Mit einer Kantine für die Diamantensucher in einem Zelt hatte sie angefangen, und nun hatte sie das hier. Sie konnte schon stolz auf sich sein. Ein solides Gebäude, in dem nicht mehr nur die Diamantensucher aßen, die immer noch den Hauptteil der Einwohner ausmachten.

Deshalb kamen sie her, und wenn sie keinen Erfolg hatten, zogen sie wieder ab. Aber dann kamen neue. Und einige Leute hatten sich mittlerweile auch fest hier angesiedelt. Geschäftsleute vor allen Dingen. Wie Ida.

Allerdings waren Frauen hier immer noch Mangelware. Weiße Frauen gab es so gut wie gar nicht, die meisten Diamantensucher waren nicht verheiratet, nur Geschäftsleute wie Konrad, und auch schwarze Frauen fanden nur selten den Weg hierher. Ihre Helferinnen für die Küche hatte Ida selbst aus dem Kral holen müssen, indem sie ihnen das Blaue vom Himmel herunter versprochen hatte.

Trotzdem waren nur wenige interessiert gewesen. Sich von ihrer Familie zu trennen war unvorstellbar für sie. Meistens war es nur gegangen, indem ein paar Männer sich dazu entschlossen, die auch hier in Kolmannskuppe Arbeit suchten. Die Männer waren oft neugieriger als die Frauen, und so waren einige Frauen mitgekommen.

»Suppe ist fertig«, erhielt sie nun Antwort auf ihre Frage, sogar auf Deutsch. Meistens war es ein Mischmasch, in dem sie sich verständigten. Mittlerweile konnte Ida ganz gut Nama, aber die jungen Frauen hier hatten auch viel von dem Deutsch aufgeschnappt, das überall herumschwirrte. Sie waren sehr sprachbegabt, wie Ida festgestellt hatte. Manche sprachen nicht nur ihre eigene Stammessprache, sondern auch noch andere.

»Kommt frisches Fleisch aus Luderitz?«, fragte eine junge Frau. »Ist alle.« Sie wies durch die Tür hinaus. »Sonst Johannes jagen gehen.«

Ida nickte. »Ich weiß noch nicht genau, was kommt. Bestellt habe ich einiges, aber ist ja immer mehr ein Überraschungspaket, was dann tatsächlich hier ankommt.«

Sie lachte leicht, aber sie merkte sofort, dass Ngunoue, die sich selbst Ernestine nannte, weil sie den Namen schicker fand als den, den ihr Vater ihr gegeben hatte, den Witz nicht verstand. Das war meistens der Fall, denn ironische Bemerkungen waren wohl eher eine weiße Eigenart und für die Schwarzen unverständlich.

»Ist gut«, fuhr Ida deshalb fort. »Wenn nichts kommt, schicken wir Johannes zu einer Antilope.«

3

Warum überlegen Sie sich nicht, mit einem Dampfer in die Kapkolonie zu fahren und von dort nach Deutschland zurückzukehren, wenn Sie es so eilig haben?« Die Wirtschafterin des Hotels sah mitfühlend aus, als sie Henrikes verzweifeltes Gesicht betrachtete. »Es wäre vielleicht schneller. Dort gibt es mehr Dampfschiffverkehr, wissen Sie.«

»Ich befürchte, dass ich mir das nicht leisten kann«, sagte Henrike leise. So ungern sie auch log . . . immerhin war die erfundene Geschichte über ihre im Sterben liegende Mutter eine gute Erklärung für ihre Eile und Bedrückung.

Inzwischen musste ihr Mann alle ihre Freunde in Windhuk verständigt haben und vielleicht sogar die Polizei. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er herausfand, dass sie die kleine Eisenbahn an die Küste genommen hatte. So viele Möglichkeiten, aus Windhuk wegzukommen, gab es ja nicht. Sie konnte einen Schauder nicht unterdrücken.

»Aber nicht doch, beruhigen Sie sich«, rief die Wirtschafterin und schob sie in den Speisesaal. Die Tische waren leer, abgesehen von der Versammlung geradlehniger Stühle. Bis auf die leichte Staubschicht aus Wüstensand, die die Fensterbänke bedeckte, hätte es ein Zimmer in Deutschland sein können. »Ich bringe Ihnen etwas zu trinken.«

Glas klimperte, Flüssigkeit gurgelte, und eine Limonade erschien vor Henrike auf dem Tisch. Kostbare Stückchen Eis trieben im Glas, das bereits Wasserperlen schwitzte. Eis . . . Das erinnerte Henrike an den grauen Himmel Hamburgs und ans Schlittschuhfahren mit Friedrich-Wilhelm auf der zugefrorenen Alster, damals, als er um sie geworben hatte.

Ihre Hände verkrampften sich um das kühle Glas. Ein böiger Wind hatte angefangen, Sand gegen die hohen Fensterscheiben zu werfen, als ob tausend Geisterfinger um Einlass klopften.

»Haben Sie in Erwägung gezogen, bei der Schutztruppe nachzufragen?«, erkundigte sich die Wirtschafterin. »Vielleicht machen sie in so einem dringlichen Fall eine Ausnahme und erlauben Ihnen, auf einem Schiff in den Norden mitzureisen.«

Henrike hätte nach jedem Strohhalm gegriffen, wenn sie das gekonnt hätte. »Ich werde es versuchen«, sagte sie und nickte. Sie nahm einen Schluck Limonade. »Gibt es denn keine kleineren Schiffe, die die Küste zu irgendeinem Hafen hochfahren, wo ich auf einen Dampfer umsteigen könnte?«, fragte sie hoffnungsvoll.

Die stämmige Frau verzog das Gesicht. »Na, es gibt schon eine Menge Schiffe, aber da Sie ganz allein sind, bezweifle ich doch sehr, wie ratsam es für Sie wäre, auf einem Handelsschiff oder einem Fischerboot mitzufahren.« Sie lehnte sich mit verschwörerischem Blick zu Henrike vor. »Ihr Gatte konnte nicht mitkommen?«

Henrike biss sich auf die Lippe. »Sein Geschäft erlaubt es ihm nicht, für längere Zeit davon wegzubleiben.« Das war noch nicht einmal gelogen, denn war er nicht stark daran beteiligt gewesen, die Preußenadler-Bergbaugesellschaft zu ihrem heutigen Umfang aufzubauen?

»Ach, das ist das Problem hierzulande«, seufzte die Wirtschafterin. »Nicht genügend Männer für all die Arbeit. Und wir Frauen sind ja noch viel weniger.« Sie lächelte etwas verschmitzt. »Haben Sie Ihren Mann auch über eine Anzeige kennengelernt, in der Frauen für Südwest gesucht werden?«

Das wäre ja noch schlimmer! »Nein.« Henrike schüttelte den Kopf. »Wir sind zusammen hergekommen.«

»Seit wann sind Sie in Südwest?«, fragte die Wirtschafterin.

»Seit fast einem Jahr.« Henrike kam es viel länger vor. Nicht ein Jahr, sondern hundert Jahre. Jeder Tag hatte sich wie ein Jahr hingezogen, bis sie endlich im Schlaf ein paar Stunden Ruhe finden konnte. Vielleicht.

Ein Lächeln breitete sich langsam auf dem Gesicht der älteren Frau aus, als sie sich in ihrem Stuhl zurücklehnte. Ihre vollen Wangen glühten mit so etwas wie mütterlicher Überlegenheit. »Ach. So kurz erst. Na ja, Sie sind ja auch noch sehr jung.« Bedauernd verzog sie das Gesicht. »Und da müssen Sie jetzt schon wieder zurück. Den weiten Weg. Ganz allein.« Begütigend tätschelte sie Henrikes Hand. »Wird schon gutgehen, Sie werden sehen. Schicken Sie am besten ein Telegramm vom Telegrafenamt an Ihre Mutter. Damit sie sich keine Sorgen macht.«

»Ja, genau, das werde ich sofort tun.« Henrike schob ihr Glas weg und stand auf. »Vielen Dank für die Limonade«, lächelte sie. »Ich werde erst zum Telegrafenamt gehen und dann zur Kaserne, um mich wegen einer Beförderungsmöglichkeit zu erkundigen.« Sie zeigte auf ihren Koffer. »Aber übernachten werde ich sicherlich trotzdem müssen. Kann ich meinen Koffer hierlassen?«

»Aber natürlich!« Die Wirtschafterin schwang ihre stattliche Figur vom Stuhl hoch. »Ich lasse ihn sofort in Ihr Zimmer bringen. Dann können Sie sich gleich frischmachen, wenn Sie zurückkommen.«

Dankbar nickte Henrike ihr zu und verließ das Hotel.


Sand wehte durch den Zaun, der die Pionierkaserne umgab, wirbelte in die Höhe und warf sich gegen Henrike und den sauergesichtigen Wachtposten, der sich weigerte, sie auf das Gelände zu lassen. Ein Pelikan flog über sie hinweg, sein Schatten ein flüchtiges Kreuz im Staub.

Anne Wall: Diamantenküste

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Mit einer Kantine für die Diamantensucher in einem Zelt hatte sie angefangen, und nun hatte sie...
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Henrike suchte Halt an der Hauswand des Geschäfts und kämpfte gegen die Benommenheit an, die ihre...
Es fiel ihr sehr schwer, überhaupt über ein solches Thema zu reden – keine anständige Frau tat...
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Die Männer warfen ihr neugierige versteckte Seitenblicke zu. Peinlich berührt wurde ihr klar, dass...
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Henrike nahm das Glas und trank. Diesmal nicht ganz so gierig wie beim ersten Mal. Auch wenn das...
8 Und Sie haben noch nicht mal Kekse gebacken?«, fragte der dicke Bäcker. Seine Augen über dem...
Mit angehaltenem Atem schlängelte sie sich aus der Türöffnung und behielt die Schatten der Männer...
11 Ist da jemand?« Die Stimme klang gedämpft, als käme sie von sehr weit weg. Henrike öffnete die...