»Ohne einen Termin kann ich Sie nicht hineinlassen, gnädige Frau.« Die wässrigen Augen des Postens fixierten starr einen Punkt hinter Henrike, irgendwo weit in der Ferne.

Sie warf einen Blick über ihre Schulter, um zu sehen, was der Mann anstarrte, aber da war nichts außer der kleinen Gruppe Häuser inmitten sandgelber Landschaft, über der sich der blaue Himmel spannte.

Henrike hätte sich ihm zu Füßen geworfen, wenn sie gedacht hätte, das würde etwas bringen. Konnte er denn nicht sehen, wie verzweifelt sie war? Sture Uniformträger! »Können Sie da gar nichts machen?«, fragte sie dennoch mit sittsam gesenktem Blick, wie es von einer wohlerzogenen jungen Frau wie ihr erwartet wurde. »Es ist äußerst dringend.«

Beinah bedauernd, soweit seine militärisch starre Miene das erlaubte, sah er sie an. »Der Oberbefehlshaber ist nicht hier, und ich bin nur dafür zuständig, das Tor zu bewachen. Sie müssen sich per Post oder Telefon mit dem Sekretär in Verbindung setzen.«

»Bitte!« Oh Gott, kümmerte denn niemanden hier ihr Schicksal? Die Bürokratie war schlimmer als in Deutschland. »Es geht um Leben und Tod«, beschwor sie ihn.

Der Blick des Wachtpostens flackerte für einen Moment. »Damit hat die Schutztruppe jeden Tag zu tun, und genau deswegen gibt es für alles einen Amtsweg. Wenn Sie jetzt bitte –«

»Auf Wiedersehen.« Eine dralle Frau in einem Korsettrock und einer altrosa Jacke kam vom Gelände hinter ihm, nickte dem Mann kurz zu und musterte Henrike von Kopf bis Fuß, bevor sie an ihr vorbeistolzierte.

»Wie hat sie denn Einlass erhalten?«, fragte Henrike ziemlich verdattert.

»Mit einem Termin.« Der gewachste Schnurrbart des Mannes zuckte, und er hielt sich kurz die Hand vor den Mund, bevor er wieder strammstand.

Henrike sah ihn an, dann die Frau, die auf dem sandigen Bretterweg schnell zwischen den Häusern verschwand. Jemand mit Beziehungen, vielleicht sogar Einfluss – die Frau eines Offiziers? Obwohl sie ehrlich gesagt nicht danach aussah. Aber hier in Südwest konnte man nie wissen. Da war alles anders.

Schnell raffte Henrike ihren Batistrock, hielt ihren Hut mit der anderen Hand fest und lief hinter der staubig-rosafarbenen Gestalt her, alle Schicklichkeit in den Wind werfend. »Gnädige Frau! Entschuldigung, gnädige Frau!« Ihre Schuhe klopften einen hohlen Rhythmus auf die Bretter. »Gnädige Frau!«

Die Figur vor ihr drehte sich um.

Außer Atem hielt Henrike an. Ihre Rippen taten wieder weh, und sie versuchte, flacher einzuatmen. »Bitte entschuldigen Sie vielmals, dass ich hinter Ihnen herlaufe, aber als ich Sie aus der Kaserne kommen sah . . .«

Sie bemerkte jetzt, dass das Rouge auf den Wangen der Frau noch mehr glühte, als sie es beim raschen Vorbeigehen gesehen hatte, und deren schockierend kurzen Rock. Mit ihrem breiten Mund, dem vollen Busen und dem hervorstehenden Hinterteil erinnerte sie Henrike fast an einen Strauß. Verwirrt zog sie ihren eigenen Rock gerade.

»Ja?« Eine hochgezogene Augenbraue wirkte nicht sehr einladend.

»Ich habe mich gefragt . . .« Henrike schluckte und legte ihre Hände vor sich zusammen, um sich ein wenig Halt zu verschaffen. »Meine Mutter ist ernsthaft krank, und ich muss nach Deutschland zurückkehren«, fuhr sie mühsam beherrscht fort, »aber es fährt diesen Monat kein Passagierdampfer mehr. Ich hatte gehofft, den Befehlshaber der Schutztruppe sprechen zu können«, sie warf kurz einen Blick hinter sich zur Kaserne, vor der immer noch der Wachtposten stand, als wäre nichts passiert, »um vielleicht auf einem Schutztruppenschiff heimfahren zu können. Und als der Wachtposten sagte, dass Sie einen Termin hatten –«

»Der Wachtposten hat das gesagt?« Die Augen der Frau wurden kugelrund vor Erstaunen.

Henrike bemerkte ein aufgeklebtes Schönheitsmal auf der einen roten Wange. Die Frauen an der Küste schienen eine sehr fremdländische Vorstellung von Anstand zu haben. Unbehaglich trat sie von einem Fuß auf den anderen. »Ja«, bestätigte sie hastig. »Ich frage mich, ob Sie mir vielleicht behilflich sein könnten, jemanden zu sehen, der in der Schutztruppe etwas zu sagen hat?« Sie warf einen bittenden Blick auf die Frau. »Ich meine, da Sie ja anscheinend jemanden in der Kaserne kennen. Bitte«, fügte sie noch fast schon flehend hinzu, weil sie das Gefühl hatte, die Frau nahm sie gar nicht richtig ernst.

Zwei Männer in gutgeschnittenen Jacken und hohen Hemdkragen kamen um die Ecke. Henrike drückte sich in den Türeingang des Krämerladens und zog ihren dunklen Schleier tiefer ins Gesicht.

Die Frau, der nicht viel zu entgehen schien, blickte von ihr zu den sich nähernden Gestalten, dann wieder zu Henrike. »Sie müssen aus Swakop verschwinden?«

»Ähm, ja«, flüsterte Henrike. »Meine Mutter . . .« Sie hatte schon jetzt den Eindruck, die Frau glaubte ihr nicht.

Sie warf dann auch einen sehr forschenden Blick auf Henrike. »Sie sind allein?«

Es war einfach immer furchtbar auffällig, wenn eine Frau allein unterwegs war. Schon deshalb würde Friedrich-Wilhelm keine großen Schwierigkeiten haben, sie zu finden. Eine Frau allein fiel auf. »Ja, mein Gatte . . . konnte nicht mitkommen«, stammelte sie so verlegen und unsicher, dass jeder die Lüge erkennen musste.

Vielleicht tat das die Frau auch, aber anscheinend störte es sie nicht. »Verstehe.« Eine Augenbraue schoss wieder in die Höhe, verschwand fast unter der Flut von braunen Ringellöckchen, die unter dem federgeschmückten Hut hervorquollen.

Henrike beobachtete die beiden Männer, als sie vorbeigingen – nicht ohne den Fußgelenken ihrer neuen Bekanntschaft einen langen Blick zu gönnen. Zu Henrikes Erleichterung sah keiner der beiden sie selbst genauer an.

Die Frau räusperte sich. »Ich werde tatsächlich bald mit einem Schiff abreisen, aber –«

Ja! Henrikes Herz hämmerte gegen ihren Brustkorb. Es sprang fast heraus. Ein Schiff! Es gab ein Schiff! »Bitte, denken Sie, es gäbe irgendeine Möglichkeit, dass ich mitfahren könnte?«, brachte sie gerade noch so fertig hervorzustoßen, bevor ihr die Luft ausging, weil das Korsett solche Atemexzesse nicht erlaubte.

»Nun ja, sicherlich«, sagte die Frau, wirkte jedoch einigermaßen irritiert, »aber –«

»Wann legt es denn ab?« Henrike wäre am liebsten in die Luft gesprungen und konnte sich nicht zurückhalten, die Frau zu unterbrechen, was sie normalerweise nie getan hätte.

Ein leises Zucken schien die Mundwinkel der Frau zu bewegen. »Morgen früh, allerdings –«

Morgen! Henrike schluckte und griff nach den behandschuhten Händen der Frau. »Bitte, wo muss ich mich einfinden?«

Nun endlich schüttelte die Frau den Kopf. »Sie missverstehen mich. Das Schiff fährt gen Süden nach Lüderitzbucht. Zu den Diamantenfeldern.«

»Nach Süden?« Die Worte hingen in der Luft und erstickten alle Hoffnung.

Vorsichtig zog die Frau ihre Hände aus Henrikes Umklammerung. »Sie werden es schwer haben, ein Schiff in die entgegengesetzte Richtung zu finden, abgesehen von den Woermanndampfern. Alle Welt ist auf dem Weg zu den Diamantenfeldern. Der beste Ort für eine Frau.« Sie warf schnell einen Blick über ihre Schulter und sprach leise weiter. »Wenn Sie so dringend von Swakopmund fortwollen, warum fahren Sie nicht nach Lüderitzbucht? Die Möglichkeiten sind unendlich. Ganz im Gegensatz zu dem, was Sie in Deutschland erwartet.«

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