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»Toni, ich habe noch einen Auftrag für dich«, drang die Stimme der Disponentin des Kurierdienstes aus dem Handylautsprecher.

Das glaub ich jetzt nicht, seufzte Toni und sah auf ihre Armbanduhr. Wer braucht denn jetzt noch einen Kurier? Sie pustete in ihre durchgefrorenen Hände und klemmte sie schließlich unter ihre Achseln, um sie aufzuwärmen, bis die Zieladresse im Display ihres Navis angezeigt wurde.

Den ganzen Nachmittag war sie bereits kreuz und quer durch die Stadt gefahren und hatte sich gerade auf den wohlverdienten Feierabend gefreut. Doch nun zog sie seufzend den Reißverschluss ihrer Jacke hoch bis unters Kinn und versteckte ihre kleine Stupsnase unter dem Halstuch. Ihre kurzen und widerspenstigen Locken verschwanden unter ihrem Helm und sie stülpte sich die dicken Handschuhe über die kalten Finger.

Mit einem satten Brummen erwachte der Motor ihrer Honda zum Leben. Sie würde durch die halbe Stadt fahren müssen, um etwas abzuholen, und wer weiß, wo sie es dann hinbringen musste.

Eisiger Regen fiel aus den tiefhängenden Wolken und verwandelte die Straßen in eine gefährliche Rutschbahn. Toni wäre viel lieber nach Hause gefahren und hätte sich mit einem leckeren Milchkaffee auf die Couch gelegt. Doch die Rechnungen wollten bezahlt werden, und daher kam ein Ablehnen des Auftrages für sie nicht infrage.

So schnell es die schwierigen Straßenverhältnisse zuließen, fuhr sie durch den Abendverkehr. Sie musste sich so sehr konzentrieren, dass sie kein Auge für die festliche Straßenbeleuchtung hatte, die bereits an allen Ecken hing und die Stadt für die kommende Weihnachtszeit schmückte.

Endlich am Ziel angekommen, sprang sie mit dem Helm unter dem Arm die Stufen zu einem hohen Geschäftsgebäude nach oben und trat in das hell erleuchtete Foyer.

Hinter einem langen Empfangstresen saßen zwei Frauen, die ihr gelangweilt entgegensahen.

»Guten Abend, ich komme vom Kurierdienst.« Toni ließ ihre Blicke zwischen den beiden Frauen hin- und herschweifen.

Die Brünette lächelte ihr freundlich zu, doch es war die deutlich schlecht gefärbte Blondine, die ihr einen dicken Umschlag entgegenhielt. »Hier, die Adresse steht drauf. Es wird eine Antwort erwartet. Und zwar heute noch«, fügte sie etwas herablassend hinzu.

»Sagen Sie mal«, protestierte Toni, als sie den Umschlag begutachtete und die Adresse darauf sah. »Haben Sie schon mal rausgeschaut?« Auf die hochgezogenen Augenbrauen der falschen Blondine hin fuhr sie fort: »Bei dem Wetter brauch ich eine Ewigkeit, bis ich dort bin. Dann soll ich warten und wieder hierherkommen?«

»Genau so sieht Ihr Auftrag aus, ist das ein Problem für Sie?« Die Blondine griff nach dem Telefon. »Ich kann auch einen anderen Kurierdienst beauftragen, wenn Ihnen das lieber ist.«

»Nein, schon gut, ich meinte ja nur.« Brummelnd steckte Toni den Umschlag in ihre Umhängetasche und wollte schon gehen, doch die unangenehme Stimme der Rezeptionistin hielt sie auf.

»Wie heißen Sie, ich muss Sie noch anmelden.« Ihre unendlich langen Fingernägel schwebten über den Tasten der Telefonanlage, während sie Toni naserümpfend musterte.

»Toni«, erwiderte sie leicht verwundert.

»Nun denn, Toni«, sagte die falsche Blondine herablassend gedehnt und griff zum Hörer.

Toni wandte sich innerlich kopfschüttelnd ab, verließ das Gebäude und setzte sich auf ihre Maschine. Sie zog noch einmal den Umschlag aus der Tasche und gab die Adresse in ihr Navi ein. Nun denn, F. Eisler, dann wollen wir mal zu dir fahren und hoffen, dass es nicht allzu lange dauert mit deiner Antwort.

Seufzend ließ sie die Honda brummen. Da würde die Couch heute noch länger auf sie warten müssen. Wenigstens kam sie mit dem Motorrad gut durch den immer stärker werdenden Verkehr und erreichte schneller als zuvor befürchtet ihr Ziel.

Toni klappte ihr Visier nach oben und blickte sich verwundert um. Die ganze Straße war hell beleuchtet. Es schien ein regelrechter Wettbewerb um die schönste und aufwendigste Festbeleuchtung zu herrschen. Einzig das Haus, vor dem sie nun stand, lag völlig im Dunkeln. Eine hohe Mauer umgab das Anwesen und schützte das dahinterliegende Gelände vor neugierigen Blicken.

Durch das Tor hindurch versuchte Toni, etwas zu erspähen, doch kein Lichtschein drang bis zu ihr an die Straße. Dann wollen wir mal sehen, ob F. Eisler mich tatsächlich erwartet. Sie drückte auf die namenlose Klingel und wartete.

»Was wollen Sie?«, drang es blechern aus der Gegensprechanlage. Von der Stimme her konnte Toni nicht einmal sagen, ob es ein Mann oder eine Frau war.

»Ich bringe ein paar Unterlagen. Man wollte mich anmelden.« Toni hob den Kopf und blickte in die Kamera, die sie am Rand der Mauer ausgemacht hatte. »Ich bin Toni«, fügte sie noch schnell hinzu.

»Kommen Sie herein.« Wie von unsichtbarer Hand gezogen, schwangen die beiden Torflügel auf.

Toni schob ihre Maschine in den Hof und parkte sie vor dem Haus. Sie pfiff leise durch die Zähne, als sie die große Villa sah, die von der Straße her nicht einmal zu erahnen gewesen war.

Über der Tür flammte ein gleißend heller Halogenstrahler auf. Schützend hielt Toni die Hand über ihre Augen. Mit dem Helm unter dem Arm lief sie die Stufen nach oben und wartete vor der Haustür. Die feuchte Kälte drang durch ihre Motorradjacke und ließ sie zitternd von einem Bein auf das andere hüpfen.

Sie überlegte schon, ob sie klopfen sollte, da wurde die Tür einen Spalt geöffnet. Ein schwarzer Lederhandschuh streckte sich ihr entgegen. »Geben Sie her.«

Etwas konsterniert sah Toni auf den Handschuh. Die Hand, die darin steckte, war eindeutig die einer Frau.

»Wie lange dauert das denn?«, drang eine ungeduldige Stimme aus dem Türspalt.

»Oh, ja.« Toni besann sich, holte den Umschlag aus der Tasche und übergab ihn. Normalerweise wurde sie von ganzen Menschen begrüßt und nicht nur von einem Handschuh in einem dunklen Türspalt.

Der Umschlag verschwand im Dunkel, dann fiel die Tür mit einem satten Klick auch schon wieder ins Schloss.

Verblüfft sah Toni auf die geschlossene Tür. »Hallo?« Mit der Faust hämmerte sie dagegen. »Hallo, hören Sie?«

»Was?« Erneut nur die blecherne Stimme aus einem Lautsprecher.

Toni beugte sich dem Lautsprecher entgegen. »Ich soll auf eine Antwort warten, wurde mir aufgetragen.«

»Nun gut, dann warten Sie eben.« Ein Klick und die Gegensprechanlage war wieder stumm.

Das glaube ich jetzt nicht. Will sie mich tatsächlich hier draußen in der Kälte herumstehen lassen? Dass Kurierfahrer nicht immer mit dem nötigen Respekt behandelt wurden, war Toni ja schon gewöhnt, aber das hier ging wirklich zu weit. Sie suchte die Wand ab und fand einen versteckten Klingelknopf. Ohne zu zögern legte sie ihren Finger darauf.

Es dauerte einen Moment, dann knackte es wieder im Lautsprecher.

»Entschuldigen Sie bitte, aber es ist echt kalt und es regnet.« Toni versuchte, nicht allzu barsch zu klingen.

Wie ein im wahrsten Sinne des Wortes begossener Pudel stand sie vor der Tür und wartete. Kalte Tropfen rannen ihr den Nacken herunter und ließen sie zittern. Entweder, man würde sie jetzt reinlassen, oder sie würde nach Hause fahren. Aber sie würde ganz bestimmt nicht hier in der Kälte stehenbleiben. Auftrag hin oder her.

Nach einigen Sekunden, die Toni wie eine Ewigkeit vorkamen, wurde die Tür erneut geöffnet, und dieses Mal schwang sie weiter auf. »Kommen Sie herein.«

Toni trat über die Schwelle und sah sich nach der Person um, die sie eingelassen hatte. Ihre Augen benötigten einen Moment, um sich von dem gleißenden Licht der Außenlampe an den dämmrigen Halbschatten in der hohen Halle zu gewöhnen. Dabei hätte sie beinahe die Frau übersehen, die ganz in schwarz gekleidet neben ihr stand. Den Umschlag, den Toni ihr zuvor gegeben hatte, hielt sie wie ein Schutzschild an ihre Brust gepresst. Ihr bleiches Gesicht wurde von feinem blonden Haar umrahmt, das in weichen Wellen auf ihre Schultern fiel.

Claudia Lütje: Liebe per Kurier

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