Henrike suchte Halt an der Hauswand des Geschäfts und kämpfte gegen die Benommenheit an, die ihre Gedanken lähmte. Sie schüttelte den Kopf.

Diamanten . . . Natürlich hatte sie von dem Eisenbahnarbeiter gehört, der einen wertvollen Stein zu seinen Füßen gefunden hatte, als er den allgegenwärtigen Sand von den Schienen der Bahnstrecke fegte, die dort gerade gebaut wurde. Windhuk hatte sofort einen Exodus von Glücksrittern, Bergbauarbeitern, Geschäftsmännern und zweifelhaften Charakteren erlebt, die sich alle schnellen Reichtum durch Diamanten im Sand erhofften. Die Zeitschriften zogen Parallelen zum großen Goldrausch Kaliforniens und des Klondike und prophezeiten Unmengen afrikanischer Millionäre, wie die Welt es noch nie gesehen hatte.

Aber was bedeuteten ihr Diamanten? Ja, es wäre praktisch gewesen, jetzt einen zu haben, um ihn gegen eine Schiffsfahrkarte nach Deutschland eintauschen zu können, aber selbst das hätte sie nicht schneller dorthin gebracht, weil sie trotzdem auf die Gertrud Woermann hätte warten müssen. Nun ja, sie hätte zum Kap hinunterfahren können, wie die Wirtschafterin des Hotels es ihr empfohlen hatte. Aber sie hatte ja gar keinen Diamanten.

»Meine Mädchen und ich gehen morgen früh um sechs an Bord der Kunigunde, das ist ein Fischereikutter«, sagte die Frau zögernd. »Wenn Sie es sich nicht leisten können, aber mitkommen wollen, können Sie die Fahrt bei mir in Lüderitzbucht abarbeiten. Sie wären bestimmt sehr beliebt, könnte ich mir denken.«

Beliebt? Henrike starrte sie an. Sie war noch nie in ihrem Leben beliebt gewesen – immer zu beschäftigt damit, Lieder zu komponieren und Klavier zu spielen, und zu impulsiv, wie ihr Vater ihr oft vorgeworfen hatte.

Trotzdem hatte Friedrich-Wilhelm sich daran nicht gestört. Er hatte auch nicht über ihre unmoderne drahtige Figur oder kleine Körpergröße geklagt. Allerdings fand er dann vieles zu missbilligen, kaum dass sie verheiratet waren. Und kurz darauf waren sie nach Südwest gefahren, weit außer Reichweite von Henrikes Familie und allem, was sie kannte. Allem, wohin sie sich hätte flüchten können.

»Ich danke Ihnen sehr, aber ich habe nicht vor, die Diamantenfelder zu besuchen.« Entschuldigend schaute Henrike die Frau an. »Ich muss nach Deutschland zurück. Meine Mutter . . .«

»Ach ja. Ihre Mutter.« Die Frau wirkte auf einmal desinteressiert. »Ich fürchte, in der Beziehung kann ich Ihnen nicht helfen. Mein Einfluss erstreckt sich nicht so weit.« Sie hielt Henrike die Hand hin. »Frau Vogt ist mein Name. Falls Sie es sich doch noch anders überlegen, können Sie mich morgen am Fischereidock finden – und sorgen Sie sich nicht um Geld. Ihr Name war . . .

»Henrike Störtebeker.« Bloß nicht an ihren verheirateten Namen denken. Der Mädchenname ihrer Mutter, die gestorben war, kurz bevor sie mit Friedrich-Wilhelm Hamburg verlassen hatte, schien deren sanfte und starke Persönlichkeit in sich zu tragen. Und würde es auch schwieriger für Friedrich-Wilhelm machen, sie zu finden. »Aber ich habe wirklich nicht vor, gen Süden zu reisen. Vielen Dank nochmals.«

Sie nickte Frau Vogt zu und eilte zum Hafen, wo schaumgekrönte Wellen vom Meer hereinrollten und sich an der Mole brachen.

Kormorane und Möwen tauchten ins Wasser, als es an die unwirtliche Wüstenküste spülte.

4

Nebel verschleierte den Himmel, die Küste und selbst die Sonne, ließ nur einen Schmutzfleck grauen Wassers um die Kunigunde sichtbar. Das rhythmische Knarzen des Schiffs im Auf und Ab der Dünung ertrank fast unter den Ausrufen, Gesängen und der Zecherei der Glücksritter an Bord. Die beiden Ochsen, an Deck zwischen die Essenskisten, Besitztümer und ein wildes Durcheinander von Versorgungsmitteln gesperrt, starrten Henrike trübsinnig an. Eine Unterströmung von Stallgeruch vermischte sich mit der Salzluft und dem Fischgestank, der dem Boot anhaftete.

Henrike zog ihre Strickjacke enger um ihre Schultern und versuchte, so auszusehen, als ob sie ständig allein auf Schiffsreisen ginge. Frau Vogts Mädchen, die unmöglich alle ihre Töchter sein konnten, benahmen sich mit den Männern an Bord auf eine Art, die Henrike Sorgen bereitete.

Seitdem es ihr gelungen war, Swakopmund zu verlassen und sie Zeit zum Nachdenken gehabt hatte, wollte die schockierende Möglichkeit nicht mehr aus ihrem Kopf gehen, dass sie sich von einer Prostituierten auf das Schiff hatte locken lassen. Fieberhaft versuchte sie zu kalkulieren, ob nicht ihre restlichen Mark und Pfennige für die Schiffsfahrt nach Lüderitzbucht reichen und sie davor retten würden, bei Frau Vogt in der Schuld zu stehen.

»Sie sind sehr still.«

Henrike drehte sich rasch um. Ein blonder Mann mit einem schwer zu platzierenden Akzent lehnte neben ihr an der Reling und schob sich einen Pfropfen Kautabak in den Mund. Der breite Rand seines Huts warf einen Schatten über sein Gesicht.

Sie zuckte die Schultern und hoffte, dass sie zu verstehen gab, weder an einer Unterhaltung interessiert zu sein noch zu Frau Vogts Mädchen zu gehören. Verzweifelt starrte sie in den Nebel, der die kahle, braune Wüstenküste verdeckte.

»Wollen Sie nach Kolmannskuppe oder bleiben Sie in Lüderitzbucht?«, wollte der Mann wissen.

»Ich habe mich noch nicht entschieden«, wagte Henrike zu sagen und sah sich nach jemandem um, der sie vor seiner unerwünschten Aufmerksamkeit retten konnte. Wenn doch nur ein Missionar, Lehrer oder Ehepaar an Bord wären! Aber außer den sechs Frauen waren da nur die raubeinigen Diamantensucher und die Schiffsbesatzung.

»Kolmannskuppe ist der beste Ort«, sagte er. »Können Sie sich das vorstellen, Diamanten aus dem Sand zu fischen? Man kann innerhalb von Tagen reich sein!«

Sie nickte und bemerkte die Straußenfeder von Frau Vogts Hut, die in der Brise zuckend hinter den Ochsen entlangwackelte. Sie musste ihre Situation mit der Frau klären. »Ich wünsche Ihnen viel Glück.« Ihre Füße weit auseinander setzend schwankte sie über Deck.

»Sie können mit mir kommen, wenn Sie möchten!«, rief der Mann ihr hinterher.

Mit ihm kommen. Das fehlte mir noch! Henrike stützte sich an einem hohen Stapel Holzkisten ab und stolperte auf Frau Vogt zu. »Entschuldigen Sie!«

Die braunen Ringellöckchen waren von Nebel und Gischt an die Stirn der Frau geklebt. Sie sah unter den beiden Rougeflecken wirklich blass aus. »Henrike.« Frau Vogt nahm ihren Arm und zog sie an ihre Seite. »Ich hoffe, ich darf Sie mit Ihrem Vornamen ansprechen?«

Erschrocken zog Henrike ihren Arm weg. Sie würde nicht eins der Mädchen werden! »Entschuldigung, aber ich ziehe meinen Nachnamen vor«, wies sie Frau Vogt zurück. Dann sog sie die Meeresluft tief in ihren Busen ein. »Ich wollte mit Ihnen darüber sprechen, wie ich meine Fahrt bezahlen kann.«

»Ah ja.« Die schlauen Augen blickten in alle Richtungen über Deck. »Wann möchten Sie denn für mich zu arbeiten beginnen?«

Henrike nahm allen Mut zusammen. »Was für eine Arbeit würden Sie mir denn anbieten?«

Wenn Frau Vogt nicht übel gewesen wäre – was ihr deutlich anzusehen war –, hätte sie wahrscheinlich gelacht. »Haben Sie das noch nicht mitbekommen?«, fragte sie.

Fast hätte Henrike geschluckt, aber sie unterdrückte es. »Ich bin nicht sehr bewandert in diesen Dingen«, antwortete sie, »aber ich glaube, das wäre keine Arbeit für mich.«

Anne Wall: Diamantenküste

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