuser waren jetzt nah genug, dass man Einzelheiten ausmachen konnte.

Anne Wall: Diamantenküste

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