Die Gebäude waren sehr modern, da sie erst in den letzten Jahren in der eleganten Architektur des Jugendstils gebaut worden waren. Fenster glitzerten wie Spiegel in der Sonne, und die Luft war so klar, dass Henrike das Gefühl hatte, nur die Hand ausstrecken zu müssen, um die Gebäude zu berühren.

Aber am Rand der Stadt und in der Ferne war die Wüste allgegenwärtig: rastloser Sand, der sich in Dünen verschob und bereit war, diesen winzigen Vorposten der Menschen im nächsten Moment zu verschlingen.

Auf einmal wurde sie von Männern zur Seite geschoben, die an ihr Hab und Gut gelangen wollten. Einer der Ochsen brüllte, und ein paar der Matrosen stimmten ein unflätiges Lied an.

Das alles störte Henrike jedoch nicht, sie nahm es kaum wahr. Ein erleichtertes Gefühl breitete sich in ihr aus. Wie eng die Bucht auch immer war, aber für Henrike bedeutete sie genau den Hauch von Freiheit, nach dem sie sich gesehnt hatte.

Die Blicke hoffnungsvoll auf den Hafen von Lüderitzbucht gerichtet bemerkte sie gar nicht, wie Frau Vogt neben sie trat.

»Was glauben Sie, was Sie in einem gottverlassenen Nest wie diesem hier machen können? Um Geld zu verdienen?«, fragte sie. »Als Frau?«

Jetzt, da die Ankunft immer näher kam und die Wellen im Hafen das Schiff ruhiger als draußen auf See bewegten, schien ihre Seekrankheit verschwunden. Sie wirkte nicht mehr blass unter dem Rouge, sondern im Gegenteil freudig erregt.

»Glauben Sie mir, niemand engagiert hier eine Frau fürs Klavierspielen.« Ihre Mundwinkel hoben sich süffisant. »Außer mir.«

»Das werden wir sehen«, erwiderte Henrike. Ruhig sah sie Frau Vogt an. »Sie bekommen Ihr Geld schon, keine Angst.«

»Oh, ich habe keine Angst.« Frau Vogt lachte leicht, als ob sie sich köstlich darüber amüsieren würde, was Henrike gesagt hatte. »Sie werden auf die eine oder andere Art bezahlen. Da bin ich mir sicher.« Kurz ließ sie ihren Blick an Henrikes Gestalt auf und ab wandern. »Ja, da bin ich mir absolut sicher«, wiederholte sie fast schmunzelnd, drehte sich dann um und sammelte ihre Mädchen zusammen, um mit ihnen gemeinsam das Schiff zu verlassen.

Henrike ließ zuerst einmal alle anderen aussteigen. So, wie sie drängelten, hätte sie sich dazwischen fast erdrückt gefühlt. Alle schienen nicht schnell genug an Land kommen zu können. Die Diamantensucher hatten wohl das Gefühl, sie würden gleich hier im Hafen die ersten Diamanten finden, so suchend blickten sie sich um.

Zwei Seehunde tauchten neben einem nach Fisch riechenden Boot auf und nieder, wo der morgendliche Fang unter den Kommentaren der schreienden Möwen entladen wurde. Für ein gottverlassenes Nest war hier ganz schön viel los am frühen Morgen.

Endlich stolperte sie die Bootsrampe hinunter, bei jedem schwankenden Schritt von ihrer Reisetasche gebeutelt. Es schien unmöglich, gerade zu gehen – ihre Knie beugten sich automatisch, um Wellen auszubalancieren, die nicht mehr existierten. Es erinnerte sie an die Reise übers Meer, die sie von Hamburg hierhergebracht hatte. Hätte sie diese Reise doch nie gemacht . . .

Doch nun war sie hier, und diesmal war sie allein. Was sie vor noch gar nicht so langer Zeit wahrscheinlich ziemlich erschreckt hätte, doch in Anbetracht der Alternative erschreckte sie es nun weniger. Auch wenn sie nicht wusste, wie es weitergehen sollte. Dennoch versuchte sie, Selbstsicherheit auszustrahlen, als sie auf das Dock trat.

Die paar restlichen Münzen in ihrer Tasche würden für kein Hotelzimmer reichen. Sie musste sofort Arbeit finden. Sinnierend blieb sie stehen und setzte die Tasche, die schwer an ihrem Arm zog, ab.

Am besten wäre es, mit dem Bezirksamtsmann zu reden, der für die Region verantwortlich war – aber was, wenn Friedrich-Wilhelm Erkundigungen einzog? Einen Moment lang zögerte sie, unsicher, was sie tun sollte.

Schwarze Arbeiter, gebeugt unter dem Gewicht von Kisten mit Lebensmitteln und Vorräten, mühten sich entlang des Docks ab, während die Glücksritter an Henrike vorbeieilten, jeder mit seinen Habseligkeiten an sich gepresst. Alle waren darauf aus, so schnell wie möglich zu den Diamantenfeldern zu kommen. Es fühlte sich an, als wäre sie der einzige Mensch im ganzen Hafen, der langsam ging, als sie nun ihre Tasche wieder aufnahm.

»Sie können immer noch mit mir kommen, meine Schöne!«, rief der blonde Mann, der sie schon auf dem Schiff angesprochen hatte, als er von seinen Freunden an Henrike vorbeigedrängt wurde. »Kommen Sie mit mir – ich gehe mich gleich bei der Deutschen-Diamanten-Gesellschaft anmelden!«

Frau Vogt und ihre Mädchen waren bereits verschwunden. Wenigstens etwas, für das Henrike dankbar sein konnte. Sie schüttelte ihren Kopf über den Mann, wehrte sich dagegen, von dem Gemisch aus Angst und Erwartung überwältigt zu werden, das nun doch in ihr brodelte.

Als eine Windböe vom Meer her auffrischte, drückte sie ihren Hut fester auf die Haare nieder. Jeder konnte es in diesem Ort zu etwas bringen, davon musste sie sich jetzt selbst überzeugen. Sie hielt sich an dem Gedanken fest, als sie sich von der Menschenflut mitreißen ließ.

Der Hafen war mit Ochsenkarren, Eselswagen und Leuten verstopft, die einander in verschiedenen Sprachen Verständliches und Unverständliches zuriefen. Mehrere Schiffe entluden ihre Fracht bestehend aus Diamantensuchern, schwarzen Arbeitern und Bergen von Versorgungsgütern, und verschlagen aussehende Gestalten folgten der Masse wie Hyänen, zweifelsohne erpicht darauf, sich leichtgläubige und törichte Opfer zu suchen.

Henrike stolperte, als jemand sie von hinten anstieß. Sofort umklammerte sie den Griff ihrer Reisetasche fester. Ein schwitzender schwarzer Mann, der rückwärtsging und dabei als einer von mehreren ein Klavier schleppte, war auf ihre Ferse getreten.

Ein Klavier! Henrikes Herz wurde leicht. Wo es Musik gab, war auch Hoffnung. Ohne dass sie es verhindern konnte, überzog ein Lächeln ihr Gesicht.

»Entschuldigen Sie, können Sie mir sagen, wem dieses Piano gehört?«, fragte sie den Arbeiter, der notgedrungen hatte stehenbleiben müssen.

Der andere schwarze Arbeiter, der das hintere Ende des Klaviers trug, schüttelte seinen Kopf und bedeutete seinem Kollegen, weiterzugehen. Zwischen den beiden Männern wackelnd bewegte sich das Piano an Henrike vorbei.

»Bitte warten Sie!«, rief sie und begann, neben den beiden herzulaufen. »Wohin bringen Sie es?«

»Kolmannskuppe«, sagte der erste, der über sie gestolpert war. Seine weißen Zähne blitzten.

»Wessen Piano ist es denn?«, fragte sie wieder, als die Männer neben einem Ochsenkarren anhielten.

»Familie Gersdorff«, sagte der zweite Arbeiter, zog seinen Hut vom Kopf und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Danke.« Henrike stand da und überlegte. Lüderitzbucht erschien ihr schon wie das Ende der Welt, aber Kolmannskuppe? Das war noch weiter entfernt von der Zivilisation, wie sie sie kannte. Und dennoch war jetzt ein Klavier auf dem Weg dahin. Da musste sich doch etwas machen lassen . . .

Nervös beobachtete sie, wie das Klavier für einen prekären Moment auf der Wagenkante schwankte. Einer der Männer sprang auf den wackeligen Karren und zog. Sie sah, wie die Muskeln an seinen Armen kurz wie Seile hervorstanden, staubig von Wüstensand, und im Nu war das Instrument sicher an der Wagenbank festgezurrt. Eine ganze Anzahl von Holzkisten war bereits an den Seiten der Plattform gesichert, über der ein Leinwanddach im Wind flatterte.

Anne Wall: Diamantenküste

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